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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1874-03-10 · Heft 11 (10.3.1874) · p. Seite 176

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
38 (1874)
Issue
Heft 11 (10.3.1874)
Date
1874-03-10
Page
Seite 176 (sequence 6)
Language
German
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Die letzte Eisenbahnstation Von Pösen nach Grätzist OpaleNiza, NNd M vMWM mir, büßan dieser Station WeKüäM AN Viertelhündert von Pilgern Talge lang auf FHMerke havren, die in genügender Anzahl Nicht aüfzutreiben sind/ um das wandernde Züdü att dasheißersehnte Ziel zu' bringen. Noch ging der Zug, der die Reisenden ün ihren Bestimmungsort bringen sollte, nicht ab und ich hatte daher Zeit zu fragen, „aus welchem Grunde kommt Ihr aus Eurer frommen Polackei zu uns nach Preußen,- bez. nach Grätz, was Ihr doch vorher Nie gethän?" „Äst Vas bei Euch so sehr verrufene Aschkenas (Deutschland) mit einem Male heilig geworden oder hat ein Bas-Kol s Gottesstimme) Euchden Grätzer Rabbi jetzt als guten Jid, Wünderthäter und Glucksapostel anempfühlen?" „Ja, wohl," rief hierauf einer der Touristen', „unser Rebbe in SchochaNow, der jetzt alt und krank ist, hat uns Reb Aljeh empfohlen, sodann haben wir in seinem jüngst erschienenen Sefer (Büch) gelesen, welche Macht er über alle guten und bösen Geister, ja selbst über den lieben Gott besitzt." Der Zug setzte sich, nachdem diese Worte geredet waren, in Beivegung, NNd ich nahm mir vor, des Rabbi heiliges Buch, das weder ich noch sonst ein Vernünftiger hier auch nur dem Namen nach kennt, einzusehen und deffen Inhalt kennen zu lernen. Nun muß ich bemerken, daß Rabbi Gntmacher in Grätz sich allerdings bereits seit zwanzig bis dreißig Jahren als Kabbalist gerirt, gegen Krankheiten, Kinderlosigkeit und sonstige Vorkommnisse gegen Zahlung, Amulette versendet, indeß hielt sich der Mann immer in gewissen Schranken und machte wenigstens nicht die jüd. und christl. Welt von sich reden. Man kannte den Mann als einen solchen, der an sich und seine Wunderkuren glaubt und ließ ihm dieses kindliche Vergnügen. Auch nur einigermaßen Intelligente unserer Provinz kannten den Mann kaum dem NaMen Nach, und verschmähten natürlich deffen Amuletteüwesen, während nur vereinzelte, vom Zeitgeist nicht berührte Personen aus dem Umkreise seines Wohnortes, ihn in aller Stille aufsuchten oder brieflich mit ihm verkehrten. So lebte und wirkte der Mann in der ihm eigenen Sphäre, ohne Aufsehen zu erregen und in weiteren Kreisen von sich reden zu machen. Ich war, um auf des Rabbi Gutmacher Buch zurückzukommen, daher nicht überrascht, in demselben, deffen eigentliche Tendenz, neben einigen pilpulistischen Themen, die ist, einzelne talmudische Agadahs zu erklären, allerhand kabbalistische und mystische Spielereien zu finden. Der gute Mann konnte es jedoch nicht über sich gewinnen, in seinem Buche zu verschweigen, wie die Kabbala und deren praktische Berwerthung zur Erzielung glückbringender Resultate nicht für Jedermann gemacht sei, und daß nur solche Personen sie praktisch anwenden sollen , denen sich der Prophet Eliah offenbart habe, woraus die naturgemäße Schlußfolge zu ziehen ist, daß Guimacher, der sehr viel prakticirt, von Eliah selbst hierzu designirt worden sein muß. Gatmacher erzählte nun des Langen und Breiten, wie er einem elfjährigen Knabender fiünrm gewesen, eitM furchtbar dicken Leib gehübt, stuf HÄMn und Füßen gekrochen sei, wie ein Hund gebellt habe und blödsinnig gewofeü sei, 4 mötbti (böse Geister) die M besessen hielten, aüsgetriebeN habe. Die 4 Geister hatten'ihren Sitz im Leibe des Knaben. GUtMächer sprach einen Bibelvers, da verließ einer der bösen Geister des Knaben Leib, Und' zwar sah Gütmacher aüs dem blödsinnigen Knaben den Geist durchs' Fettster entwischen. Nachdem der eine Geist aus dem Leibe ausgetrieben war, war der früher an allen Theilen äufgetriebene Leib jetzt nur zu Dreivierteln hoch und aufgedunsen. Weitere Verserecitirett vertrieb die anderen 3- Geister aüs dem Leib, und als dieselben sichspäter in einem Fuße des Knaben festsetzten, wurden sie durch mystische Beschwörungen auch aus ihrem letzten Schlupfwinkel Vertrieben. Die Feder sträubt sich den ganzen Hokuspokus hier niederzuschreiben, nur sei noch bemerkt, daß der große Rabbi schließlich mit vieler Emphase aüsruft: Kommet her, ihr Neueren und Ungläubigen' und skhet die wunderbare göttliche Thät Mit Erttett Augen! Die ganze Historie wird mit großem Pomp und großer Ausführlichkeit erzählt und es ist kein Wunder, wenn der ungebildete und deshalb beschränkte und leichtgläubige Pole, angeleitet von seinen bornirten Rebbes derartigen Fabeln vollen Glauben schenkt. Hierzu kommt, daß Reb Aljeh eine lmponirenve Persönlichkeit ist, die den Firlefanz Mit dem Nimbus der Heiligkeit. und des tief Mystischen zu umgeben weiß, und also aüs den Besucher einen, seine Geheimlehre fördernden Eindruck ausübt, so daß in dem Herzen der Schwärmer auch nicht der leiseste Zweifel an der Möglichkeit der Wunderthaterei eines Menschen aufsteigt. So enkblödet sich ein preußischer Rabbiner Nicht) den Kabbalaschwindel zu nähren und groß zu ziehen und unsere deutsche Provinz von rohen Horden, meistentheils von Alkohol entzündeter polnischer Juden, überschwemmen zu lassen, und so müssen wir uns durch die Schwäche dieses Mannes leider Wallfahrten nach Grätz, ähnlich denjenigen der Franzosen nach Lourdes, gefallen lassen. An jedem vernünftigen und das Heil unserer Religion erstrebenden Israeliten, an der Tagespresse ist es, ohne Unterlaß auf das Unheil hinzuweisett, das durch solche Saaten ausgestreut wird, und das mit der Wurzel ausgerottet werden muß. Unsere lautere, so vernunftgemäße und selbst dem kindlichen Verstände einleuchtende Religionslehre, darf durch die abergläubischen Irrlehren eines Dunkelmannes nicht entstellt und verunstaltet werden. Eine Lehreauf die wir mit Stolz blicken, darf durch unsinniges, nur auf die Dummheit der 'Menschen speculirendes Treiben nicht dem Spotte und der Verachtung preisgegeben werden, eine Lehre, von der wir mit Recht rühmen, „sie ist eure Weisheit und euer Verstand in den Augen der Völker."*) i. */ Wenn wir diesem Gegenstände gegenwärtig einen größeren Raum in unserm Blatte gewähren, so geschieht es nicht blos aus den vön dem gesch. Corresp. angegebenen Gründen, sondern auch nm rechtzeitig zu warnen, da wir immerhin befürchten müssen, daß den hyperorthodo;en Herren an der Spree, am Rhein und am Main die Rolle solches

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