Mannheim
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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1874-03-10 · Heft 11 (10.3.1874) · p. Seite 175

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
38 (1874)
Issue
Heft 11 (10.3.1874)
Date
1874-03-10
Page
Seite 175 (sequence 5)
Language
German
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zwischen Carl Ludwig und -dem Stadtrabbiner von Mannheim an, welcher letzterer zur Zeit der Vereinsgründung florirte; er machte weitere Angaben über die Person des „Mannheimer Iudendoctors," welcher Vorsteher der israel. Gemeinde zur Zeit der Stiftung des Vereins gewesen. Wir würden den Rahmen eines Referats weit überschreiten, wollten wir alle jene lichtvollen Momente des interessanten Vortrags wiedergeben. Der Redner wies an der Hand der weiteren Vereinsurkunden und der von 1690 ab von den zeitigen Kurfürsten den Israeliten ertheilten Schutzbriefe, welche sich in den Archiven des hiesigen Synagogenrathes befinden, die Schicksale der jüdischen Gemeinde während und nach dem orleans'schen Kriege nach. Genau in die Zeit der zweiten Restauration Mannheims falle auch diejenige der israel. Gemeinde und des gefeierten Vereins, wofür die zweite Urkunde ein schätzbarer Beleg ist. Seit dieser Zeit haben sich/Gemeinde und Verein in einem steigenden Wachsthum befunden, denn während der Schutzbrief von 1690 nur 84 jüd.» Familien kennt, spricht der Schutzbrief Carl Theodors (1748) bereits von 200 Familien. In diese Zeit falle eine Erweiterung der Wohlthätigkei des Vereins durch ein demselben zu Theil gewordenes Vermächtniß 1730, zur Ausstattung armer, vaterloser Bräute. Das Datum der dritten . Stiftungsurkunde ist Februar 1786. Gänzlich, neue Quellen, die der Redner benutzt hat, sind: Responsen der zeitigen Rabbiner; das für Seelenfeier bestimmte MemorialLuch der hiesigen Gemeinde und das Archiv des Shnagogenraths. In dem zweiten Theile des Vortrags gab . der Redner in äußerst gedrängter Kürze die Entstehung solcher Vereine im Judenthum überhaupt als vom vierten Jahrhundert herrührend: beleuchtete das Wesen und die Aufgabe des religiös-humanen! Vereins, .wies nach, daß . schon nach den rstrengsten talmudischen! orthodoxen Vorschriften ein solcher Verein auch zur Krankenpflege- und Leichenbestattung von Nichtisraeliten und selbst Heiden ver-, pflichtet sei. Der Redner hob anerkennend hervor, daß der ge^ genwärtige Verein seine religiös-humane Tendenz in vollem Maße gegen Arme und Reiche zur Verwirklichung bringt und forderte| seine Zuhörerschaft auf, diese Tugend, „Liebe den Lebenden und Treue den Todten" treu zu bewahren. Referent kann nicht umhin zu bemerken, daß die Tätigkeit eines solchen Vereins, der gegen Arme und Reiche ohne jegliche Belohnung, ja mit Zurückweisung einer jeden Anerkennung das Werk der Pietät gegen Jeden übt, von einem echt humanen Sinne Zeugniß giebt. — Der ernsten Feier folgte ein frohes Festmahl, welchem jedoch eine warme Ansprache des zeitigen Lehrers des Vereins, des Herrn Rabbiners Lindemann in den Räumen des Klausgebäudes noch voranging. Das Festmahl vereinigte die Mitglieder der Beerdigungsbruderschaft, die Vertreter des Synagogmraths, sowie diejenigen der israel. Kranken- und Wohlthätigkeitsvereine, wobei ernste und. heitere Trinksprüche wechselten. Das erste Hoch brachte Herr Rabbiner Lindemann dem Stadtrabbiner Herrn Dr. Friedmänn aus, der das Fest verherrlichte; weitere galten dem Synagogenrathe, dem Frieden und der Einheit der Gemeinde, worin Mannheim musterhaft unter den Schwestergemeinden Deutschlands dasteht. Wir heben noch hervor, daß Herr Dr. Friedmann in einer besonderen Ansprache mit großer Wärme , die Verdienste der edlen Frauen feierte, welche in demselben Geiste wie der Bruderverein der Bestattung weiblicher Leichen sich .widmen. . . vr. I. Blumenstein. Aus dem Posenschen, 26. Febr. (Privatmitth.) Sie stehen, g'eehrter Herr, stets, in erster Reihe, wo es gilt, feindselige Verleumdungen vom Iudenthum abzuwehren; Sie werden es aber auch sicherlich als die Aufgabe Ihres geschätzten Blattes ansehen, dazu beizutragen, jeden sich zeigenden bösen Auswuchs unserer Religion unschädlich zu machen und nach Kräften zu tilgen. Ein solcher verderblicher, das Iudenthum tief herabwürdigender Auswuchs ist der von Grätz bei Posen aus seit Kurzem betriebene Kabbalaschwindel. Es ist Pflicht der jüd.'Presse, - auf die Verderblichkeit dieses Treibens aufmerksam zu machen und es in seiner ganzen Bornirtheit bloß zu stellen. Zugleich aber ist es der Beruf derselben, jede Verantwortlichkeit für das Gebühren eines einzelnen Schwagers und Fanatikers und seiner Anhänger aus den russischen polnischen Steppen, von dem Iudenthume abzulehnen, welchem doppelten Zwecke nachstehende Zeilen gewidmet sind. „Wohin Alterchen führt Sie der Weg?" so fragte ich vor einigen Tagen einen, in langen Kaftan gekleideten, das Gesicht von gelockten Peies und wallendem grauen Barte umrahmten polnischen Juden, der auf dem Posener Centralbahnhofe auf und abschlenderte. „Wohin ich will? Nun, nach Grätz, zu Reb Aljeh Gutmacher." „Und was wollen Sie dort?" „Erstens, eine gute Broche (Segen), sodann soll mir. der Zaddek (heil. Frommer) zu meinem jetzigen Vorhaben Masel (Glück) bringen." „Ist denn Reb Aljeh ein Zauberer oder ein Vicegott?" so fragte ich weiter, worauf der Alte erwiederter „Aber haben Sie, der Sie doch wohl Preuße sind, noch nichts von den Nissim (Wundern) gehört, die Reb Aljeh gethan und noch thut?" Ich hatte hierauf noch nichts erwiedert, als ich mich bereits von etwa 20 bis 25 polnischen Juden und deren Frauen umringt sah, die ihren Collegen aufsuchten und gleichfalls die Absicht hatten, zu dem Mallech (Engel) in Grätz per Bahn ihre Schritte zu lenken. Der Eine wollte sich eine Kemeie (Amulett) holen, um einen langwierigen Proceß zu gewinnen, der Andere konnte von dem russischen Gebereien keinen Consens zur Eröffnung einer Branntweinkneipe erhalten, und hoffte auf Gewährung seines PetiMms, wenn der gute Äiv ihn gebenschl (gesegnet) haben würde, die pilgernde Frauenschaar versprach sich von der Wallfahrt nach Grätz den ihr bis jetzt versagt gewesenen Kindersegen. Solche Schaaren wandernder polnischer Juden und Jüdinnen sieht man seit einigen Monaten fast alle Tage auf der Straße nach der Residenz des Heiligen, namentlich ist es -die Thorn-Posener Bahn, die täglich neue Haufen von Männern und Weihern aus Polen herführt.

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