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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1874-03-10 · Heft 11 (10.3.1874) · p. Seite 174

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
38 (1874)
Issue
Heft 11 (10.3.1874)
Date
1874-03-10
Page
Seite 174 (sequence 4)
Language
German
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!, Bonn, 26; Febr;'• (Prwatmitth.) In der Sitzung des preußischen Abgeordnetenhauses vom 25. d. wurde vom Minister des Innern öie Vertagung des -Hauses -bis zum-13.-April beantragt und vom Hausegenehmigt. Es ist also die Resolution der Pe- -titionscommission in - Sachen der; jüdischen - Gemeindeverfaffung noch nicht -zur Verhandlung gekommen, und wird hierzu erst nach-dem 13. April an irgend einem Mittwoch, als dem für Petitionen bestimmten Tage sich die Gelegenheit bieten. Wir können also die Gemeinden, Vereine und Privaten, welche sich für diese Angelegenheit warm interessiren und Denkschriften und Petitionen an die Ministerien gerichtet haben, nur auffordern, im Sinne des ersten Leitartikels in Nr. 8 d. Bl. und in der daselbst angegebenen Weise vorzugehen, und ihre Denkschriften und-Petitionen, jede in circa 500 Druckexemplaren, an das Präsidium des Abgeordnetenhauses zur Verkeilung an alle Mitglieder des Hauses bis zum 13. April einzusenden. Es versteht sich, daß die Formel dahin geändert werden muß, daß die Petition, statt an die Minister, an das hohe Abgeordnetenhaus gerichtet sei. Alle diejenigen-Gemeinden, welche bisher. Stillschweigen beobachtet haben , mögendiese Gleichgültigkeit jetzt aufgeben. Wenn wir Lei dem Abgeordnetenhause nur das erreichen, was bisher bei den Ministern des Innern und des Cultus durch die bei diesen eingelaufenen Denkschriften und -Petitionen erreicht worden ist, nämlich, daß die Minister hinsichtlich,, der Lasker'schen Resolution bedenklich geworden, die Ausarbeitung des betreffenden Gesetzentwurfes sistirt haben und zuvor noch Umfrage bei den Kgl. Bezirksregierungen halten wollen — so wäre dies genug Erfolg. Wir wollen nichts weiter, als daß in dieser, die Zukunft unserer Gemeinden so lief berührendem Angelegenheit auch unsere Stimmen gehört und berücksichtigt werden, und wir haben es uns nur selbst zuzüschreiben, wenn dies nicht geschieht, weil wir zu lässig und gleichgültig gewesen. Bethätigen wir nur einen Theil der Rührigkeit und Energie, welche die Gegner der jüdischen Gemeinden entwickeln, so wird unseren Bemühungen der Nachdruck nicht fehlen, da wir die immense Mehrheit unserer Glaubensgenossen auf unserer Seite haben, und. es sich' hierbei um die persönlichen und materiellen Interessen für Niemanden handelt, was bekanntlich bei den Gegnern nicht immer'der Fall ist. Es sind unter den Lei dem Hause eingelaufenen gegnerischen Petitionen mehrere von einzelnen Männern ausgegangen. Auch dies ist nachzüahmen und hat Jedermann den Beruf dazu; denn je mehr Stimmen sich bei dem Hause verlautbar machen^ desto eher werden die Mitglieder desselben, da sie sämmtlich keine Kenntniß der realen Verhältniffe der jüdischen Gemeinden besitzen,, sich bedenken, in diese, einem einseitigen Principe folgend, zerstörend einzugreifen. Mannheim, 23. Febr. (Privatm.) Gestern würde auf Veranlaffung des Großherz. Synagogenrathes das 200jährige Jubiläum der hiesigen Beerdigungsbruderschaft; in der hiesigen Synagoge feierlichst begangen. Der Gottesdienst wurde mit ' einem Choräle ' eröffnet, 'worauf' Herr Stadtrabbiner vr. Friedmänn vor einer dichtgedrängten Zuhörerschaft in einem l1/2 stündigen Vortrag in lichtvoller und klarer Weise die Geschichte des Vereins an der Hand dreier Stistungs urkunden entwickelte. Wir glaubten^ uns in einem akademischen Lehrsaale zu befinden, in welchem ein bewährter Meister aus vergilbten Pergamenten Licht und Leben zu schaffen weiß und dadurch seine Zuhörer auf das Lehrreichste und- Angenehmste fesselt. Wenn man erwägt, daß für eine derartige Studie die Quellen äußerst spärlich fließen und die historische Specialforschung nach dieser Seite erst in ihren Anfängen liegt und dem gegenüber die von dem Redner gewonnenen Resultate, '-dessen glückliche Combinationen und Folgerungen stellt, so wird man den Werth einer solchen Forschung nicht hoch genug anschlagen können und wir können nur den Wunsch äußern, daß derselbe seine historische Arbeit dem Drucke übergeben möchte, wodurch die Geschichte der israel. Gemeinde und der Stadt Mannheim überhaupt einen sehr schätzenswerthen Beitrag erhalten würde. Wir wollen jedoch den reichen Inhalt in Kürze skizziren. Der Redner hat die Beerdigüngsbruderschaft -als ein Moment der Geschichte der hiesigen israelitischen - Gemeinde beleuchtet; letzterer wies er ein hohes Alter zu. Während nämlich von den Geschichtsforschern die erste Spur des Vorhandenseins von Juden in Mannheim erst im Todesjahre Carl Ludwigs (1680) der sich von einem „Mannheimer Jüdenarzte" behandeln ließ, gefunden wird, ist der Redner vielmehr der Ansicht, daß die Entstehung der jüdischen Gemeinde sehr kurz nach der ersten Gründung der Stadt Mannheim (1606) erfolgte. Eine solche Permuthung habe bereits Prof. vr. Fickler leise angedeutet, welche der Redner aber durch neue Belege aus der ersten Stiftungsurkunde des' Vereins und aus den Privilegien der Juden von 1690 ab zur Wahrscheinlichkeit erhob. Sein Resultat ist, daß Kurfürst Friedrich IV., der erste Gründer Mannheims, welcher „alle und jede" Refugiss nach Mannheim zog, auch die jüdischen Refugws der damaligen Zeit herbeirief. Jüdische Refugiäs aber waren Marannen, portugiesische Juden, die nach der Vertreibung der Juden aus Spanien heimlich den alten Glauben bewahrten, jedoch in Folge wiederholter Verfolgung die pyrenäische Halbinsel verließen und die Gemeinden Amsterdam, Rotterdam, Hamburg und Mannheim rc. gründeten. Der Redner gab zu, daß dieses Resultat noch der Bestätigung durch weitere Forschungen, die er vorhabe, bedürfe. Einen sicheren Boden für die Geschichte der jüdischen Gemeinde gewinne man allerdings von der Zeit der zweiten Gründung Mannheims ab und besonders durch die Stiftungsurkunde des Vereins, welche vom Februar 1674 datirt. Er charakterisirt ausführlich die große Persönlichkeit Earl Ludwigs, des zweiten Gründers Mannheims, und dessen Verhällmß zu den Israeliten. In letzterer Beziehung' beleuchtet er die von Carl' Ludwig geschehene Berufung des großen israelitischen Denkers ‘ Benedikt Spinoza nach der erneuerten Heidelberger Universität, er führte einen höchst interessanten Dialog

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