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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1874-03-03 · Heft 10 (3.3.1874) · p. Seite 165

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
38 (1874)
Issue
Heft 10 (3.3.1874)
Date
1874-03-03
Page
Seite 165 (sequence 13)
Language
German
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165 gegen sah: man lern Hause schon von Außen eine Sauberkeit an, die es von seiner Nachbarschaft'vortheilhaft auszeichnete und die im Innern bis zur peinlichen Reinlichkeit sich steigerte. Bernhard stieg schnell die Treppe hinan. Da empfing ihn ein junges Mädchen, in den ersten Jahren der/Zwanzig , frischblühe..d, kräftige mit lebhaftem Ausdruck im Gesichte , wenn auch nicht eben schon, vielleicht kaum hübsch. Sie hatte den Finger auf die Lippen gelegt und winkte ihm nach einem Stübchen, das zum Hofe hinaus lag und wo der Tisch reinlich, wenn auch einfach für das Mittagbrod gedeckt war. „Du bleibst heute sehr lange, Bernhard; die Eltern haben wie gewöhnlich nach eilf Uhr gegessen, und halten jetzt noch ihr Schläfchen, Du mußt also heute allein vorlieb nehmen." „ES thut mir leid, aber ich konnte es nicht ändern. Die Prüfung währte so lange und dann war noch so mancherlei zu thun. Jndeß Du bist ja bei mir, Dora, und das genügt mir, um das Essen nach gethaner Arbeit doppelt gut schmecken zu lassen. Auch habe ich mit Dir mancherlei zu besprechen, und dazu ein Stündchen frei." Das Mädchen lächelte freundlich; die Worte schienen ihr sehr wohl zu thun. Schnell stand die dampfende Schüssel auf dem Tische. „Du bekommst heute auch ein Lieblingsgericht," fügte sie freundlich hinzu. „Du hast es wacker verdient. Der Vater war auch zur Prüfung gegangen, nur daß er das Ende nicht abwarten durfte; Du weißt, die Mutter hält streng auf Ordnung — und da hat er mir Wunder erzählt von den Antworten der Kinder, und wie viel Ehre namentlich Du geerniest hast, und daß alle Eltern ihre Kinder in die Schule schicken wollen. Ich bin sehr glücklich darüber; aber vor Allem iß." Als sie den Deckel von der Schüssel nahm, schien es ihr, als ob er nichl so erfreut davon war, wie sie erwartet hatte, und ihr fragender Blick erhielt die Antwort: „Ja, wenn ich nicht dasselbe Gericht diese Woche schon fünfmal erhalten hätte!" Dies durchzuckte sie schmerzlich. Bernhard aber lachte auf, und legte seine Hand auf die ihrige. „Laß es gut sein, liebe Dora, sprach er,. das Hai nichts auf sich, und wird ja nun bald anders werden." „Anders?" rief das Mädchen erstaunt, „wie meinst Du dies?" ■ , ’. . . „Nun, ich meine, ich sende jetzt mein Gesuch um das Niederlaffungsrecht an den Herzog ab , und hoffe diesmal mit bestem Erfolge. Dann steht unserem Glücke nichts mehr im Wege!" , Dora war von dieser Aeußerung freudig überrascht; bald aber schien ihrer sorglichen Seele ein gewiffer Kleinmuth sich wieder zu bemächtigen; 'und sie fragte etwas zögernd, „worauf stützt sich Deine Hoffnung?"! Doch ehe wir Bernhard antworten lassen, machen wir den Leser mit > dem-Stande der Dinge in dem kleinen sauberen Hause bekannt.- //,//' Bernhard hatte eine sehr harte Schule des Lebens bis jetzt durchzumachen gehabt, und nur die Erfolge, die er in seinem eigenen Geiste und überall, wo er zu wirken hatte, errang, Erfolge, die freilich nicht mit den Ergebnissen äußerer Glücksgüter verbunden waren, entschädigten ihn für unsägliche Anstrengungen und Entehrungen. Der älteste Sohn einer mit Kindern reich gesegneten dürftigen Familie in einem, dem kleinen Staate zugehörigen Landstädtchen, war er nach zurückgelegtem dreizehnten Jahre mittellos in die Welt hinausgesandt worden, hatte, das Leben auf's Kümmerlichste fristend, eine der damaligen Talmud-- schulen durchgcmacht, und sich auf diesem Felde ein großes Wiffen erworben, aber das Glück hatte ihn mit gebildeten Leuten zusammengeführt, und ein unendliches Verlangen nach wissenschaftlicher Bildung erwachte in ihm. Welche Mühsale! Welche Schwierigkeiten, aber auch welche Siege! In seinem achtzehnten Jahre begann er deutsch lesen zu lernen — und in seinem zwanzigsten schrieb er einen Styl, den Kenner für musterhaft erklärten/ Der unruhige Geist trieb ihn auf alle Gebiete des Wiffens, und selbst die Elemente der classischen Sprachen hatte sich sein glühender Eifer bald zu eigen gemacht. Bald war er so weit, daß er in einer mitteldeutschen Stadt in einer der ausgezeichnetsten Familien, in welcher selbst Jean Paul verkehrte, Erzieher der Söhne ward, und sich die Achtung und Freundschaft Aller erwarb. Von hier aus war er, etwa 30 Jahre alt, in sein gegenwärtiges Amt berufen worden. Zu den Einwohnern, welche ihm auf's Bereitwilligste einen Freitisch gewährt, gehörten die Eltern des jungen Mädchens, das wir kennen gelernt, und bald erwachte in den Herzen der beiden jungen Leute eine innige Zuneigung, über welche sie sich zu verständigen nicht zögerten. Die Eltern waren früher wohlhabend gewesen; eine zahlreiche Familie und ungünstige Ereignisse hätten ihre Vermögensverhältnisse zurückgehen lassen, ohne sie in ihrem Alter geradezu unbemittelt zu machen. Man kann sich denken, daß sie über die Liebe ihrer Tochter zu dem armen Lehrer sehr aufgebracht waren, und ebenso die Brüder durchaus nichts davon wiffen wollten. Hier aber zeigte sich die Festigkeit in Doras, ihrer jüngsten Tochter, Charakter. Sie erklärte ihnen rundweg, sie, die sonst der Gehorsam selbst war, und die unermüdliche Pflegerin ihrer Eltern, welche sich allen, auch den schwersten häuslichen Arbeiten, freudig! unterzog, sie erklärte, daß sie unter keiner Bedingung von diesem Verhältnisse abstehen werde. . Hierzu kam die Erwägung, daß sie der Tochter doch nur eine sehr geringe Mitgift zu geben vermochten. Vor Allem aber hatte sich Bernhard einen solchen Respect vor seiner Persönlichkeit zu schaffen gewußt, daß sie selbst noch innerhalb dieser Kämpfe eine entschiedene Abweisung zu geben sich nicht getraueten. Vor Allem war dies bei dem edelherzigen Vater der Fall, der selbst unwissend, aber voll kindlicher Ehrfurcht vor allem Wissen, im Grunde des Herzens die Neigung seiner- Tochter für Bernhard theilte und billigte; so ward der erste Sieg gefeiert^ und da nach der Strenge der damaligen

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