Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 38 (1874)
- Issue
- Heft 10 (3.3.1874)
- Date
- 1874-03-03
- Page
- Seite 164 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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164 Arbeit, als den bezahlten Lohn im Auge zu haben. Und da man nun den Lehrern einen höchst kümmerlichen Lohn zahlt, so mißt man an diesem Maßstabe, die Achtung und Berechtigungab, . die man ihnen zugesteht. Nicht ihre Unentbehrlichkeit, nicht ihre Selbstaufopferung und Hingebung wird in Betracht gezogen, sondern die Kümmerlichkeit der Besoldung, mit der sie zufrieden sein müssen, weil — sie eben Lehrer geworden sind , und nun nicht anders existiren können. Unter den Umständen, innerhalb derer die Vorgänge abspielten, von denen wir zu erzählen Haben, hätte man glauben sollen, daß . bei der äußersten Seltenheit solcher Lehrer, ivelche für die geschaffene Schule benutzt werden konnten, und bei der außergewöhnlichen Befähigung, welche die angesteüten Männer erwiesen hatten, die Dinge hätten anders sein müssen, eine größere Achtung ihnen zu Theil würde, und schon aus der Furcht, sie verlieren und nicht wieder ersetzen zu können, eine bessere Behandlung und ein reichlicherer Lohn für sie erstehen mußten. Aber dies war nicht der Fall. Man hatte nicht einmal diese Furcht; demn man rechnete darauf, daß wenn diese Lehrer selten,. die Schulen noch seltener wären, an denen sie unterrichten könnten, und dazu, kam, daß in jener Zeit eine Veränderung des Wohnortes so viel bedeutete, wie jetzt eine Auswanderung nach Brasilien. Man befragte also die Lehrer gar nicht um ihre Meinung, sondern behielt sich stets vor, über sie nach eigener Meinung. zu verfügen. Und wie kümmerlich waren ihre Einkünfte! Man müßte sich jetzt noch schämen, . .wenn man sie anführen wollte. Um nur ihre Existenz möglich zu machen, erhielten sie Freitische bei den Einwohnern des Ortes, nämlich für jeden Tag der Woche in einer anderen Familie, von welchen Familien freilich Manche wieder alle Vierteljahre oder gar Mo-, nate wechselten. Von den drei an der Freischule angestellten Lehrern ziehen nur zwei unsere Aufmerksamkeit auf sich. Der eine ward Hirsch Schreiber genannt, im Volksmunde, weil er von kleiner Statur war, noch mit einer Diminutivsilbe bereichert. Er war, wie gesagt, ein kleiner Mann, und dabei mager und kränklich, von dunklem Teint mit sehr markirten Gesichtszügen, das lange schwarze Haar aus der Stirn über den Kopf gelegt, bis in den Nacken fallend — aber dennoch in Haltung und Gesichtsausdruck, namentlich durch die schönen, klar blickenden braunen Augen, sowie durch das wohlklingende Organ und den correcten, deutschen Ausdruck von eindringlicher Würde, Ruhe und Gemessenheit, Er war verheirathet, und in den dürftigsten Umständen; dennoch verstand er, ohne die geringste Anmaßung, denn er war die Bescheidenheit selbst, viel zu bescheiden, um sich eine angemessenere Existenz zu erzwingen, ein gewisses Ansehen um seine Person zu breiten, das selbst von den Ungebildetsten nicht verletzt ward. Seinen Beinamen hatte er von seinem ebenfalls kärglich aus- . gestalteten Nebenamte als Gemeindesecretär. Als solcher fand er Gelegenheit seinen guten Styl zu erweisen, und da er zugleich ausgezeichnet vorlas und ein Kenner der deutschen Literatur war, so war er es, den man im Auge hatte, wenn man von deutscher Predigt träumte.- Man wußte, daß man dem kleinen Manne auch dieses Amt für ein Dutzend Thaler würde aufbürden können. Aber selbst hiermit waren die Geschäfte des kleinen talentvollen Mannes > nicht erschöpft. Das Publicum nahm zu ihm seine Zuflucht, wenn es in außergerichtlichen Dingen an: den Fürsten oder dessen Behörden irgend ein Anliegen zu richten hatte.. Niemand verstand dies eindringlicher zu machen, als er; der dafür mit wenigen Groschen, aber auch mit dem Titel „Supplikenschreiber" honorirt wurde. Nicht so war cs mit dem anderen Lehrer. Er war von . mitlerer Größe, stramm in seiner Haltung, energisch in dem Ausdruck seines geistvollen Gesichtes, nur daß er überaus kurzsichtig war, was ihn immerhin in der Freiheit der Bewegung behinderte. Von heller Gesichtsfarbe und in's Röthliche spielenden Haaren. Mit ihm war nicht so 'leicht fertig zu werden. Er hatte weitreichende Einsichten, und sobald Veranlassung vorhanden war, wollte er ihnen Geltung verschaffen, nicht aus eigennützigen Triebfedern, sondern, weil sein Wesen nicht zuließ, gegen seine Ueberzeugung zu handeln. Er hatte schon nicht selten die Commission genöthigt, nach seinen Ansichten zu verfahren, und man hatte sich dabei wohl befunden. Dies ist aber vielen Menschen nicht recht, die bei allem Eifer für die Sache, doch ihre Person derselben, selbst unbewußt, voranstellen. Oder sie Habens ihre Person mit der Sache so identificirt, daß sie dieser unter allen Bedingungen schädlich glauben, was jener mißfällig ist. Lehrer Bernhard kümmerte sich darum wenig, trat überall gern zürück, wo er der Sache nichts nützen konnte, verteidigte aber kräftig seine Meinung, wo er sie entschieden als die richtige erkannte, und sein Beruf ihm die bessere Einsicht verleihen mußte; und verstand es auch, sie durchzusetzen. Man ging daher schon vor-' sichtiger mit ihm um, und hätte dies vielleicht noch mehr gethän, wenn man nicht gewußt, daß er durch ein besonderes Verhältniß sich an den Ort hatte fesseln lassen. In einem kleinen Orte weiß man bald Alles, was Alle betrifft, und merkwürdig ist-die völlige Gleichheit, die hierin zwischen den verschiedenen Ständen herrscht. Der Vornehmste nimmt daselbst vom Thun und Lassen des Geringsten Kenntniß, und der Hofmarschall weiß von Peter ebensoviel wie Peter vom Hofmärschall. An demselben Tage in sehr vorgerückter Mittagsstunde sehen wir die Lehrer aus dem Schulhause heraustreten und sich mit freundlichen Grüßen trennen. Sie hatten in eigener Person die Schulclassen nach der Prüfung wieder anfräumen und in gehörige Ordnung bringen müssen, um am nächsten Tage den Unterricht wieder beginnen zu können. ''Mit hastigen Schritten wandte sich Bernhard nach einer Nebengaffe und stand bald vor einem Hause, auf welchem mit großen Lettern das Wort zu lesen stand: „Hofbuchdruckerei". Das Vorderhaus war durchaus von keinem stattlichem Aussehen , hatte vielmehr weitläuflge Hintergebäude, in welchen sich diegenannte Druckerei. befand., Da-