Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 38 (1874)
- Issue
- Heft 10 (3.3.1874)
- Date
- 1874-03-03
- Page
- Seite 161 (sequence 9)
- Language
- German
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2. Durch wen und mit welchem Erfolge wird jener ge- .meinsame Geldfond verwaltet, welcher auf die gesammte ungarische Iudenheit wegen ihrer Theilnahme an dem 1848/9er Freiheitskriege als Kricgscontribulion geworfen und von Sr. Majestät gnädigst wieder zurückgegeben wurde? Und ist es wahr, daß dieser Fond wohl für die Schulzwecke der israel. Gemeinden verwendet wurde, doch ohne Rücksicht auf das Zahlenverhältniß der Gläubigen der betreffenden Confessionen zu Gunsten der einen, mit absichtlicher Umgehung der andern? 3. Ist es wahr, dqß gegenwärtig die Verwendung des genannten Fonds zur Errichtung eines sogenannten „Rabbiseminariums" ohne Einwilligung und Befragung der einen, d. i. der orthodoxen Confession beabsichtigt wird?" Es kann uns dies nur lieb sein. Das so herausgeforderte Ministerium wird entschieden antworten, und die Situation dadurch geklärt werden. Zu bedauern ist es nur, daß die gesammten politischen Verhältnisse in Ungarn gegenwärtig so erschüttert und schwankend sind, daß jeden Augenblick ein Wechsel der Männer zu erwarten steht, welche gegenwärtig die Negierung in Händen haben. Niemand kann, daher voraussehen, was die Zukunft in ihrem Schooße bergen werde. Doch gerade hieraus entspringt wiederum für diejenigen, welche die Angelegenheiten des Gemeinwohls zu betreiben haben, die Pflicht, diese mit aller Kraft vorwärts zu führen. Schließlich sind die faits accomplis entscheidend. Wien, 17. Febr. (Privätm.) Es ist den Ultramontanen nicht möglich, irgend eine Kundthuung zu machen, ein Schriftstück loszulafsen, ohne sich in gehässigster Weise gegen die Juden zu äußern. Neben den Staaten, die jetzt ihren Zorn auf sich gezogen, neben Deutschland, Italien und der Schweiz, sobald diese mit der gehörigen Portion Schmähungen und Verwünschungen bedacht worden, kommen sofort die Inden an die Reihe, als die vierte Satansmacht, die sich gegen die katholische Kirche, gegen die römische Liebes- und Segensanstalt verschworen hat. Mit der Fastenzeit gehen die Wogen der ultramontanen Zornesausbrüche wieder hoch, und wir werden von der^Kanzeln wieder etwas erleben an Wuthgeschrei und an Verfluchungen. Die äußersten Flügel sind bereits vorgerückt; auf dem einen der glatte, klassisch gebildete und schreibende Cardinal Rauscher mit seinem Fastenbriefe,-der nicht ansteht, die Juden als die Quelle aller socialen Ucbel zu bezeichnen, sie, die „von allen Seiten nach Oesterreich als nach dem gelobten Lande strömen." Auf dem anderen ein Vorstadtsprediger, der seinen Zuhörern die Nummern der jüdischen Häuser auf der Ringstraße angiebt, und die Zimmer in den Häusern, wo die Geldschränke und Schmucksachen stehen, — natürlich um sie in der Stunde der Gefahr vertheivigen zu helfen! — Es hat mir schon mehrmals Nachdenken gekostet, mir zu erklären, weshalb eigentlich die Ultramontanen so fürchterlich erbost auf die Juden sind? Und ich gestehe offen, ich habe den rechten Schlüssel dazn noch nicht gefunden: Gewöhnlich lehrt einem doch die Klugheit, in einem Kampfe so viele wie möglich, wenn sie nicht Bundesgenossen sein wollen, doch in der Neutralität zu erhalten, ja bei Gelegenheit sie zu benutzen. Hätten nun die Juden den Einfluß, den die Ultramontanen in ihren Haßartikeln ihnen immer zuschreiben, so erforderte doch die Klugheit noch mehr, sie zu ignoriren, sie nicht in die Reihe der entschiedenen Gegner zu treiben und zu einem Kampfe auf Leben und Tod zu zwingen. Die Juden haben ja nicht ihre Soldaten aus Rom zurückgerufen, haben nicht die berühmte Bresche in die Mauer von Rom geschossen, halten nicht den Papst im Vatican gefangen, haben weder in Deutschland noch in der Schweiz die kirchenpolitischen Gesetze gemacht, erlassen und ausgeführt, und selbst der Posener Erzbischof sitzt nicht wegen einer Schuld, die er bei einem Juden contrahirt hat, zu Ostrowo. Was bewegt also die Ultramontanen zu diesem Hasse, zu dieser nie ruhenden Herausforderung? Ich weiß es nicht, aber das wissen wir, wo wir unsere ärgsten Feinde jetzt zu suchen haben. Wien, im Februar. (Privatm.) Der „Rechnungsausweis des Vereines Wiener Bet ha-Midrasch für das Jahr 1873" ist erschienen. In dem einleitenden Worte wird zuerst hervorgehoben, daß die Weltausstellung den Besuch vieler Fremden auch dem Bet Ha-Midrasch zuführte, um dessen Bibliothek zu benutzen und Vorträge anzuhören, und daß diese sehr häufig ihre Befriedigung über die Anstalt ausgesprochen. Ferner wird auf die im Mai eingetretene finanzielle Krisis hingewiesen. Aber auch hier stellt man sich die Wirkungen schlimmer vor, als sie wirklich sind. Es heißt darüber: „Die finanzielle Krisis, welche kurz nach der Eröffnung der Weltausstellung eingetreten ist, wurde auch im Vereinsleben unserer Gemeinde fühlbar, da die Spenden, welche eine Einnahmsquelle der Vereine bilden, nicht so reichlich flössen, wie in den Tagen allgemeiner Prosperität. Dennoch können wir constatiren, daß in der Gebahrung unseres Vereines im Jahre 1873 das Gleichgewicht zwischen den Einnahmen und Ausgaben nicht gestört worden ist, obwohl wir der gebieterischen Pflicht nachgekommen sind, den beiden Herren Lectoren und dem Vereinsdiener an unserem Institute Theuerungsbeiträge für das verflossene Jahr zu bewilligen. Diese befriedigende Gebahrung möge als Beweis dienen, daß unser wissenschaftliches Institut treue Freunde und hochherzige Gönner besitzt, auf die es auch unter den schwierigsten Verhältnissen zählen kann." So stellen sich denn auch die Einnahmen für das Jahr 1873 auf 3969 fl. und die Ausgaben auf 3695 flz, und das Capitalvermögen auf 29,550 fl. in Effecten und 1285 fl. in Cassa, ohne den Cassenbestand für das laufende Jahr von 274 fl. Wir hätten nur gewünscht, daß der Bericht noch einiges über die Thätigkeit in der Anstalt selbst mitgetheilt hätte. Die Anstalt könnte allerdings für viele andere Plätze, natürlich nur größere zum Vorbilde dienen, , da sie keine eigentliche geschlossene Schule bildet, also auch dem größeren Publikum geistige Nahrung auf 10