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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1874-03-03 · Heft 10 (3.3.1874) · p. Seite 162

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
38 (1874)
Issue
Heft 10 (3.3.1874)
Date
1874-03-03
Page
Seite 162 (sequence 10)
Language
German
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162 dem jüdisch-theologischen Gebiete darreicht, wenistens allen denen, welche nach solcher verlangen. Wien, im Februar. (Privatmitth.) Wenn ich den Jahresbericht einer wohlthätigen Anstalt oder eines solchen Vereines in die Hand bekomme, so fällt mein Blick zuerst auf die Jahreszahl) seit welcher'die Anstalt oder der Verein besteht; dann, ob ein Steigen oder Fallen stattfindet. Denn am erfreulichsten ist mir der Gedanke, daß man es mit einem Institute zu thun hat, welches nicht einem vorübergehenden Zwecke, einer zeitweiligen Strömung, oder gar nur einem persönlichen Einfälle dient, sondern das sich im Laufe der Zeit bewährt, somit die Nützlichkeit seines Gedankens und die Dauerhaftigkeit der ausführenven Thätigkeit hinlänglich bekräftigt hat. Dieses befriedigende Gefühl kam mir bei dem 3 t. Jahresbericht, den „der Verein zur Beförderung der Handwerke unter den inländischen Israeliten" soeben äusgegeben hat. Also schon ein Menschenalter hindurch wirkt dieser Verein auf's Segensreichste, hat tausende von armen Knabeü zu bürgerlicher Thätigkeit und Ehrenhaftigkeit erzogen und verholfen! Dem Vorwort des Berichtes entnehmen wir: „Der gefertigte Vorstand beehrt sich, mit diesen Zeilen den 3 t. Jahresbericht der Oeffentlichkeit zu übergeben. Die Zahl der unter dem Schutze des Vereins gestandenen Zöglinge betrug in diesem Jahre 346, von denen 55 nach Vollendung ihrer Lehrzeit als Gehilfen abgeschrieben wurden, und 67 zumeist noch vor ihrer Einverleibung in die Genossenschaft, das Handwerk wieder verließen. Neu ausgenommen wurden 102. Entgegen den früheren Jahren — das erste Mal seit dem Bestehen unseres Vereines — hat die Zahl seiner Mitglieder sich in diesem Jahre vermindert, 593 gegen 600, was wohl weniger einer abgeschwächten Theilnahme an der Vereinsthätigkeit, als anderen zur Genüge bekannten Umständen zugeschrieben werden mag. Diese letzten Worte könnten einen Jrrthum veranlassen. Gott sei Dank, der Bestand unserer Wohlthätigkeitsanstalten ist nicht an die Erfolge schwindelhafter Speculation und Gründerei gebunden! Dies beweist der Jahresbericht selbst. Die Einnahmen des Jahres 1873 betrugen 9003 fl. gegen 9073 fl. des Jahres 1872. Die Ausgaben konnten durch ein sorgfältigeres Verfahren mit den Kleidungsstücken um 1000 fl. sich vermindern. Sie betrugen 2627 fl. Der Verein erhielt ein Legat des Herrn Moriz R. v. Todesco von 5000 fl. Der Capitalfonds des Vereins beläuft sich auf 82,883 fl. Wir fügen nur noch die Schlußworte des Berichtes hinzu: „Mit voller Befriedigung können wir auf die Leistungen unseres Vereines im letzten Jahre zurückblicken. Eine bedeutende Zahl hilfloser, verlassener Knaben hat Rath und That gefunden, und ist abermals mehr als ein halbes Hundert von ihnen ehrenhafter bürgerlicher Thätigkeit zugeführt worden." „Möge dieses humane, wahrhaft gemeinnützige Streben auch in Zukunft allgemeine Theilnahme finden!" Wien, 16. Februar. (Privatmitth.) Es „kracht" noch immer fort; geschweige denn, daß sich die Folgen des „Krach", übersehen lassen. Obschon auch hier in gewissem Sinne das Wort n?a Dia p» ‘uw rra p« eingetroffen ist, so kann die Katastrophe denn doch von Vortheil sein, wenn sie gehörig beherzigt wird. Die Folgen derselben zeigen sich bereits bet den Wohlthätigkeitsanstalten: Nicht nur, daß viele Mitglieder mit ihren Beiträgen ausbleiben, selbst die Spenden in. den Gotteshäusern haben bedeutend abgenommen. Auch die Steuern der israelitischen Gemeinde erleiden Abbruch. Die Armenfrage fängt an sich fühlbar zu machen. Von Jahr zu Jahr, steigt die Anzahl der Personen und Familien, die aus den Provinzen nach Wien strömen, und zwar die Wohlhabenden ziehen nach Wien, da sie ihr Vermögen daselbst besser verwerthen können, und die Armen kommen her, weil sie hoffen hier mehr Erwerbsquellen zu finden, und wenn dieses nicht der Fall ist, da giebt es eben zahlreiche Wohlthätigkeitsanstalten, auf die reflectirt wird: Es tagt nun eine Commission des Vorstandes, welche die Mittel in Erwägung zieht, in welcher Weife die verschiedenen Wohlthätigkeitsanstalten centralifirt werden könnten, damit nicht die Falle zu häufig verkommen, wo die Linke nicht weiß, was die Rechte thut. Die religiösen Streitfragen ruhen so ziemlich ganz und gar. Dieses mag wohl daher kommen, weil ein großer Theil der Orthodoxen denn doch zur Einsicht gekommen ist, daß er nur für gewisse Personen die Kastanien aus dem Feuer holen soll. Vielleicht auch, daß die Herren zunächst die Debatten über die konfessionellen Gesetze abwarten wollen. Wie immer, kann man ganz ruhig fein. Es wird die Gemeinde nichts verlieren, wenn diese Fraktion, die ihr nach keiner Seite hin einen namhaften Bortheil bringt, sich von ihr loslöst, wohl aber könnte der Vortheil daraus erwachsen, daß sie dann herzhafter Vorgehen wird, wenn religiöse Fragen auf der Tagesordnung stehen: Der Vorstand ventilirt jetzt die Frage wegen Exmittirung . von Religionslehrern an hiesige Volksschulen. Es besuchen nämlich zahlreiche israelitische Kinder die hiesigen Volksschulen, die thatsächlich gar keinen Religionsunterricht genießen, und zwar kann nicht die Rede von Princip oder bösem Willen sein. Den Schülern und Schülerinnen der Volksschule, die im zarten Alter stehen, ist der Weg in die Religionsschule, die sich in der innern Stadt befindet, oft zu weit, und da die Eltern manchmal die Kosten für den Privatunterricht nicht tragen wollen oder können, andere wieder indifferent sind, oder sich mit der Ausrede vertrösten, daß die Kinder später, wenn sie älter und herangewachfen sind, Religionsunterricht genießen werden; so ist das Resultat, daß thatsächlich ein großer Theil der Heranwachsenden israelitischen Jugend ohne Religionsunterricht bleibt. Diese Verhältniffe wurden in einer Lehrerconferenz der Religionsschule von Profeffor vi-. G. Wolf besprochen und der Antrag gestellt, dem Vorstands diese Verhältniffe zur Kenntniß zu bringen, was auch geschah.

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