Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 38 (1874)
- Issue
- Heft 10 (3.3.1874)
- Date
- 1874-03-03
- Page
- Seite 156 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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156 Es ist das im Vergleiche zu der Zahl der hebr. Druckwerke, welche in demselben Zeitabschnitte von italienischen Druckereien herausgegeben worden sind, namentlich von der berühmten Daniel Bomberg'schen in Venedig, nicht viel und noch ungünstiger gestaltet sich das Verhältniß für die Prager Officinen, wenn man nicht blos die Zahl, sondern auch den Umsang und die Bedeutung der herausgegebenen Werke in's Auge faßt. Der Grund hiervon liegt nicht so sehr in der Verschiedenheit der materiellen Verhältnisse der Juden Deutschlands und Italiens zur damaligen Zeit, als in der Ungleichheit des im 16. Jahrhundert in den nördlichen und südlichen Ländern Europa'- herrschenden Bildungsgrades überhaupt. In Italien, wo sowohl Juden als Christen viel gebildeter waren, ließ man beiderseitig manches bis dahin trennende Vorurtheil fallen, und es hatte sich ein fast inniges Verhältniß zwischen Beiden herausgebildet. Die beiderseitige An-' Näherung wurde hauptsächlich durch das Streben gelehrter und hochgestellter Christen, die hebräische Sprache zu lernen, bewirkt. Der, namentlich in der christlichen Gelehrtenwelt, hochberühmte Grammatiker Elia Levita, ein Deutscher von Geburt, wurde während seines Aufenthaltes in Rom vorn Ordensgeneral der Augustiner, Cardinal Aegidius de Viterbo in's Haus genommen und mit allen Bedürfnissen versorgt, damit er ihm im Hebräischen Unterricht ertheile. Außer diesem Kirchenfürsten saßen noch andere hervorragende Christen zu Levita's Füßen, so der französische Gesandte George de Selva, Bischof von Lavour. Nicht minder ausgezeichnete christliche Schüler hatten Jakob Mantino und Abraham de Balmes. Auch der berühmteste der Humanisten, Reuchlin, welcher später selbst eine hebr. Grammatik herausgab, und von welchem die christliche Gelehrtenwelt Deutschlands zum Studium des Hebräischen angeregt wurde, hat während seines Aufenthaltes in Rom bei einem jüdischen Gelehrten, Obadja Sforno, Unterricht in der Sprache der Propheten genommen. Freilich war es den lernbegierigen Kirchenfürsten und Humanisten nicht so sehr um die Kenntniß der hebr. Sprache an und für sich zu thun, als um in den Besitz des Mittels zu gelangen, durch welches sie in die vermeintlichen tiefen Geheimnisse der Kabbala, welche damals noch mehr die Köpfe von Päpsten und Cardinälen als von Rabbinern verwirrte,, eindringen zu können glaubten. Die Folge davon war, daß in Italien die Herausgabe von hebr. Werken, vornehmlich biblischen, grammatischen und kabalistischen, von christlicher Seite außerordentlich gefördert wurde, und daß daselbst Christen selbst hebräische Druckereien anlegten. Der bereits genannte Daniel Bömberg, ein reicher christlicher Druckereibesitzer, gab die meisten, umfangreichsten und bedeutendsten hebr. Werke. heraus. Bei ihm erschienen unter vielen anderen, bedeutenden und bändereichen Werken zum ersten Male der babylonische und jerusalemische Talmud vollständig und ine Biblia rabbiniea, auch Bombergiana genannt, mit den vielen Commentaren; sowohl Bibel als Talmud versah der Papst Leo X. mit schützenden Privilegien. Mehr als 4,000,000 Ducaten soll dieser berühmteste Drucker von hebr. Werken auf die Herausgabe von solchen verwendet haben. In Böhmen hingegen war der Besitzer einer hebräischen Druckerei auf die jüdische Kundschaft allein angewiesen und bei dieser war damals, wie bei allen in den nördlichen Ländern wohnenden Juden, hauptsächlich nur das Bedürfniß nach den zum Ritus nöthigen Büchern zu finden. Die Prager Drucke aus der Zeit vor 1650 sind, wie bereits erwähnt, sehr selten geworden. Es giebt keine Bibliothek, in welcher Alle zusammen zu finden wären. Auch die berühmte Oppenheimer'sche Sammlung weist in dieser Beziehung Lücken auf, wenngleich die Zahl der in derselben fehlenden Prager Drucke nicht groß ist. Nächst der Oppenheimer'schen sind es die Michael'sche und Wolfenbüttler Bibliothek, in welchen die meisten Prager Drucke aus jener Zeit sich vorsinden. In Prag selbst ist sowohl in der kaiserlichen als auch in Privatbibliotheken nicht viel davon zu finden. Die aus mehreren Privatsammlungen zusammengesetzte Gemeindebibliothek, über welche wir unlängst berichtet haben, enthält nicht mehr als 16 Prager Drucke aus dem bezeichneten Zeitabschnitte, von welchen aber einige in zwei bis drei Exemplaren vorhanden sind. Die erwähnte Bibliothek ist wohl die größte und bedeutendste, welche Prag in diesem Fache je aufzuweiseu hatte. Mehrere Privatsammlungen, von welchen einige, wie die Rapöport'sche, Jeitel'sche und Jerufalem'sche, schon für sich allein ansehnlich zu nennen wären, finden sich hier zu einer großen Bibliothek vereinigt. Wohl enthält die Oppenheimer'sche Bibliothek, seit 1830 in Oxford, eine viel größere Anzahl von Bänden und weit mehr alte Ausgaben, von der unvergleichlich größeren Zahl der Handschriften gar nicht zu sprechen — allein obgleich der Sammler jener seltenen Bibliothek, David Oppenheim, Oberrabbiner in Prag war — 1704 bis 1737 — und hier auch begraben ist, so ließ er doch, merkwürdiger Weise, die. von ihm gesammelten Bücher nicht in Prag, sondern in Hannover, wo sein Schwiegervater wohnte, aufstellen. Von dort kam sie nach Hamburg und 1830, wie oben erwähnt, nach Oxford, indem die englische Negierung diesen Schatz von unschätzbarem Werthe um den Spottpreis von 10,000 Thlrn. für die dortige Universität kaufte. Die österreichische Regierung, welcher dieselbe zuvor zum Kaufe ange-' boten worden war, halte das Anerbieten wegen „Mangel an Geld" zurückgewiesen. Bekanntlich hatte Oesterreich in den zwanziger Jahren auf alles Andere Geld, nur auf Bücher nicht. Die nahezu 6000 Bände zählende „Bibliothek der Israel. Gemeinde" enthält circa 250 Druckwerke aus der Zeit vor 1650. Von diesen sind an 85 in Venedig, 17 in Basel, 16 in Krakau, 11 in Konstantinopel, 10 in Cremona, 6 in Mantua, 6 in Riva di Trento, 5 in Ferrara, 4 in Bologna, 3 in Salonichi, 3 in Sabionetta und die übrigen in Rom, Paris, Antwerpen, Hanau, Köln, Jsny und Lublin gedruckt worden. Prager Drucke befinden sich, wie schon erwähnt, nicht mehr als 16 darunter.