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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1874-03-03 · Heft 10 (3.3.1874) · p. Seite 155

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
38 (1874)
Issue
Heft 10 (3.3.1874)
Date
1874-03-03
Page
Seite 155 (sequence 3)
Language
German
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155 liegt sicher am Anker, und kann weder hinweggerissen, von dannen geführt, noch an eine Klippe zum Scheitern geworfen werden. Was einheitlich und unerschüttert durch die Jahrtausende gehalten und getragen worden, darauf stützt sich unsere Erkenntniß, daran wird sie zu schwankenloser Ueberzeugung; darüber hat der Zweifel des Einzelnen keine Macht, und verfliegt wie leichte Luftwellen über die Oberfläche der Erde. Abhandlungen verschiedenen Inhalts, Hebräische Buchdruckereien und Bibliotheken in Prag«*) Von M. Stark. Wir bemerken zuvörderst, das Eine soll hier erwähnt werden, daß nnter allen Orten Deutschlands Prag zuerst eine hebräische Buchdruckerei besessen hat. Daselbst wurde nämlich schon im I. 1513 das erste jetzt noch vorhandene hebräische Buch gedruckt. Es war das ein Gebetbuch, welches in der Oppcnheimer'schen Bibliothek zu Oxford noch vorhanden ist. lOppenheim, A. 1467 Q. ) Da man bisher nach Uebereinstimmung aller Bibliographen noch kein hebr. Druckwerk gefunden, welches vor dem Jahre 1475 gedruckt worden wäre, so folgt daraus, daß Prag ungefähr 38 Jahre nach der Begründung der hebr. Typographie überhaupt schon eine hebr. Buchdruckerei besesien hat. Wo die Wiege der hebr. Typographie stand und welches als das Erstlingswerk derselben zu betrachten ist, darüber sind die Bibliographen verschiedener Meinung. Nach De Rossi war der Bibelcommentar des R. Salomo Jsaaki, bekannt unter dem Namen Naschi, das erste hebr. Druckwerk. Derselbe wurde zu Reggio in Calabrien 1475 gedruckt. Nach Zunz stand die Wiege der hebr. Typographie in Mantua, wo um dieselbe Zeit der Arzt Abraham Kunat, der die Setzerei gelernt hatte, das große Werk „Arba-Turim“ des R. Jakob b. Aschen zu drucken begann. Allein das genannte Werk erschien ja schon, wie Zunz selbst an einer anderen Stelle seines Buches „Zur Geschichte und Literatur" nachweist, zu Pieve im Jahre 1475 vollständig. Nach einer Mittheilung im Orient Litbl. Jahrgang 1840 trägt ein Gedicht auf die Erfindung der Typographie das Jahr 1474 bis >1475, nämlich 5235 a: m. Aus dem Allen geht nur das Eine mir Gewißheit hervor, daß die ersten hebräischen Buchdruckereien in Italien gegen 1474 oder 147 5 errichtet worden sind, und daß das erste aus denselben hervorgegangene Druckwerk nicht, wie man erwartet hätte, eine Bibel, sondern ein Commentar zur selben oder gar ein rabbinischer Ritualcodex war. Erst zwei Jahre später er- **) Dieser Aussatz, der in der „Bohemia" abgedruckt war, wurde uns sreundlichst vom Verfasser zur Verwendung übersandt. Redaction. schienen die Psalmen mit dem Commentar des berühmten Grammatikers Kimchi. Außer Italien, wo schon vor dem I. 1500 in mehr als zehn Ortenßhebräische Officinen sich befanden, sind noch Spanien, Portugal und die Türkei zu nennen, wo an mehreren Orten, Lissabon, Quadaläjara, Leiria, Konstantinopelmehrere Jahre vor der Errichtung der ersten hebr. Druckerei in Deutschland hebräisch gedruckt worden ist. Jndeß gehören die Prager Drucke, obschon es strenge genommen keind Jncunabeln unter ihnen giebt, nach dem vollgiltigen Zeugnisse Zunz's zu den höchst seltenen, besonders vie älteren als das Jahr 1556. Begründet wurde die hebr. Typographie in Prag von einem Abkömmling der italienischen Setzerfamilie Soncin, Gerson, Kohen oder Katz; dessen Nachkommen, genannt die Gersoniden, führten das von ihrem Ahnherrn gegründete Geschäft über zweihundert Jahre fort, und viele von ihnen waren auch in italienischen,, türkischen und anderen ausländischen Druckereien als Setzer-thätig. Neben der Gersonischen Officin ist von den andern später in Prag angelegten hebräischen Buchdruckereien die der Familie Back die erwahnenswertheste. Bon Gerson Back im Jahre 1585 begründet, erhielt sie sich bis zum Jahre 1789, also mehr als Zweijahrhunderte. Es verdient hervorgehoben zu werden, daß die jeweiligen Chefs der genannten Druckereien nicht allein den Geschäften verstanden, sondern auch an den typographischen Arbeiten thätigen Antheil nahmen. Nichtsdestoweniger standen dieselben bei ihren Glaubensgenossen in hohem Ansehen und bekleideten Manche von ihnen sogar das Amt eines Gemeindevorstehers. Zu diesen letzteren gehört auch der Sohn des Gerson Katz, Mordechai Zemach, dessen Name in die Annalen der Prager Judenschaft mit goldenen Lettern verzeichnet zu werden verdient. Als nämlich die Juden aus Prag im Jahre 1561 auf Befehl des Kaisers Ferdinand!, vertrieben wurden, und der Kaiser das Gesuch des Adels, sie wieder zurückzurufen mit dem Bedeuten abwies: er habe geschworen, die Juden auszuweisen und dürfe seinen Eid nicht brechen, da war es Mordechai' Zemach, der eine damals für einen Juden mit großen Gefahren verbundene Reise nach Nom unternahm und mit großen Opfern die Entbindung des Kaisers von seinem Eide beim Papste Pius IV. erwirkte, worauf die Juden wieder nach Prag zurückkehren durften. Eine eigenthümliche Gewohnheit der jüdischen Jünger Guttenbergs und insonderheit der Prager war es, ihren Namen am Ende der von ihnen gesetzten Werke zu verewigen; nicht selten geschah dies durch ein Akrostichon. Diese Eigenthümlichkeit hat aber das Gute, daß sie bei Werken, welche ohne Angabe des Druckortes oder des Druckjahres gedruckt sind, was, nebenbei bemerkt, bei den alten hebr. Druckwerken nicht selten der Fall ist, Anhaltspunkte zur Eruirung derselben bietet. Ans den hebr. Officinen Prags sind von deren Begründung bis gegen das Ende des dreißigjährigen Krieges, was einen Zeitraum von nahezu 150 Jahren ausmacht, nicht mehr als 250 Druckwerke hervorgegangen. 10*

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