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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1874-03-03 · Heft 10 (3.3.1874) · p. Seite 154

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
38 (1874)
Issue
Heft 10 (3.3.1874)
Date
1874-03-03
Page
Seite 154 (sequence 2)
Language
German
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154 ersten Grund betrifft, so können wir ihn nicht gelten lassen; oB ‘ statt 90 Schüler 60, ob statt 60 Schüler 40 die. Schule besuchen, ist gleichgültig. Lieber kann man die Classen mehr zusammenziehen. 'Immerhin ist es nicht ohne Bedeutung, daß es von größerem Erfolge ist, wenn ein Lehrer eine geringere Zahl Schüler zu unterrichten hat, als wenn diese in die bereits überfüllten Classen einer katholischen oder evangelischen Volksschule mit eingepfercht wird. Hinsichtlich der Lehrer müssen die nothwendigen Anstrengungen gemacht werden. Dann wird man sie auch noch finden. Der Lehrermangel ist freilich constatirt. Es helfe jetzt wenig, daran zu erinnern, daß wir diesen dereinstigen Lehrermangel unseren Glaubensgenossen schon 1837 warnend vorausgesagt haben. Mögen vielmehr die Gemeinden darin eine Mahnung finden, die bestehenden Lehrerseminare kräftiger zu unterstützen und möglichst noch neue zu gründen, und andererseits den Lehrern eine achtungsvolle Stellung und auskömmliche Besoldung zu schaffen. Man erhalte sich also, was man hat! Schwieriger sieht es. allerdings um die Gründung neuer jüdischer Schulen da, wo man bis jetzt keine solche hatte. Welch' ein Wunder! Seitdem die naive Gläubigkeit in einem großen Theile der civilisirten Menschen dem kritischen Verstände Platz gemacht, hat Ulan sich viel mit den in der h. Schrift erzählten Wundern beschäftigt. Theils suchte man sie auf natürliche Erscheinungen zurückzuführen, die nur in den Augen der damaligen, noch kindlichen Menschen für wunderbar galten, theils begegnete man ihnen mit ungläubigem Lächeln und behandelte sie als Fabeln, theils dachte man an wirkliche Vorgänge, die jedoch durch die Sage vergrößert und ausgeschmückt worden seien, theils ließ man sie ruhig stehen, da sie den eigentlichen Inhalt der Lehre und des Gesetzes nicht berühren. Und doch welch' ein viel größeres, erstaunenswertheres Wunder hat man vor sich, geschichtlich zweifellos, sichtbar noch heute, noch heute lebendig! Einem Volke wird vor mehr als drei Jahrtausenden die Lehre vom einzigen, einigen, unkörperlichen und gestaltlosen Gotte mit all' den Consequenzen dieser Lehre, für Weltschöpfung, M^nschenseele, Einheit des Menschengeschlechts, Gleichheit, Liebe und Recht übergeben, einem kleinen, schwachen, eben der Sklaverei entronnenen Volke, und diese Lehre faßt in diesem Volke Wurzel und besteht in demselben durch mehr als drei Jahrtausende, und das Volk besteht in dieser Lehre durch alle diese Zeiten und deren großartigen Wechsel! Das Volk kämpft zuerst in .seinem eigenen Schooße einen fast tausendjährigen Kampf (bis in die Mitte des sechsten Jahrhunderts vor der gewöhnlichen Zeitrechnung) um diese Lehre; es widersteht seinen eigenen heidnisch gesinnten Königen, 1 ' Fürsten und Priestern und folgt dem begeisternden Rufe redegewaltiger Propheten. Es wandert in die Verbannung und pflanzt die Standarte 'dieser Lehre mitten in semer Gefangenschaft auf, kehrt mit ihr, ein kleiner Haufe, in das verwüstete Vaterland zurück und baut vor Allem jubelnd und weinend zugleich diesem einigen und einzigen Gotte den Altar wieder auf. Es vertheidigt diese Lehre mit siegreichem Arme gegen übermächtige Zwingherrn und versenkt in dieselbe sein ganzes Geistesleben. Aus tausend Wunden blutend sieht es seinen Tempel fallen, seine Hauptstadt zertrümmert, seine Kämpfer getöbtet oder als Sklaven verkauft, sein Land sich entrissen, aber es wankt > nicht. Es zieht hinaus und zerstreut sich über alle Länder der Erde, und wo es selbst in der kleinsten Gruppe Boden faßt, da gründet es Lehr- und Bethäuser für die Lehre und das Gesetz seines einig-einzigen Gottes. Die Töchterreligionen, die dieser Lehre entstammen, erheben sich gegen deren Bekenner, schließen sie aus allen Lebenskreisen aus, bedrücken, verhöhnen und verfolgen sie, um möglichst ihre Ausrottung zu bewerkstelligen. Aber allen diesen Gräueln leistet dieses Volk, unverwüstlichen Widerstand und findet in seiner Lehre und seinem eigenen Geiste immer und immer die Mittel, alle Angriffe abzuwehren,. sich zu. vertheidigen, seinen Bestand zu sichern, und alle möglichen Opfer der Erhaltung dieser Lehre zu bringen. Nicht Verlockung reizt es, nicht Verfolgung zwingt es zum Abfall. Wirb es in einem Lande vernichtet oder verjagt, sucht es in einem andern eine Zufluchtsstätte. Eine bessere Zeit kommt, und rasch tritt es in das allgemeine Cultur- und Völkerleben ein, besteht kräftig den Proceß geistiger Umwandlung, ohne an der Liebe und Anhänglichkeit für seine Lehre zu verlieren. Es baut neue Tempel, errichtet neue Bethäuser, und feiert seinen alten Gottesdienst, wenn auch , nach und nach in Formen, die der neuen Zeit Zusagen: stehen wir hier nicht vor einem Wunder, vor welchem alle, die das Alterthum erzählt, als unbedeutend, kaum beachtenswert zurückweichen? Wir werfen einen Blick auf alle anderen weltgeschichtlichen Erscheinungen der Menschen. Wie lange währte die hohe Geistesblüthe der Griechen? Wie lange hielt die kriegerische Kraft des römischen Volkes aus? Was haben Egypter, Inder und Perser gethan, nachdem sie im grauen Alterthum in kurzem Aufschwung eine einzige Geistesfrucht hervorgebracht hatten? Wie kurzlebig sind noch immer die höheren Geistesphasen der modernen Völker gewesen? Dann erst, nach dieser Betrachtung erscheint uns jenes Wunder in seiner ganzen Bedeutung und in seinem ganzen Umfang. Was will dagegen ein Durchzug durch ein auf kurze Zeit trocken gelegtes Meer, ein einsamer, erzitternder und rauchender Berg der Wüste sagen? Und doch steht jenes Wunder vor uns, zweifellos, sichtbar, lebendig. Dieses geschichtliche, zweifellose, lebendige Wunder ist aber der wahre und feste Grund und Boden, in welchen das Schiff unserer Religion seine Anker gesenkt hat. Mag die Fluth stürmisch 1 ober ruhig, trübe oder klar darüber Hinwegströmen, unser Schiff

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