Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 38 (1874)
- Issue
- Heft 9 (24.2.1874)
- Date
- 1874-02-24
- Page
- Seite 148 (sequence 12)
- Language
- German
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148 nicht so rein geblieben, als sie war, und schon durch den Zwiespalt ihrer Stellung wird sie demoralisirt — ich hatte sie auch zur Liebes- und nicht zur Tugendheldin bestimmt — und so weigert sie sich, dem Gebote des Alten Gehorsam, zu leisten. Sie kann den König für die Juden gewinnen dadurch, daß sie, die Geliebte, dem verhaßten Volke angehört; sie kann ihn aber auch dadurch für sich verlieren. Das sollte wieder eine wichtige Scene werden, in welcher die ganze Gewalt und Autorität talmudistischen Priester- und Rabbinerthums sich geltend machen konnte, durch welche die rebellische und gottesleugnerische Tochter von der Hoffart der Welt zur Unterwerfung und zum Gehorsam unter die Herrschaft des Glaubens gebracht wurde. Hierauf wäre die Scene gefolgt, die biblische, wo sie es wagt, ungerufen vor den König zu treten, und Gnade findet vor den Augen des Gebieters, welcher nun auch zugleich bei Lesung jener Stelle in der Chronik von Esther erfährt , daß der Unbekannte, welchem sich der König zu Dank verpflichtet erklärt, gleichfalls ein Jude, daß es Mardochai gewesen. Das stimmt den launenhaften asiatischen Despoten völlig um und läßt ihn Haman's Bosheit deutlich erkennen, die er zu strafen beabsichtigt. Hinterlistig fragt er den indessen herbeigekommenen Günstling, wie er einen Mann .belohnen solle für treue Dienste, und Haman, der da meint, es könne nur von ihm die Rede sein, schlägt vor, den Verdienstvollen auf einem prächtigen Pferde umherzuführen, das der höchste Diener des Staates am Zügel halten solle, und ihm die königlichen Ehren erzeigen zu laffen. Indem er hört, daß Mardochai der zu Ehrende, er selbst aber der Führer feines Rosses sein solle, wie das Alles genau so in der Bibel zu lesen ist, bricht er sogleich zusammen in der Ahnung, daß es mit ihm zu Ende gehe, und er erkennt in Esther, die nun offen als Jüdin auftritt , eine Feindin, mit welcher zu ringen nicht mehr in seiner Gewalt stehe. Im nächsten Acte liegt er vernichtet, Gnade flehend zu der Königin Füßen, welche er zu umfassen sucht; sie weist ihn kalt ab, indem sie dieselben gleichgiltig auf die Bank oder auf das Ruhebett, auf welchem sie saß, heraufzieht, und. läßt Haman sterben. Auch die Zares, welche eine aufopfernde Rolle für die Bafthi gespielt und sich immer mehr gehoben hat, stirbt." Grillparzer schwieg, offenbar angegriffen von der Gewalt, die er sich angethan, entschwundene Erinnerungen zu sammeln und aneinanderzureihen. „Und die Esther?" fragte ich nach einer Weile, in welcher wir der Freude über die Erzählung dieses interessanten Planes und dem Bedauern, daß es beim Plane geblieben sei, Ausdruck gegeben hatten — „und die Esther?" „Stirbt auch, stirbt auch, nachdem sie eine Canaille geworden ist," erwiderte der Dichter mit einer Bewegung der Hand, welche andeutete, daß keine weitere Erörterung mehr von ihm zu erwarten sei; „stirbt auch oder führt ein qualvolles Leben neben dem krankhaft erregten König, nachdem ihr selbst die Rolle Haman's zugefallen ist, den Launen des Gebieters zu fröhnen, und sie Mardochai, entweder weil er zu alt,^ oder weil er auch schon gestorben, nicht mehr zur Seite hat, um sich gegen die mm ' sie allein bedrohenden Stimmungen des unsteten Despoten aufrechtzuerhalten." Wir waren sehr verwundert, daß das holdselige Geschöpf,, die Esther der ersten Scenen, so endigen sollte. „Sie muß sich gleich zu einer Entstellung der Wahrheit, zur Verleugnung ihres Glaubens bequemen. Darin liegt der Keim des Verderbens von Anfang an. Wie ich schon früher sagte: durch Unwahrheit ist sie Königin geworden, und so ist die Unmöglichkeit, sich Unschuld und Reinheit zu bewahren, von vornherein gegeben. Sollte sie eine Tugend bleiben,' so mußte die Verleugnung ihres Glaubens; die Weigerung, ihn zu bekennen, weggelaffen werden. Die Zwischenfälle, die das vorbereiten, und die Umriße, welche die Gestalt der durch Jntriguen hart gewordenen Königin zeichnen, sind mir gänzlich entfallen." Vermischtes. Wie verschieden man die Dinge ansehen kann! In einer der letzten Sitzungen des preußischen Abgeordnetenhauses .bemerkte der bekannte Führer der Centrumspartei, Herr von Mallinckrodt, daß die Stadt Aachen für die jüdischen Schüler mehr ausgebe als für die protestantischen und für diese mehr als für die katholischen, und hob dies, als ein Zeichen der Toleranz hervor. Sofort trat ein Gegner auf, und sagte; Nein! das ist gerade ein Zeichen der Intoleranz! Aachen will durchaus keine confessionslose Schule und zahlt daher lieber für Juden und Protestanten mehr als für Katholiken, um die confefsionellen Schulen aufrecht zu erhalten! Das Berliner Kammergericht hat jüngst entschieden, daß der Ausdruck „Schnorrer" eine Beleidigung enthalte, weil er gleichbedeutend mit „Herumtreiber" sei. (Im Volksmunde bedeutet das Wort doch wohl noch mehr „gewerbsmäßiger Bettler"; vielleicht aber ist dies letztere keine Beleidigung, weil es auch als ein ehrliches Gewerbe betrieben werden kann!) A a ch trag. Alls Westphalen, im Febr. (Privatm.) 'Der Jahresbericht der „Unterstützungseaffe des Vereins israel. Elementarlehrer für Westphalen und die Rheinprovinz" ist eben erschienen. Der Inhalt liefert einen erfreulichen Beweis