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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1874-02-24 · Heft 9 (24.2.1874) · p. Seite 147

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
38 (1874)
Issue
Heft 9 (24.2.1874)
Date
1874-02-24
Page
Seite 147 (sequence 11)
Language
German
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147 seinen Abschluß finden kann, in dem Befehl, de.. Mardochai der Esther giebt, ihre Herkunft, geheimzuhalten.) Das sollte den- Knotenpunkt des ganzen Dramas bilden, in welchem ich Ideen, von Staatsreligion und Duldung, aussprechen wollte, die mich hauptsächlich auf diesen Stoff geführt hatten, und die Religion und nicht die Liebe sollte den Inhalt dieses Dramas .ausmachen, ja die letztere nur den Knoten in schöner Weise schürzen. Die Heirath des Erzherzogs Karl, des Bruders vom Kaiser-Franz, des Feldherrn in den napoleonischen Kriegen, mit der Prinzessin Henriette, welche eine Tochter des Herzogs von Nassau-Weilburg und eine gar herrliche Frau — die allgemein geliebt und verehrt wurde — und eine Protestantin war, chatte eigentlich im Volk , das heißt in der wiener Bevölkerung, auf solche Ideen geführt, die damals in Oesterreich noch ganz fern lagen und nun in der Gesellschaft und-in den Familien zu vielerlei Gesprächen über Religionsfreiheit und derartige Dinge führten. Das war auch vielleicht mit ein Grund, weshalb es bei mir nicht zur Fortsetzung kam; denn ich hätte ja meine Arbeit vor der Polizei sorgfältig verbergen müssen, und solche Heimlichkeiten waren mir äußerst verhaßt." Grillparzer wendete sich an meine Begleiterin und erzählte ihr, was ich schon wußte, d)»ß zur Zeit von Kaiser Franz bei ihm strenge Untersuchung gehalten worden sei, ob sich keine siaatsgefährlichen Schrifen fänden. „Ich kann mich nicht erinnern, ob Esther auch in biblischer Darstellung ihren Glauben verheimlicht," sagte ich, um das Gespräch wieder auf den Gegenstand zu lenken. „Ja," erwiderte Grillparzer, „sie verschweigt auf Mardochai's Geheiß, daß sie eine Jüdin, eine Angehörige der in der babylonischen Gefangenschaft befindlichen und dort verhaßten und verachteten Juden sei, und darin sollte die Schwere des Conflictes liegen. Ich habe die Verschwörung gegen den König in einen Mordanschlag der Partei Vasthi gegen Esther umgewandelt, von welchem Mardochai, wie schon gesagt als Thorwächter Kunde erhalten, und Esther hat dem Könige mitgetheilt, paß sie vor einem Anschlag gegen ihr Leben gewarnt sei. Und als die. Kämmerlinge den Morgentrunk im dritten Act in goldenen Bechern darreichen, einen dem Könige und einen der. Königin, fordert Ahasverus, mißtrauisch gemacht, Esther in Bightan's Gegenwart auf, die beiden Becher zu wechseln. Das liegt nicht in der Verschworenen Absicht; der König soll nicht sterben, im Gegentheil, er soll leben für Vasthi, und so fällt Bightan ihm zu Füßen und gesteht sein Verbrechen. Der König fragt darauf Esther, wer ihr die Mittheilung dieser Unthat gemacht, und sie, um ihre Herkunft nicht zu verrathen, giebt vor, es nicht zu wissen, sie von einem Unbekannten erhalten, M Haben, woraus Ahasverus befiehlt, den Unbekannten als Einen, pem der. König Dank schulde, in die Chronik einzutragen.,Wie. es der Bibel steht." m :h Der alte Herr hielt plötzlich mne^ das Gespräch chatte offen-, bar alte Erinnerungen geweckt. Er schien sich zu besinnen und sah schweigend eine.Weile vor.sich hin. > r :' „Und wie geht es dann' mit der Entdeckung, ■ daß Mardochar der zu diesem Danke Verpflichtende sei?" fragte ich schüchtern nach einev Pause. ,,Mardochai," fuhr Grillparzer fort, „Mardochai, welcher Haman fortwährend die Ehrerbietung weigert, die er nur seinem Gotte darbringt, sich nicht vor ihm auf die Erde wirft, nicht auf den Knieen vor ihm liegt, wie es zu Susa üblich, erregt dadurch den Grimm des Mächtigen, der ihn für einen Feueranbeter oder Juden hält; da er ihn aber nicht allein vernichten kann, überträgt er seinen Haß auf alle Juden, und beschließt, diese Störrischen zu vertilgen, und Bightan, welcher aus Pqbylon. kommt, wo gleichfalls großer Widerwille gegen sie bestanden .haben mochte, bestärkt ihn in seinen üblen Absichten. Haman stellt nun dem König vor, wie die Verschiedenheiten der Religionen im Staate nicht zu dulden seien und welche Gefahren daraus entspringen können. Hier wäre eine große Scene über das Recht des Staates der Religion gegenüber, über die Stellung der Religion im Staate, -über Glaubensfreiheit, politische Rechte und kirchliche Satzungen, gekommen. Da ist gleich so ein Punkt gewesen, der mir alle Lust zur weiteren Arbeit nahm; denn das hätte damals unter keiner Bedingung gespielt, vielleicht — ja ganz gewiß — nicht einmal gedruckt werden können. Und ich hatte, wenn ich etwas Dramatisches schrieb, immer die Vorstellung, das müsse gespielt werden, und ohne diese Voraussetzung hat mir die Lust zu aller Anstrengung, zu aller Arbeit gefehlt. Ja, und noch heute frage, ich bei jeder Vorstellung, von der ich höre, zuerst : Was hat das 1 Publicum gesagt? und noch heute ist meine Ueberzeugung, daß " nur das, was gespielt wird — lebt. Es giebt wohl ein Ausnahms-Publicum, daß dramatische Werke durch die Literatur kennen lernt." „Ich habe," sprach er weiter, .„das gar zu Grausame in. der heiligen. Schrift gemildert. Die Galgen,. welchen man. aus, ästhetischen,Gründen in einem Drama füglich keinen Raum gönnen kann — obwohl Manche jetzt oder später anders darüber denken mögen — sowie die durch diese Todesart beabsichtigte Vertilgung der Juden habe ich in die für. sie gewiß herbe Strafe der Auslieferung ihrer heiligen Bücher an. die Perser und die Unterdrückung ihres Cultus umgewandelt. . . Und wie sie nun, um ihres Glaubens willen, verfolgt werden undin dem großen Jammer üher den Verlust ihrer Heiligthümer, welcher ja -ihr Höchstes uyd Theuerstes^ den Bestand ihres Glaubens, in Frage stellt, klagen, und da sich Alles auf's Schlimmste für sie gestaltet, befiehlt Mardochai. cher. Esther, für ihr Volk einzutreten und zu erklären, daß.sie den Verfolgten angehöre. Diese aber ist durch Schweigen eine Königin geworden, durch Verheimlichen ist sie es ge-- hlieben;- sie mag auch den König lieben, umsoweniger aber fühlt, sie Neigung,, das Schicksal der Vasthi zu erfahren.. Sie, ist auch 9* '

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