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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1874-02-24 · Heft 9 (24.2.1874) · p. Seite 142

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
38 (1874)
Issue
Heft 9 (24.2.1874)
Date
1874-02-24
Page
Seite 142 (sequence 6)
Language
German
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sondern auch Frauen zu dem Seher, und kommt die Menge nicht allem aus unserer Provinz, sondern auch tief aus Russisch- Polen, wohin schon Der Ruf des Grätzer Weisen gedrungen. Die Heimkehrenden antworten auf Befragen, was ihnen der Wunderrabbi gesagt hat, mit einem Seufzer und den Worten: „ach, wenn nur die Hälfte in Erfüllung gehen möchte!" Ob überhaupt von den weisen Voraussagungen des Rabbi schon ein Jota in Erfüllung gegangen , ist nicht bekannt. Mundus vult decipi!" Ich bemerke dazu, Daß der „Wunderrabbi" der Grätzer Rabbiner Guttmacher ist. Derselbe stand bei den orthodoxen Juden der östl. Provinzen und besonders in Russisch-Polen schon lange im Gerüche der Heiligkeit, und wie mir aus authentischer Quelle berichtet wird, giebt er schon seit zwanzig Jahren Proben seiner kabbalistischen Kunst. Durch die „Gnade Gottes", wie die Gläubigen sagen, und durch die wandernden Schnorrer, wie die Ungläubigen hinzusetzen, ist er den Menschen als Wohl- und Wunderthäter offenbart worden. Daß der Schwindel dabei nicht klein ist, liegt in der Natur der Sache. Wie es einem modernen Heiligen zukommt, werden die Klienten nur nach der Nummer des Billeis einer Audienz und der immer zweideutigen Tröstungen oder überschwänglichen Segnungen theilhaftig. Fama will wissen, daß unheilbare Kranke oft 2 bis 3 Tage warten müssen, damit sie dann desto schneller abreisen, um den Mißerfolg zu verbergen oder die Nachricht von einem glücklichen Erfolg zu verbreiten. Es wird dabei so unverschämt gelogen , daß man sich selbst nicht entblödet, auszusprengen, der Kreisphysikus selbst habe dem ,,Rebbe" für eine an seiner Verwandten glücklich vollzogene Wundercur die Hände geküßt.? Die obligate Uneigennützigkeit fehlt natürlich nicht, aber auch die Sammlungen für edle Zwecke sind zu finden. Im Vorzimmer werden der Wohlthätigkeit keine Schranken gefetzt, sondern in Form von „d rei^ Sammelbüchsen ein memento! präsentirt. Diese Büchsen leeren ihren Inhalt für die Armen in Kanaan, Grätz und für die Grätzer Gemeindebedürfniffe. In Erwägung des Letzteren ist es also kein Wunder, daß in Grätz arm und reich für die Wunderkräfte des „Rebbe" ein dankbares Herz hat und etwa Schlechtdenkende durch den furchtbarsten Terrorisnms im Zaume hält. Der Grätzer Plebs wird den Rebben nicht nennen, ohne, „er soll leben!" hinzuzufügen. Sie können, Herr Redacteur, sehr leicht denken, welch' Übeln Einfluß ein solcher Rebben auf die Cultur nicht nur seiner, sondern auch der umliegenden Gemeinden ausübt. Ich will Sie nicht damit belästigen, Ihnen die schlaue Art zu schildern, mit welcher die Pilger in der Täuschung erhalten werden,/sondern bitte Sie, in der Allg. Ztg. d. Judenth. diesem gotteslästerlichen, die Religion schändenden Treiben entgegenzutreten. Für die Richtigkeit der Thatsachen bürge ich Ihnen. „ S. Treuthal, Lehrer. (Wenn der Herr Correspondent ausdrückt, daß man in Deutschland. den Succeß eines, solchen Wunderrabbi nicht per-, muthet hätte, so müssen wir wenigstens unseres Theiles dies bestreiten; denn wir haben vor Jahren schon ausgesprochen, daß es, auch in unserer Glaubensgenossenschaft noch Schichten giebt, und zwar selbst in Berlin, in welchen der Chassidinismus, wenn er schlau genug ist, Boden fände, und daß deshalb nicht aufgehört werden dürfe, für die Volksbildung unermüdlich Sorge zu tragen. Die Zeiten der Uncultur liegen für gewiffe Gegenden noch zu, nahe und Zeiten vielen Unglaubens geben stets Beispiele großen Aberglaubens. Wenn der Herr Correfp. uns auffordert, in diesem Blatte jenem gotteslästerlichen Treiben entgegenzutreten, so. wendet er sich zwar an die rechte Adresse; denn die orthodoxe Presse thut.jeden Tag alles Mögliche, um solche Zustände wieder zurückzuführen und vorzubereiten. Aber wir bilden uns nicht ein, auf jenen Pöbel Einfluß zu üben, der nicht allein zu jedem Aberwitz geneigt ist, sondern auch sofort jeden vernünftigen Widerstand mit Gewalt niederzuschlagen sich erfrecht. Was wir aber vermögen, das ist, daß wir allen verständigen Personen, Allen, denen die Reinheit des Judenthums und das Heil ihrer Glaubensgenossen am Herzen liegt, die Pflicht in's Bewußtsein rufen, diesem Treiben mit Macht und Nachdruck entgegenzutreten. Wie man denjenigen nicht dulden wird, von dem es offenbar ist, daß er körperlich Menschen vergiftet, so darf auch der nicht geduldet werden, welcher-die Seelen-vergiftet, noch dazu, wo die Zwecke so klar zu Tage treten. Es handelt sich da nicht um heimliche Denünciationen, sondern um offene Anklagen, die öffentlich von der zuständigen Behörde untersucht werden und nach Befund zur Beseitigung veranlassen müssen. Wir bitten um Mittheilungen über den weiteren Verlauf der Sache. Die Redaction.) Oesterreichisch-ungarische Monarchie. Pest, 11. Febr. (Privatm.) Die jetzt sich immer mehr consolidirende Errichtung des Rabbinerseminars läßt die hyperorthodoxe Gegnerschaft nicht ruhen. Sie hat jetzt abermals eine Petition an das Abgeordnetenhaus gerichtet, die in der Sitzung vom 7. d. überreicht wurde. Der Sitzungsbericht sagt hierüber: „Eduard Zseoenyi überreicht die von dem Vorstande der israelitischen orthodoxen Kirche in Ungarn ihm eingesendeten Bittgesuche von 200 orthodoxen Gemeinden. Das Abgeordnetenhaus hat.nämlich mit Beschluß vom 18. März 1870 den Cultusminister angewiesen, daß, nachdem auf Grund der vom israel. Congreß gefaßten Beschlüsse eine neue Judenkirche gebildet werden soll, welche von der auf Grund der dogmatischen jüdischen Glaubensartikel in Ungarn bestehenden Glaubensgenossenschaft einen so verschiedenen Körper bildet, daß in diese Genossenschaft nach den Forderungen, der Glaubens- und Gewissensfreiheit Jedermann nur in Folge seines freien Beschlusses, nie durch s Zwang ausgenommen werden kann, — der Minister bei Anwendung;

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