Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 38 (1874)
- Issue
- Heft 9 (24.2.1874)
- Date
- 1874-02-24
- Page
- Seite 139 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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139- Fortbau der traditionellen Theologie neue Stätten bereiteten zugleich aber auch in der dortigen jüdischen Masse für Lehre und Gesetz des Iudenthums durch unmittelbare Einwirkung auf jene den Boden fruchtbar machten., Mar Samuel war ein Mann von großen Geistesgaben, denn er beschränkte sich nicht auf das Gesetzesstudium, so wesentlich er auch darin lebte und strebte, sondern war auch ein tüchtiger Arzt und Astronom, frei von manchen Vorurtheilen, denen mit der ganzen Zeit auch viele der talmudifchen Weisen, ergeben waren; so verwarf er die Astrologie, hielt die Träume für nichtssagende Gebilde dessen, was des Menschen Seele gerade beschäftigt und ward durchaus von Humanitären Ansichten geleitet. Der vorliegenden Darstellung seines Lebens und Wirkens kann man das Verdienst zusprechen, die vielen, weitzerstreuten Notizen über Mar Samuel fleißig zusammengesucht und mit Geschick und Scharfsinn sie benutzt zu haben, um ein klares, durchsichtiges Bild des großen Lehrers zu schaffen. Die Zeit, was sie bewegte und wie Mar Samuel zu ihrer Gestaltung und Richtung einwirkte, wird, soweit: es eben aus den zusammengelesenen Splittern möglich war, deutlich Umrissen, und der Lebensgang, sowie die Wirksamkeit Samuels gezeichnet. Der Verfasser hat hierzu manche streitige Frage kritisch untersuchen und möglichst zu einem Resultate bringen müssen.' Sein Styl ist flüssig und. faßlich, wenn auch noch nicht ganz correct und bisweilen noch etwas ungewandt. Ändeß haben wir auch hier zu bemerken, was bei Biographien selten ausbleibt, nämlich daß in der Vorliebe für den Gegenstand Alles in's Lichte gemalt und um ihn ein Heiligenschein gebreitet wird, an welchem jedweder Schatten fehlt. Bei einem Manne, der in die Reihe derer gehört, zu welchen man gläubig aufzuschauen pflegt, ist dies leicht, und um so mehr, da das ganze Leben desselben doch nur aus kurzen Andeutungen, Aphorismen und Sentenzen zusammenzusetzen war, bei welchen es sehr darauf ankommt, was für eine Deutung man hineinlegt, mit was für Augen man sie ansieht. So finden sich etliche Aussprüche, aus welchen man leicht das Gegentheil von dem hätte ziehen können,, was der Verfasser herausliest. Wir weisen z. B. auf Samuels Aeußerung über Rab (S. 57) hin, die er mehrere Male gethan und.aus welcher man auf kein ungetrübtes Verhältniß zwischen diesen beiden, sowie auf eine Schärfe in Samuels Charakter schließen kann, die der Verfasser in Samuels Bilde weggelasien. Auch können wir nicht umhin zu gestehen, daß, abgesehen von der übertriebenen Apologetik, die ganze Darstellung uns doch, nur bei dem Aeußerlichen stehen geblieben zu sein scheint. Der Blick ist überall in's Weite, nicht aber in die Tiefe gerichtet. Gerade die Uebersiedelung der jüdischen Gelehrsamkeit von Palästina nach Babylonien hätte Veranlasiung sein müssen, die bedeutsame Umwandlung im Gesammtcharakter der weiteren Entwickelung, die dadurch bedingt war, näher, zu erforschen und schärfer darzustellen, da gerade Mar Samuel hieran seinen großen Antheil hatte. In Palästina waren die Juden immer noch die eigentliche Bevölkerung und bie: Fremden gewissermaßen nur geduldet; in Babylonien war das Umgekehrte der Fall. In Palästina wuchs die weitere Entwickelung des Gesetzes immer noch aus demselben Boden heraus, den. es mit seinen starken und vielverzweigten Wurzeln durch-. wachsen hatte; in Babylonien mußte es in einen neuen, ihm eigentlich fremden Grund eingepflanzt werden. Darum war zweierlei nothwendig: Vieles vom palästinensischem Gesetze zu beseitigen, wie dies z. B. mit der Abgabe der Zehnten an die. Leviten und Priester geschah und Vieles den neuen Verhältnissen anzupaffen, wie z. B. der . Verkehr mit den einheimischen und siegreichen Völkerschaften mancherlei Abschleifung der palästinensischen Härten nothwendig machte. Die ganze Lebensanschauung wurde eine andere; die Stellung zum Staate eine andere. Mar Samuel selbst begriff dies. Wir wollen nur ein Großes und ein Kleines anführen. Das weitgreifende Princip aniphn'i «rn am kam hier und zunächst durch Samuel zum entschiedenen Ausdruck und zur Geltung; die schroffe Anschauung. von der Götzendienerschaft aller anderen Völker wurde bedeutsam gemildert,^ und daraus z. B. der Gebrauch des Oeles ganz freigegeben. Wir wollten hiermit nur andeuten, daß gerade dieser Gegenstand noch einer vielfachen Klarstellung bedarf, und es wäre dies von besonderem Interesse, da bei späterem - wieder mehr getrübtem Verhältnisse diese Richtung nicht immer dieselbe blieb, . Dies mußte auch auf den Charakter der gesummten damaligen jüdischen. Theologie führen. Statt daß der. Verfasser, wie .gewöhnlich, sagte: die Rechtswissenschaft war bekanntlich ein Theil der Theo-, logie geworden, mußte er umgekehrt sagen: die jüdische Theologie war zur Rechtswissenschaft umgestaltet worden, d. h. die ganze theologische Anschauung und ihr vollständiger Inhalt war in eine Rechtsanschauung aufgegangen. Dies bildet, wie wir bereits, ausführlich nachgewiesen haben, den eigentlichen Schwerpunkt der traditionellen Entwickelung und seine Umgestaltung den Schwerpunkt der gegenwärtigen Entwickelung, der sich auch wider Willen und Bewußtsein selbst die modernen Orthodoxen nicht.haben entziehen können. — Hellenistische Studien. Heft I; Alexander Polyhistor und die von ihm erhaltenen Reste jüdischer undsamaritanischer Geschichtswerke von vr. I. Freudenthal. (Breslau, 1874).*) Wir haben hier eine ausgezeichnete philologische Arbeit vor uns, welche allen Anforderungen der wissenschaftlichen philologischen Kritik in hohem Grade genügt. Wir möchten behaupten, daß hierdurch diese Monographie felbst Leser zu erfreuen und zu fesseln vermöchte, welchen der . Gegenstand ein geringeres Interesse abgewänne. Mit größter Umsicht werden alle kritischen Fragen, alle möglichen Fälle aufgestellt, und die Entscheidung für denjenigen getroffen, der die stichhaltigsten Gründe für sich hat. Wir können daher die Schrift vielen gegenwärtigen jüd. Gelehrten, besonders den jüngeren, zum. Studium empfehlen. Es wäre gut, wenn Die Schrift dient als Programm zu dem diesjährigen Jahresbericht des jüdisch-theologischen . Seminars.