Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 38 (1874)
- Issue
- Heft 9 (24.2.1874)
- Date
- 1874-02-24
- Page
- Seite 138 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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138 Satans sei, daß sie die menschliche Gesellschaft in den bodenlosen Abgrund des Atheismus und des Sittenverderbnisses stürze, und daß sie nächstens vor der siegreichen Kirche in-den Staub sinken und verschwinden werden. Warum, fragen wir nochmals, sollen wir-diesen kirchlichen.Propheten weniger Glauben schenken, als den socialistischen und scientistischen? Die Beweise bleiben sie uns Alle schuldig; denn die in den Kinderschuhen stehen sollende Wissenschaft, die den ersten Proceß des menschlichen Lebens nicht zu erklären versteht, liefert uns keine genügenden Beweise nnd Anhaltspunkte, daß wir den Weissagungen solcher ihrer Jünger Vertrauen schenken sollten. Der Rath, daß alle Menschen, um sich das Große und Edle zu retten, den Weg der Wissenschaft betreten müßten,. scheint uns auch nicht angethan, eine wesentliche Hülfe zu schaffen. Denn die ungeheure Mehrheit der Menschen vermöchte doch, schon durch ihre Beschäftigung behindert, nur wenig auf diesem Wege voranzukommen, und Halbheit oder vielmehr kleine Bruchstücke, Splitter der Wissenschaft, die aufgelesen werden, dürften doch wohl nicht lange Vorhalten. Wo die Versuchung herantritt, die Versuchung der Wollust und Genußsucht, der Hab- und Herrschgier, wo die Stürme des Hasses und aller Leidenschaften sich erheben, wo Leiden und Schmerzen, Täuschung und Verlust uns überkommen, da hälfen geognostische, botanische, zoologische, anatomische, physiologische, physikalische, ja selbst paläantologische Notizen, selbst Theorien sehr wenig , wenn sie ohne religiöse Ueberzeugung und sittliche Grundsätze in uns vorhanden sind, verwirren uns mehr als sie . uns aufklären, und erscheinen bald dem Halbwisser mehr als Ballast des scheiternden Schiffleins, denn als werthvolle Fracht. . Nein! wir vertrauen allen diesen Propheten nicht. Wir vertrauen vielmehr dem seit vielen Jahrtausenden durch unermüdliche Geistesarbeit zahlloser Generationen allmälich auf- und fortgeführten Bau der Menschheit in religiöser und sittlicher Ueberzeugung, in Gesellschaft, Wissen und Wissenschaft; wir glauben der großen Menschheitsgeschichte und dem Inhalte, den; sie als Resultat der Geschlechter manifestirt, der fortschreitenden Entwickelung, .die den Faden des Lebens nicht abschneidet und von vorne anfängt, sondernaus dem Gegebenen immer weiter spinnt. Diese Menschheit führte einen Bau der Gesellschaft aus in continuirlicher Arbeit, bessert und erhöht ihn fort und fort, aber auf denselben Fundamenten, denselben Mauern, Gewölben, Bogen und Säulen. So steht, allen socialistischen Propheten zum Trotze, das Bauwerk der bürgerlichen Gesellschaft auf den Grundmauern des Eigenthums und der persönlichen Freiheit unerschüttert da; es ist an ihm viel auszubessern, — das aber haben die vergangenen und gegenwärtigen Zeiten schon wacker gethan. Aber kindisch ist es, seinen Umsturz zu verlangen und zu verkündigen. Kurze Zeit, und jene Propheten werden verstummen, und die Sturmangriffe, welche sie gegen jenes anführen, werden abgeschlagen und vergessen fein. So steht das Bauwerk der Wissenschaft, der wahren Wissenschaft, der sich-allmälig aber vl '! sicher aus den sich ergebenden festen Resultaten construirenden Wissenschaft, allen Schmähungen und. Verwünschungen der pfäffischen Propheten zum Trotze unerschütterlich-da, abwehrend ihre beiden Arten, von Gegnern, jene Lästerer und die Hypothesenmacher, die, sie alle Augenblicke verfälschen, ihr/ eine Gewißheit insinuiren, die sie noch nicht besitzt, ihr das Schiedsrichteramt über das Uebersinnliche octroyiren, das zu führen sie nicht berufen ist. Und so endlich steht auch das Religionsgebäude der Menschheit, welches sie durch die Jahrtausende in der Uebereinstimmung des sich entwickelnden Verstandes mit den sich läuternden Empfindungen des Herzens auf dem geschichtlichen Boden zur reinen Gotteserkenntniß und zur wahren Sittlichkeit aufführt, aus den Überzeugungen der geläutertsten Geister, aus der allgemeinen Vernunft und dem unverwüstlichen Sittlichkeitsdrange, unerschüttert da, allen Zweifeln und Erfindungen der Einzelnen, allen wilden Strömungen wechselnder Zeiten und allen Weissagungen falscher Propheten zum Trotze. Richtig ist, daß auch die überlieferten Formen dieses Religionsgebäudes, so wenig wie die der Gesellschaft und der Wissenschaft, auf eine ewige Dauer Anspruch haben, daß auch sie, und wenn sie viele Jahrhunderte so bestanden, der Umgestaltung und Erneuerung bedürfen, und diese in der Entwickelung der Zeilen erfahren. Dies aber ficht den eigentlichen Religionsbau der Gotteserkenntniß und der Sittlichkeit nicht an. Die Gesellschaft hat das Sklaventhum und die Leibeigenschaft überwunden und wird auch die socialen Uebelstände allmälig überwinden. Die Wissenschaft hat zahllose falsche Theorien, den Mangel an Werkzeugen, an Beobachtungen und Experimenten, den blinden Autoritätsglauben und die Hypothesensucht immer und immer wieder überwunden, und wird sie, so oft sie zu Tage treten, überwinden. Und so hat auch die Religion schon so viel Heidenthum, so vielen Wahn und Aberglauben, so viele Hierarchie und Dogmenseffeln, so vielen Skepticismus, Atheismus und Materialismus siegreich überwunden, so oft schon verlebte Formen (wir erinnern nur an den Opfercultus) abgestreift und neue in verjüngender Kraft sich geschaffen, und ist immer der Mittel¬ und Kernpunkt des menschlichen Geisteslebens geblieben, daß wir an ihrer Siegeskraft nach innen und außen nicht zweifeln. Literarischer Wochenbericht. . Bonn, 8. Februar. Mar Samuel, Rector der jüdischen Akademie zu Nehardea in Babylonien. Lebensbild eines talmudifchen Weisen der ersten Hälfte des dritten Jahrhunderts, nach den Quellen dargestellt von vr. D. Hoffmann. Leipzig, Oskar Leiner. 1873. Mar . Samuel war bekanntlich einer der bedeutendsten unter den Männern, welche die jüdische Gelehrsamkeit von Palästina nach. Babylonien verpflanzten und daselbst für. den An- und