Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1874-02-07 · Heft 8 (7.2.1874) · p. Seite 130

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
38 (1874)
Issue
Heft 8 (7.2.1874)
Date
1874-02-07
Page
Seite 130 (sequence 12)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3224737-3226960-3226969--32377-3255339
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

130 des aufstrebenden. Geschlechtes.lag dieses Joch noch drückend, während Kopf und Herz bereits von den Ideen-der Humanität erfüllt .waren. Bemerkenswert^ war es, daß.in Dieser Versammlung, Bei* aller.Festigkeit .her' Überzeugung,, eine wahrhaft parlamentarische Ordnung herrschte, wie ich dies überhaupt sehr oft in Versammlungen nur irgend gebildeter Juden zu beobachten Gelegenheit gehabt habe. Den ersten der angeführten Gründe suchten die Antragsteller mit dem Erbieten jedes nothwendigen pecuniären Opfers zu widerlegen, sowie durch den Hinweis auf' eine Unterstützung! seitens der fürstlichen Regierung, und endlich durch die Voraussicht, daß die Errichtung einer solchen Schule viele Zöglinge nicht bloßaus der Nachbarschaft, sondern auch aus entlegenen Gegenden, vielleicht auch aus christlichen Kreisen herbeiziehen würde. Dies erregte bei Einigen etwas Spott,? und sie zählten in ihrer Erwiderung bereits auf Schüler aus Odessa und Amsterdam — und doch hatten jene Enthusiasten recht gesehen, und es ward später so, wie sie es vvrausgesagt.: Mit dem zweiten Grunde ward man ebenso leicht fertig. - Denn man berief sich auf dieselben Ideen der Humanität, welche die Unterschiede der Stände beseitigen und durch eine gemeinsame Bildung ausgleichen wollen. In der ganzen Verhandlung beobachtete der uns .Dom Vormittag her bekannte Daniel vollständiges Stillschweigen. Es fiel dies auf, da man es von seinem feurigen Charakter und seiner entschiedenen Weise nicht gewohnt war , und wie von selbst wandten sich die Blicke auf ihn, als man so ziemlich bis zur Beschlußfassung gekommen war. Ja, die Frage wurde direct an ihn gestellt: Was er denn dazu meine? Da erhob er sich von seinen:'Sitze, und bat um das Wort. „Meine Herren; hob er an, ich bin völlig der Meinung derer, welche die Ausdehnung unserer Schule auf Alle, die den Eintritt in dieselbe verlangen, befürworteten. Ich bin ein Feind jeden Zwanges und jeder Ausschließung, will Niemanden gezwungen haben, sein Kind uns anzuvertraüen,' aber auch nicht draußen zu bleiben, wenn er an die Pforte klopft, indem ich ihm die Frage entgegenstelle: Bist Du arm oder reich? - Ich scheue mich sogar nicht, offen auszusprechen, daß ich unserer Armenschule keine dauernde Zukunft verheißen kann, wenn sie auf diesem engen Grunde stehen bleibt. Aber ich habe doch eine Bedingung : zu stellen, - und bitte Sie allesammt sich ihr anzuschließen. Diese Bedingung-besteht darin, daß, wie wir uns jetzt vereinigen eine Anstalt des Unterrichtes und der Bildung für alle unsere Kinder zu schaffen, Sie sich auch vereinigen , um bei dem Vorstande unserer Gemeinde die Einführung — der deutschen Predigt in die Synagoge zu erwirken . . Das platzte wie eine Bombe mitten in der Versammlung. Man wär überrascht, man wußte sich im ersten Augenblicke nicht zu faffen, sich nicht zurecht zu finden. Man konnte bald die verschiedene Wirkung auf die versammelten Personen erkennen. Die Einen waren betroffen, wie dies in die vorliegende Angelegenheit hineingehöre? Ein anderer Theil — aber es war der kleinere ~ machte lange Gesichter, der Vorschlag schien ihnen nicht zu. gefallen. Aber eine: große Anzahl der Anwesenden, namentlich, der -jüngeren verrieth in den sich aushellenden Gesichtern, in den. sich belebenden Blicken , daß sie eine große-Freude über diesen Vorschlag empfanden. Kurze Zeit und-ein beifälliges Murmeln erhob sich unter diesen. - : Aber Daniel ließ nicht auf sich warten, und fuhr in eifriger Ansprache fort. „Meine Herren, meine feste Ueberzeugung ist, daß wir mit der Schule: allein nur. ein halbes Werk thun, ja, lassen Sie es mich.sagen, als Juden ein gefährliches Spiel treiben. Wenn wir-unsere Jugend in' allem Wissenswürdigen unterrichten, ihren Geist aufktären, ihren Geschmack bilden, dabei aber forffahren, wenn sie in. die Synagoge tritt, sie nichts als veraltete Formen, gedankenloses Hersagen vorgeschriebener, zum Theil unverstandener G,ehete finden, zu lasten: so werden wir sie für die Religion gleichgiltig, vielleicht sogar ihr abwendig machen', und dies ■ wäre ein großes Unheil für unserer Religion und für unsere Jugend. - Hierzu kommt noch eine Bemerkung. Sie kennen die drückenden Verhältniste, in denen wir Juden leben. Das leuchtende Beispiel Nordamerikas, Frankreichs und Hollands, Die ihren jüdischen Bewohnern volle Bürgerrechte ertheilt haben, hat in unseren deutschen Ländern noch keine Nachahmung gefunden,: §ünd es. W nicht abzusehen, wann dies eintretcn werde. Wie ich den Geist unserer Regierungen und des deutschen Volkes kenne, wird dies noch lange dauern. Es wird kommen; aber hier zu Lande bestimmt man sich nur langsam zu Neuerungen, besonders wenn die Verhältniste nicht dazu zwingen. Man hat das alte Kleid zu lieb, als daß man es schnell ablegen sollte, und wenn es noch so verschlissen geworden. Haben doch, Sie wissen es, erst jüngst Bürgerschaft, Magistrat und Regierung den Antrag, sogar in beleidigender Weise zurügewiesen, den Juden das Wohnen, in der ganzen Stadt zu gewähren, und doch spricht der eigene Vortheil der Grundbesitzer aufs Lauteste dafür. Nun, meine Herren , stellen wir unsere Jugend auf eine hohe Stufe der Bildung, und wecken in ihr ein gerechtes Selbstgefühl: in welchen Zwiespalt bringen wir sie mit den bestehenden Verhältnissen! Wie lebhaft wird in ihr das Gefühl der Bedrückung und Zurücksetzung als Juden werden! Welchem Kämpfe' zwischen der Ueberzeugung und dem bürgerlichen Bortheil werden wir sie aussetzen! Nun , so lange wir die Schulbildung auf den ärmeren Theil beschränken, hat dies weniger zu sagen; Diese sind an Ringen und Kämpfen, an Entbehrung und Entsagung von Kindesbeinen an gewohnt, anders aber, wenn diejenigen in diesen Widerstreit hereingezogen werden, welche an Ueberfluß, an Erfüllung ihrer Wünsche, an Erreichung ihrer Ziele gewöhnt sind, überhaupt, wenn wir die höhere Bildung des Geistes zu einem Allgemeingut unter den Juden machen. Dem müssen wir zu Hülfe kommen, und zwar durch die Religion selbst. Sie muß im gleichen Gewände mit der Bildung der Zeit erscheinen; sie muß zu dem Herzen der gebildeten Jugend sprechen, und zwar

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.