Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 38 (1874)
- Issue
- Heft 8 (7.2.1874)
- Date
- 1874-02-07
- Page
- Seite 123 (sequence 5)
- Language
- German
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123 nur lächerlich. Der Altkatholicismus. macht hiergegen bis jetzt nur einen Verschwindenden Bruchtheil aus. In Italien verhält sich das Volk gleichgültig gegen den Klerus. Wie sich die Dinge von dieser Seite in Oesterreich gestalten werden, läßt sich noch nicht absehen. > In Frankreich dagegen kann man eine Erstarkung-des Katholicismus nicht verkennen. Die jetzige Regierung steht ebenso wie die Majorität der Nationalversammlung auf Seiten der Kirche, und die jüngsten Gesetze zeigen genugsam, daßman selbst die Armee in das Lager des Klerus hinüberführen will. Die zweimonatliche Suspension des Univers bedeutet nichts; sie ist nur eine Connivenz gegen Deutschland, das man in etwas beschwichtigen will. Stimmen auch die Republikaner gegen jene Gesetze, so ist doch ihr Widerspruch gegen die klerikale Tendenz äußerst schwächlich: entweder weil sie den Klerus nicht geradezu reizen wollen, oder weil, sie ihre Ohnmacht fühlen. Das Verlangen nach Revanche ist bei ihnen größer, als« die Antipathie gegen die klerikale Tendenz, und bei dem zukünftigen Revanchekriege rechnen sie auf den. deutschen Katholicismus. Der Kampf wird also ein immer allgemeinerer und läßkstch darum in seinen Folgen und Ausgängen noch gar nicht berechnen. ' Berlin, 5. Februar. Der Geheimrath Prof. vr. Traube feierte in diesen Tagen sein 25-jähriges Jubiläum. Die Professoren gaben ihm ein Festessen und über 400 Studenten einen solennen Commers. —. In der vergangenen Woche, die so reich an bedeutenden Todesfällen war, starb auch die in weiteren Kreisen durch ihre Romame „Zwei Schwestern" und „In Banden frei" bekannte Schriftstellerin Rahel Meyer, geb. Weiß.*) Obgleich mit einem großen Talent begabt, lebte die hochgebildete Dichterin in bescheidener glücklicher Zurückgezogenheit von dem literarischen Markt, geehrt von ihren Verehrern, welche den echt weiblichen Sinn, die innere Gediegenheit und Tüchtigkeit an den Werken und dem Charakter der liebenswürdigen, geistreichen Frau und Schriftstellerin zu schätzen wußten. Schippenbeil, im Februar. (Privatm.) Das hier vor 5 Jahren gegründete „israelitische Provinzialwaiseninstitut für .Knaben und Mädchen in Ostpreußen", hat seinen vierten Rechenschaftsbericht veröffentlicht, es hat die Anzahl von zehn Waisen auf fünfzehn erhöht und ist zum Ankauf eines Grundstückes geschritten. Seine Einnahmen waren im Jahre 1873, 6626 Thaler, worunter 4072 Thaler an baaren Geschenken und 716 Thaler von einer veranstalteten Lotterie. Die Ausgaben betrugen 5904 Thaler, worunter 4000 Anzahlung auf das Grundstück. Die Capitalien, des. Instituts betragen 8000 Thaler. So gedeihlich dieser Fortschritt ist, so genügt doch der Umfang des Instituts den Bedürfnissen der Provinz Ostpreußen noch lange *) „In Banden frei" und „Rahel" i eine Biographie der berühmten Tragödin) sind durch das Institut z. Förd. der israel. Literatur herausgegeben worden. Redact. nicht, und eine große Zahl von Aüfnahmsgesuchen Müssen' daher unberücksichtigt bleiben. Mit Recht wendet sich deshalb der Vorstand an alle menschenfreundlichen Herzen, und ersucht sie um Beisteuern zur Erhaltung der wohlthätigen Anstalt. Der Vorsitzende des Vorstandes ist Herr M e y er Levy in Schi pp'enbeil. Möge das Gesuch einen recht günstigen Erfolg erzielen, da die bisherigen Erfolge in der Erziehung dieser armen Waisen sehr günstige gewesen sind. Goldberg (Mecklenburg), 18. Jan: (Privatmitth.) Sie haben in Nr. 4 des Flugblattes der conservativen Partei bei Gelegenheit der Reichstagswahlen Erwähnung gethan und dasselbe in einem. Leitartikel Nr. 6 nachdrücklich abgefertigt. Indeß glauben wir, daß es unsere Pflicht sei, hervörzüheben, welche Entrüstung dieses Blatt im ganzen Lande hervorgebracht hat. Diesen Empfindungen gab der Bürgermeister Herr PH. Süsserott in Laage einen kräftigen Ausdruck. Er ließ im „Langer Wochenblatt" eine Entgegnung erscheinen, welche , gegenüber den Verleumdungen und dem Hohn in jenem Flugblatte, dessen Hauptsätze Sie auch angeführt haben, wohl verdient, mitgetheilt zu werden. Sie lautet: „Gestern wurde in der Stadt öffentlich in vielen Exemplaren ein Flugblatt: „Wen wählen wir in den deutschen Reichstag?" verbreitet. Das Schriftstück steht in seinem Ton den wüstesten Erzeugnissen der ultramontanen katholischen Presse in Nichts'nach. Ich wenigstens habe ähnliche Angriffe auf Andersdenkende, ähnliche Ausbrüche. des Hasses gegen die Israeliten nur in dem schmutzigsten katholischen Blatte, dem „BaierischeN Vaterlande", 'gelesen. Ich hielt es für meine Pflicht, mich, wie bei der vorigen Reichstagswahl, so auch bei der jetzigen, in keiner Weise an der Wahlagitation zu betheiligen und es Jedem zu überlassen, zu wählen, wen er will. Diesen Standpunkt halte ich noch heute fest, wäre auch selbst nach dem Erscheinen des Flugblattes mit keinem Worte in der Wahlangelegenheit an die Oeffentlichkeit getreten, da ich von dem gesunden Sinn der Einwohner die Erwartung hege, daß sie sich von den im Flugblatt enthaltenen maßlosen Verdächtigungen der liberalen Partei verächtlich abwenden werden. Man hat mich an die Spitze der Stadt und ihrer Schule gestellt. Ich bekenne mich zur liberalen Partei, und ist diese meine Anschauungsweise in der Stadt bekannt. Daher kann ich nicht still dazu schweigen, wenn jetzt vom kirchlichen Standpunkt aus derartige, mit der Partei auch mich treffende Verdächtigungen von Haus zu Haus getragen werden. Ich suche den Verfasser des Flugblattes in den Kreisen, welche in hierarchischem Hochmuth glauben, daß die Geistlichkeit allein, nicht auch die Gemeinde, in kirchlichen Dingen mitzusprechen hat, welche nicht anerkennen wollen, daß die Schule hauptsächlich den Zweck habe, das Kind zu seinem künftigen Berufe vorzubereiten. Ich suche den Verfasser in den Kreisen, welche den Menschen nicht nach seinen Handlungen und den Motiven dazu beurtheilen, sondern danach, wie oft er zur Kirche und zum Abendmahl geht, welche