Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 38 (1874)
- Issue
- Heft 7 (10.2.1874)
- Date
- 1874-02-10
- Page
- Seite 112 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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KAWHEN 112 -neu, frug mich der hohe ,'hagere Mann mit bedeutsames Ausdruck : womit ich mich zuletzt beschäftigt hättet „Mit der Mschanique ärialytique von Lagrange und dör' Hydräulique vom Pröny", antwortete ich, nnd nannte dabei einige der schwierigsten Probleme. ' Aber wie groß war mein Erstaunen, als seine apathischen Züge sich belebten, fein Auge aufblitzte, und er sofort in diL' Discusston der wichtigsten Momente mit einer lichtvollen Klarheit eingiNg, als hätte er sich eben mit dem Studium dieser Werke beschäftigt. Seine Erörterung währte eine Weite, danri sank er" erschöpft in den Lehnstuhl zurück und winkte, ihn zu verlassen. .Der unerwartete Vorgang hätte mich bewältigt, ich war keines Wortes mächtig, und mit Thränen tief innerster Rührung? verließ ich die Stätte, wo ein so außerordentlicher Geist rettungslos zu Gr'üride ging." Eine andere Schilderung verdanken wir dem Geheimen Oberregierungsrath Johannes Schulze, der lange Jahre im Cnllüsmirtisteriüm der Förderer und Beschützer hilfsbedürftiger Gelehrten gewesen. Es war an einem schönem Sommerabend des Jahres 1863, als der Verfasser dieser Mitteilungen dem rüstigen Herrn auf* der Pankower Chaussee vor dem jüdischen Gottesacker begegnete. Die Rede kam auf Meyer Hirsch. „Von dän weiß ich zu erzählen," sprach erlebhaft, „folgen Sie mit." ' Eine einsame Laube des Schultheiß'fchen Vorgartens nahm uns auf, und hier erzählte er mit dem Ausdruck frischester Erinnerung: „Dem Minister Altenstein, meinem unvergeßlichen Freunde, konnte ich kein größeres Vergnügen bereiten, als wenn ich ihm Gelegenheit gab, einem verdienstvollen Gelehrten. der sich in hilfsbedürftiger Lage befand, fei es durch einmalige Unterstützung, oder durch ein Jahrgehalt, die Sorgen zu erleichterndamit er freier seinen wissenschaftlichen Arbeiten leben könnte. Einst ging ich mit ganz besonders frohen Erwartungen zu ihm; ich wußte, daß ihm vorzugsweise angenehm sein würde, meine Bitte zu erfüllen. „Nun, was haben Sie, lieber Freund?" rief er mir in heiterer Zuvorkommenheit entgegen, da er meine Absicht wohl merken Mochte. - . „Wir haben eine Verpflichtung zu erfüllen, Excellenz, gegen einen alten Algebraikus, einen jüdischen Mann) Ich habe^ erfahren, daß Meyer Hirsch sich in einer sehr traurigen Lage befinde," antwortete ich dem Minister.? „Wie ," rief der freundliche Herr , „der Verfasser der vor-, tefflichen algebraischen mnd geometrischen Aufgaben leidet doch nicht Noch? Eilen Sie zu ihm. Ein Mann, der sich um den Unterricht auf unseren höheren Lehranstalten solche Verdienste durch seine musterhaften Exercitien erworben hat, verdient ein Jahrgehalt. Ginge Meyer Hirsch zu Grunde, es wäre eine Schande für uns!" Das hatte ich voraüsgesehen, und nach kurzer geschäftlicher Rücksprache steckte ich ein Päckchen Cüssenanweisungen zu mir unh ging ohne Weiteres zu dem berühmten Rechner und Mathematiker. Meyer Hirsch wohnte . In de^ .Spandauerstraße auf dem Hofe, die Nummer des Hauses weiß ich nicht mehr. Ich schritt über den Hof und stieg die beiden Treppen -hinam Die'obere mündete in einen langen Gang, an dessen einer Seite einige Lichtfenster; und an dessen anderer Seite die Thüren zu den Wohnstuben waren, über denen kleine Fenster waren, durch die diese Wohnräume einiges Licht vom Hofe erhielten. Die letzte dieser Thüren war der Eingangzu Meyer Hirsche . Mit bangem Vorgefühl klopfte ich an; nach einigem Hüsteln rief eine schwache Stimme: „herein!" £•••'. Der Menschheit ganzer Jammer 'packte mich an. Lalnge Jahre schon hatte ich auf meinen Wanderungen durch' die' armseligen Wohnstätten' armer Gelehrten manchen traurigen Auftritt halt gesehen. Sie erfreuten sich indeß alle noch des Lichts des goldenen Tages, aber diese zwei Treppen hohe Grube empfing die kümmerliche Beleuchtung nur durch die kleinen von Schmutz undurchsichtigen Fensterchen über der Thure. r - ' ' Auch die Gestalt des alten Mannes, welcher der Thür gegenüber auf einem Stuhle saß, glich mehr einer Mumie, als einem lebenden Wesen. Er war in einen abgetragenen; bis an den Hals zugeknöpften Rock gehüllt, trug eine aus Tuch grob, zusammengenähte dunkle Mütze, und betrachtete mich mit kaltem) ausdruckslosem Blick. Es war das Auge eines Greises, der aus einer stillen Welt, die nichts mit unserer geräuschvollen Wirklichkeit gemein hat, gelassen und theilnahmlos schaut. Er erwiederte meinen freundlichen Gruß nicht eben in üblicher Weife. Ohne das Auge von mir abzuwenden, machte er erst nach Verlauf einiger Zeit ein: halb und halb wohlwollende« Zeichen mit der.Hand, mich auf den in der Kammer noch befindlichen Stuhl niederzulassen. Das übrige Mobiliar bestand in einem dürftigen Bett und einem kleinen Tischchen; einen Bücherschrank in der Ecke bemerkte ich erst, als sich mein Auge an die Dämmerung des Ortes gewöhnt hatte. Meyer Hirsch sah mich mit unbeschreiblicher Ruhe an , in seinem wie versteinertem Gesicht lag etwas Monumentales, ohne Spur lebendigen Interesses. Es wurde mir peinlich , diesem Manne gegenüber, der sowenig zu vertraulicher Mittheilung aufforderte, mein Anliegen vorzubringen. Ich theilte ihm endlich mit, daß wir im Ministerium erfahren hätten, seine-Lage wäre nicht von der Art, um ihm zu gestatten , sich sorgenlos seinen wisseüfchaftlichen Arbeiten zu widmen. Der Minister schätze' seine Verdienste und sei mit Vergnügen bereit, durch ein ehrenvolles Jahrgehalt ihm die Sorgen des Lebens ‘ zu erleichtern. ' Auf Meyer Hirsch schienen meine Worte keinen Eindruck zu machen, er veränderte weder Blick noch- Miene, und erst nach einer Weile sagte er mit klangloser Stimme: >,Jch brauche keine Hilfe, ich danke für-Ihr! Geld." "