Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 38 (1874)
- Issue
- Heft 7 (10.2.1874)
- Date
- 1874-02-10
- Page
- Seite 113 (sequence 11)
- Language
- German
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i i 3 ' ' „Nun, ich sehe aber döch^, —sagte ich erstaunt- — „daß Sie nicht im Ueberfluß leben. In Ihren Jahren würde Ihnen ein gesünderer Aufenthalt und einige nothwendige Bequemlichkeiten gewiß sehr wohl thun." „Ich habe Mne Bedürfnisse. und brauche keine Hilfe," sprach er tonlos und als . wäre er schon ermüdet von langer Rede. „Sie wollen aber doch arbeiten, Sie brauchen dazu theure wissenschaftliche Merke,, so verwenden Sie das Geld, das Ihnen in besten Ehren geboten wird,^ wenigstens dazu," erwiderte ich in fast bittendem Tone. j ,, Meyer Hirsch wies, ohne ein Wort zu sagen, ablehnend nach dem Bücherschrank. Ich folgte mit dem Blicke und sah jetzt erst seine'vortreffliche Sammlung clasfischer Mathematiker. . Ueberrascht von diesem Anblick verlor ich den Muth zu weiteren Vorstellungen. Da zuckte in dem statuarischen Antlitz des Greises eine schwache Regung auf, und mit einem gewissen Ausdrucke des Dankgefühls und der Resignation sagte er: „ich brauche nichts, nichts von der Welt und den Menschen, ich bin zufrieden." — Und erschöpft, als hätte er nun sein ganzes- Herz ausgeschüttet, nickte er langsam mit dem bedeutsamen Haupte, und . machte eine kurze Handbewegung, daß er nicht weiter gestört sein möchte. Dann war es , als ob sein offenes Auge nicht mehr die armselige. Umgebung sehe , sondern den Eindruck von Innen aussteigender Gebilde und'Abstractionen empfinge. Er schien mich, obwohl ich noch nahe vor ihm stand ganz aus seinem Sehefelde verloren zu hahen, und blickte still in das Reich der Unbekannten z."f Hiermit endete die Erzählung. Wann dieser Besuch stattgefunden chatte , wußte sich der Besucher nicht mehr genau zu erinnern. Die Bücher aber, von denen die Rede war, bildeten eine .kleine Bibliothek, eine Auswahl der vortrefflichsten der mathematischen Literatür. Sie waren die Quellen, aus denen Meyer Hirsch .in. lichten Tagen Nahrung und Leben gezogen, und die bloßen Namen der Verfasser geben noch heute eine Vorstellung von seiner geistigen Eigenthümlichkeit nrid charakterisiren ihren einstigen Besitzer. Diese Bücher waren die einzige materielle Habe,''die Meyer Hirsch hinterlaffen. Sie erinnert an' Koppler, von dem es^ heißt , daß er bei seinem Tode nur einen Rock, zwei Hemden und Exemplare seiner Ephemeriden und rudolphinischen Tafeln zurückgelassen habe.* *) * Diesen wenigen, nach kurzen Besuchen skizzirten Schilderungen möge sich endlich noch die schlichte Erzahümg anschließen, die ich einer Dame verdanke , welche den BedäuernswerHen mit meüschsnfremtdlicher Theilnahme viele Jahre hindurch zu beobachten. Gelegenheit' hatte. Ausmeine Bitte um Mittheilung ihrer .... .WahrnehxustnM schrieb .sie.vor^b>eMts' 'längerer' Zeit: v rvv;v*.'U *,v ■ 5 y. vi ii ^w^VvA. i\ *) Und an den großen Maubensgenossen Meyer. Hirsch'LBarpch Spinoza, dessen tziüerlafseuLS, Inventar.in, nüserer,Biographie Spinyzats. ausgesührt,wird: Jahrbuch für die Geschichte der Juden. Bd. II G722t' ' ' Redaction.1 ' -,Als im Jahre 1839 meine Mutter das Haus Wallfiraße Nr.- 73 käuflich übernommen chatte, wohnte daselbst in der ersten Etage'die verwittwete Buchhalter S., bei der Meyer Hirsch sich als Pensionär befand. Einige ’ Jahre später verstarb wiese seine Pflegerin, und es sollte ihm ein anderes Unterkommen beschafft Werden. Da man uns aber sagte, Meyer Hirsch sei schwer zu bewegen, das Haus zu verlassen, so richtete meine Mutter für die Hinterbliebenen seiner bisherigen Wirthin eine Wohnung in der dritten Etage ein, und er bezog in derselben eine freundliche Stube, um, wie wir ihm wünschten, in gewohnter Ruhe weiter leben zu können. Das sollte ihm aber nicht lange vergönnt bleiben. Seine neuen, in vieler Hinsicht unredlichen, Pfleger hielten ihn schlecht, Und nur Ms Veranlassung einer in der Wohnung wegen Diebshehlerei nothwendig gewordenen Criminalrecherche wurde er ihren Händen wieder entzogen. Es war etwa zu Anfang des Jahres 1833, als der Criminalcommissarius Herr v. P. sich an meine Mutter mit der Bitte wendete, die augenblickliche Fürsorge für den in unserem Hause aufgefundenen Meyer Hirsch so lange zu übernehmen, bis derselbe einer öffentlichen Anstalt übergeben, oder anderweitig für sein Unterkommen gesorgt sein würde. Die Bitten des Beamten , der früher Artillerieofficier gewesen und Meyer Hirsch als seinen Lehrer hochfchätzte, waren so eindringlich und rührend, daß sie gern gewährt wurden. Alsbald wurde auch ermittelt, daß, der Verleger der Werke Meyer Hirsch's, Herr Commerzienrathl EachDuncker, bisher die Pflegekosten für ihn gezahlt habe und auch ferner zu zahlen gern bereit sei, und daß auch seine Neffen, die Kaufleute H. und D. S. zu jedem Beitrage bereitwillig wären. —Der so erbarm enswerth Vernachlässigte wurde nunmehr unser Pflegebefohlener. Es wurde ihm in der zweiten Etage ein Zimmer eingerichtet, das er bis zu seinem Tode nicht wieder verließ, und nach einiger Zeit hatten wir die Befriedigung, ihn so zu sagen erwachen zu sehen. Er wurde aufmerksam aus das, was um ihn vorging, sprachwenn auch nur in kurzen Worten, mit der Aufivärterin und vMj die wir ihm dann uNV wann Erfrischungen, Blumen brachten, und äußerte endlich das Verlangen nach Leclüre, so daß, da er viel und wählerisch, las, in der Fernbachschen Mihbibliochek ^ein Mvnnement ^auf sranzösische5und deutsche Büch^ für. ihn besorgt werden ümßte. Ammeisten las er neuere französische Schriftsteller, doch wies er George Sand mit Widerwillen zurück. Sein Lieblingsschriftsteller war Moliöre, aus dessen Werken er nicht selten einzelne Stellen mit satyrifcher Beziehung auf seine Umgebung recitirte, und die er, wie Bollaire's Hennade oft zur Hand nahm, wenn die Fortsetzung eines begonnenen Buches nicht zu beschaffen war. Auch in der „Vossisch'en Zeitung", Reer täglich erhielt, laS er fast ausschließlich nur technische, wiffenschaftliche Artikel, politische interessirten ihn nicht, es sei denn , daß sie Napoleon. betrafen, dessen kleine in seinem Zimmer befindliche Gipsfigur, er gern betrachtete. Für alle übrigen Verhältnisse und Bedingungen des LeberS, selbst für 7*