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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1874-02-10 · Heft 7 (10.2.1874) · p. Seite 111

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
38 (1874)
Issue
Heft 7 (10.2.1874)
Date
1874-02-10
Page
Seite 111 (sequence 9)
Language
German
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111 -Jl'; '' L- I c u i i Meyer Hirsch. Unsere Zeit holt alles Vergessene, was irgend Lemerkens- Werth, ist und einen charakteristischen Zug .aus der Zeit oder, Persönlichkeit, hat, nach, und sucht, denffelben' gerecht zu. werden: Eines besonderen Rufes erfreut sich noch heute der. Arithmetiker Meyer Hirsch, und seine Lehrbücher werden nochjetzt viel be-- nutzt und immer wieder aufgelegt. Wer weiß aber, etwas, von ihm selbst, von seiner Person und seinen Lebensschicksalen? Und doch waren diese eigenthümlicher Art, traurig, und geben viel zu denken. Wir glauben deshalb, daß Herr Iulius Löwenberg, der rühmlichst bekannte Geograph, zu Berlin, sich verdient gemacht--hat,, da er jüngst in einen« Feuilleton - der „Nat.-Zeitung" unter her Ueberschrift „Ein deutsches Gelehrtenleben" Alles gesammelt hat, was er über den genannten Mathematiker zusammenbringen konnte — und es war die höchste Zeit, «venn überhaupt noch etwas Zuverlässiges über, ihn sich finden lassen sollte. Wir heben daraus das: Wichtigere-hervor. r > Meyer Hirsch wurde-am 13: Februar 1851 auf dem jüdischen- Friedhofe zu Berlinin aller Stille bestattet. Aber er war damals schon vier Jahrzehnte dem lebendigen Verkehr geselliger Umgebung abgestorben, Niemand wußte mehr von ihm, und keine metrologische Erinnerung folgte seinem Tode nach. Und doch hat er auf die deutsche.Jugend schon -fünf Jahrzehnte läng einen großen bildenden Eindruck geübt, und seine Werke werden noch heute in den höheren Clvil- und Militärschulen als eine Fundgrube für die Uebung des Scharfsinns benutzt. Die mathelnatischen Wissenschaften lagen in Deutschland im Argen, und man stand darin anderen Ländern, wie Frankreich und England, weit: nach. Meyer war es,, der den Sinn dafür in bedeutendem Maße weckte, und: durch seine Schriften die Mittel bot, in denselben schnell voranzukonimen. Seine „Sammlung von Aufgaben!' erschien 1804 zum ersten Male und 1873 in fünfzehnter Auflage. Aber schon 1794 gab er einen „Algebraischen Commentar über das zehnte Buch der Elemente des Euklides" heraus, der sich, großen Beifalls erfreute. Auch wurde sein Privatunterricht in den höchsten Ständen gesucht. So war er der Lehrer des Prinzen Louis Ferdinand und der beiden Humboldt.? Die Nachrichten über seine Jugend sind äußerst mangelhaft. Er war, wahrscheinlich 1765, in Friesak in der Mark geboren, kam frühzeitig aus seinein dürftigen Elternhause nach Berlin, wo er' die jüdische Freischule und einige Zeit auch das „Graue Kloster" besucht haben soll, unterstützt von einem Oheim Hildes- Heim, und, wie man sagt, auch von Mendelssohn. Jedoch war er: hauptsächlich Autodidakt, wie alle damaligen Juden, die sich ausder Unwissenheit herausarbeiteten , zumeist unter den ungünstigsten und drückendsten-Verhältnissen. So mußte. er sich l e t o ti. ■ ^ange-Zeit mit einer Mahlzeit am Tage begnügen, und.konnte sich: erst, als er einigen Privatunterricht zu . ertheilen Gelegenheit fand, die Mittel zu seiner weitern Ausbildung verschaffen. Im Jahre, 1805 starb sein Onkel Hildesheim und hinterließ ihm einige hundert Thaler, sowie die Anwartschaft auf ein Vermögen von 7000 Thalern nach dein Tode der Schwester, des Erblassers. Hierdurch freier geworden, begann für ihn eine Zeit fruchtbarer Arbeit.' Der günstige Erfolg, dessen sich die 1804 erschienene „Sammlung von Beispielen, aus der Buchstabenrechnung" erfreute, bestärkte Meyer Hirsch in dem Vorsatz.., die ganze Mathematik durch ein System von Aufgaben-Sammlungen zu erläutern. So erschienen: 1805 , Sammlung .geometrischer Aufgaben. 1. Theil. Planimetrie.und Trigonometrie. 1807, Sammlung geometrischer Aufgaben. II. Theil. Stereometrie und sphärische Trigonometrie. 1809, Sammlung von Aufgaben aus der Theorie der algebraischen Gleichungen. I. Theil. 1810, .Äntegraltafeln oder Sammlung von Jntegralformeln.. Die Fortführung dieser Arbeiten aber wurde ihm durch eine traurige Veränderung unmöglich gemacht. Meyer Hirsch war als Lehrer an der königlichen - Kriegsschule beschäftigt. Plötzlich wurde er dieses Amtes entlassen, „weil er als Jude keine Berechtigung dazu habe". Dies erbitterte sein reizbares Gemüth in außerordentlicher Weise, und als ihm jetzt (1812die Erbschaft seiner Tante in einem Processe abgesprochen wurde,, li^ß er sich zu beleidigenden Aeußerungen gegen das Kammergericht Hinreißen, Er wurde deshalb zu einer Strafhaft in - Stettin verurtheilt. Obschon ihm angeboten ward, dorthin zu fahren, bestand er hartnäckig daraus, zu Fuß transportirt zu werden. Dies brachte ihm ein unheilbares Fußleiden zu Wege, so daß er nie wieder Schuhwerk tragen konnte - sondern feine Füße nur mit . Decken verhüllen mußte. Zurückgekehrt nach Berlin, versank er in eine völlige Geistesstumpfheit. Er überließ es Anderen, für seine Bedürfnisse zu sorgen, blieb völlig unthätig,- wollte von seinen eigenen Schriften nichts mehr wiffen, und war gänzlich menschenscheu. So verbrachte er über 37 Jahre. Löwenberg erzählt: „Einen Einblick in diese traurige Lage des bedauernswerthen Mannes gewährt uns der jüdische Mathematiker Centnerschwer in Warschau, der Anfangs der Zwanziger Jahre in Berlin Mathematik studirt hatte. Auf eine .Nachfrage, ob er nicht damals. Meyer Hirsch persönlich kennen gelernt habe, antwortete der Hochbejahrte-: „Meyer Hirsch lebte zur Zeit meines Aufenthaltes in Berlin in düsterer Zurückgezogenheit und ein Sagenkreis unheimlicher Gerüchte hielt jeden Versuch, sich ihm zu nähern fern. Erst nach wiederholten Mühen gelang es mir, kurz vor meiner Abreise vor ihn zu kvrnmen, und nachdem ich mich entschuldigt, daß ich - nicht habe abreisen können, - ohne zuvor ihn« persönlich-meinen Dank für die Belehrung zu sagen, die ich aus seinen Werken gewen- ' .7

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