Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 38 (1874)
- Issue
- Heft 7 (10.2.1874)
- Date
- 1874-02-10
- Page
- Seite 104 (sequence 2)
- Language
- German
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zogen sich auf sich selbst zurück, vereinsamten, -fielen dem Trübsinn anheim, wenn nicht der Geistesstörung. Wir wollen heute nur zweier solcher Männer erwähnen. Ludwig-.Markuyu8 Dessau, der, LS2.0 zu pem. Afrigste^ MitgliepeM jener, auserlesenen. Schaar^gehörte, '/welche „den -Verein Cultur^und WissenschaMder Indens bildete/ eiO ManN von emiEntenl GeiD und unbegrenztem Wissen in den philologischen und mathematischen Fächern. Er hatte sich zum akademischen Lehrstuhle vorbereitet und war füv ein.en , solchen befähigt,?- .wie festen einer? Diese Aussicht wurde ihm benommen, sowie jede Lehrthätigkeit im-deutschen.Vaterlande. Er ging nach Paris, verfaßte einige Schriften über seht fern liegende gelehrte Stoffe, namentlich aus der.arabischen Literatur; siech an Körper und Geist, lebte er als Einsiedler und starb in zum Theit gewollter Verkümmerung. Heinrich Heine schrieb ihm einen rührenden Nekrolog in der Augsburger "Zeitüng.' Dann Meyer Hirsch, der berühmte Aruhmetiker, dessen Gedächtnis soeben Herr Julius Löwenberg durch eine biographische Skizze aufgefrischt hat, welche wir zum Theil im Feuilleton wiedergeben. In fruchtbarster Thätigkeit verfaßte er sehr einflußreiche mathematische Schriften in den Jahren. 1804 bis 1810, Schriften, von denen einige noch jetzt viel benutzt und immer wieder aufgelegt werden, wirkte als Privatlehrer z. B. des Prinzen Louis Ferdinand und der beiden Humboldt und war als Lehrer an der königl. Kriegsschule angestellt. Da wurde er plötzlich von dieser entlassen, „weil er als Jude keine Berechtigung dazu habe." Dies brach ihm den Lebensmut!), verbitterte ihn so sehr, daß er sich in einem Processe zu Beleidigungen des Kammergerichts Hinreißen ließ. Aus einigen Monaten Strafhaft kehrte er geistesgestört zurück. Eine solche Erstarrung hatte sich seiner bemächtigt, daß er 37 Jahre in völliger Unthätigkeit und Abgeschlossenheit in einer Kammer verlebte, und selbst von seinen eigenen Schriften nichts mehr wissen wollte. Was hätten diese Männer noch leisten können, wenn man ihnen die Bahn freigelassen, die sie sich doch durch eigene Kraft und Begabung eröffnet hatten! Welche Sünde am Geiste haben die begangen, welche diesen und vielen anderen den geistigen Todesstoß versetzten! Und nun sehe man sich die Namen derer an, welche damals an der Spitze des preußischen Staates standen ... . . Nach 1830 wurde es besser. Ein frischerer Lebenshauch begann zu wehen. Auch die Gelehrten traten , mehr in das bewegte Leben ein und überließen sich weniger der Verdumpfung, der Einsamkeit. Die mit den Ereignissen dieses. Jahres, auch in Deutschland erwachte Publicistik, ließ viele jüdische Männer diesen Weg der öffentlichen Wirksamkeit betreten; andere folgten dem Rufe in das aufgeklärtere Ausland,, so nach der Schweiz (wir erinnern. an Valentin), nach Frankreich (wie Munk, Derenburg, Oppert), nach Belgien, Holland und England. Schließlich eröffneten sich die Parlamente für sie. Diese wenigen.Züge aus einer traurigen Zeit der Geistes-. ... . bedrückung, Züge, die im Einzelnen hundertfach vermehrt werden könnten, rechtfertigen wohl vollständig den Satz, mit welchem wir begannen; nun, wenn man an uns eine Schuld zuMsen, ein Unrecht gutA machel^hat,^was F)dlarlßentz.nsir? "Nichts Positives, keine; Abzahlung/in^ factischen Dingen,/ keine ^Begünstigung-für die frühere Hmtenansetzüng- ÄirMerlÄigenMur, daß man in Zukunft auch Mr die Männer unserer Religion das Maß der Gerechtigkeit einhalte, daß man den Grundsatz „Gleiche Pflichten/ gleiche-Rechte," - daß man den Paragraphen der Verfassung, daß alle Preußen vor dem Gesetze gleich seien, endlich zur vollen Wahrheit mache, der Befähigung den vollen Zutritt, dem Verdienste die volle Würdigung gewähre. Es muß bald die Zeit kommen, wo die Anstellung eines Juden in dem Amte, für welches er befähigt ist, nicht mehr als ein Ausfluß der Toleranz hervorgehoben, ja nur als Act der Gleichberechtigung bemerkt -wird, sondern als selbstverständlich in der Masse der gewöhnlichen Vorgänge stattsindet. Dies allein verlangen wir als Sühne für die zahllosen Opfer, welche 'das starre Lorurtheil bis auf unsere Tage uns gekostet hat. Noch eine Denkschrift über die jüdische Gemeindeverfajsung in Preußen. Es ist immerhin kein Zeichen eines einheitlichen Geistes, eines nach irgend einer Vereinigung strebenden Gelneinsinns, wenn die preußischen Gemeinden in der für sie so wichtigen Berfassungsfrage, allesammt einzeln Vorgehen, und, wie es dann zu geschehen pflegt, zwar einen und denselben Grundgedanken aussprechen, diesen jedoch mit sehr verschiedenen Details umgeben. Wir hätten gedacht, daß der Gegenstand ganz dazu angethan gewesen wäre, eine Versamnilung von Delegirten zu veranstalten, welche eine bestimmte Fassung vereinbarte und diese mit dem ganzen Gewichte einer in sich einigen Gesammtheit der Staatsregierung und den beiden Häusern des Landtages vortrüge. Da die allgemeine Meinung über den Kernpunkt der Frage,, die Gemeindezugehörigkeit einig ist und nur die separatistischen Gelüste einer kleinen Anzahl Orthodoxer und Radicaler gegen sich hat, so konnte eine Vereinigung unschwer erzielt werden. ..Zeit war. genug dazu da. Wir haben dies unsererseits mehrfach ausgesprochen. Aber Niemand nahm die Sache in. die^.Hand^ Da wir von. Beginn dieser-Angelegenheit an uns aus triftigen Gründen vorgesetzt hatten,, durchaus jeden Schein einer. Agitation zu vermeiden, und was geschehe, als freien. Ausfluß/ der allgemeinen Meinung, erscheinen zu lassen, so perfolgten wirobigen Gedanken nicht, selbst weiter.. So ist es denn gekommen, Paß die Gemeinden, wie sie sich dazu bewogen fühlten,, vereinzelt vorgingen, und daß eine Anzahl Denkschriften übergeben, worden-