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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1874-02-03 · Heft 6 (3.2.1874) · p. Seite 96

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
38 (1874)
Issue
Heft 6 (3.2.1874)
Date
1874-02-03
Page
Seite 96 (sequence 14)
Language
German
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gegen ftrib meist verzogen, lässig, faul, ohne besonderen Antrieb, und werden daher schlechtes Beispiel geben, überhaupt' dem Lehrer viel zu schaffen machen. Wir werden-es erleben, daß durch diese Umwandlung unsere ganze Schule umgewandelt, und zu einer frostigennüchternen Anstalt wird, während jetzt Lehrer und Schüler gleichsam ein unmittelbares, gemächliches Leben miteinander führen. Jetzt ist der Lehrer dem Schüler: ein Wohlthäter, ein Vater, dem reichen Kinde ist er nur ein bezahlter Miethling. Ganz entschieden müßte ich mich aber dem entgegensetzen, daß unsere Schule eine Gemeideschule werde, daß heißt vom Vorstande der Gemeinde abhängig. Die Herren Parnaßim sind Leute, die nur ihren eigenen Willen gelten lassen wollen; sie wechseln, und wir können mit der Zeit Männer unter ihnen haben , welche ganz entgegengesetzter Meinung als wir sind, mit einem Worte Orthodoxe, die aus unserer Schule wieder ein Cheder machen wollen. Es sind schon jetzt solche darunter." Daniel hatte kaum diese Worte mit einiger Geduld angehört. Rasch setzte er jetzt ein: „Im letzteren Punkte bin ich ganz ihrer Meinung , aber es ist mir unmöglich zu begreifen, wie Sie im ersten, also bei dem an uns ergangenen Anträge dergleichen Ansichten geltend machen können! Gestatten Sie mir zu sagen, das ist eine Einseitigkeit, die mir bei Ihnen äußerst fatal ist: Uns kommt es darauf an, in unserem Volke, in unserem niedergetretenen und vernachlässigten Volke, Wissen, Bildung, Aufklärung zu verbreiten, — und da sollten wir uns zu einem Unterschiede zwischen Armen und Reichen herbeilassen? Gerade denjenigen Theil, der die Mittel, und, wie es bei den Menschen einmal liegt, die Herrschaft in Händen hat, sollen wir verwahrlosen und der bisherigen Finsterniß überlassen. Gut; nur umgekehrt: Mögen die armen Schüler den reichen zu Beispiel und Vorbild dienen, die Classen müssen untereinandergemischt werden, damit sie sich für das Leben befreunden. Das begabte Armenkind, welches dem wohlhabenden bei seinen Aufgaben hilft, hat sich einen Anspruch auf dessen Hülfe im Leben erworben. Nein, mein Lieber, alle Juden müssen aus den Schranken der Unwissenheit und der Barbarei heraus, in welche man sie mit Gewalt verbannt hat, und wo sie mit den Netzen des Aberglaubens umsponnen worden. Was man uns von außen versagt, müssen wir uns selbst erobern; und haben wir erst überall Bildung in unserem Schooße, werden uns unsere Gegner unser Recht nicht länger versagen können. Das Wissen macht frei, von innen, und von außen, darum erst die Schule, und nach der Schule die Synagoge, und nach dieser das bürgerliche Leben! Sehen Sie nicht auch in diese Perspective hinein?^ Sie waren bei einem blühenden Fliedergebüsch stehengeblieben, das aus zahllosen kleinen Kelchen .den lieblichsten Duft hauchte. Simson war einen Augenblick in Gedanken versunken, dann schlug er die Augen auf und sprach mit etwas Unruhe: „Ich sage, wie Sie: Im letzteren Punkte bin ich mit Ihnen einverstanden. Aber. Sie gehen zu rasch.; Es geht mir zu rasch e vorwärts, und darin seh' .ich den Schaden, die Gefahr., Schlagen. Sie die Macht des Gegensatzes nicht zü gering, an. Ein zu schnelles Vorwärts weckt die Furcht, und hiermit den Eifer und, die Macht der Gegenpartei, die noch überaus gewaltig. .ist. Nach einem Jahre schon die Schule vom ärmeren Theile auf die ganze Gemeinde ausdehnen wird bei: unseren Geg-. nern viel böses Blut machen. Bis jetzt haben sie uns.ge-, währen lassen, weil wir nur den geringen und mißachteten Theil der Gemeinde in Anspruch nahmen, — aber jetzt sollen, sie die . ganze Gemeinde.. . Und nun denken Sie schon sogar an die Synagoge und an das bürgerliche Leben! ... Das ist nicht, politisch, das ist eine Herausforderung, — und sehen Sie sich um: unsere Gemeinde ist nur eine kleine Oase iu einer weiten Wüste, — wirbelt der Sand im Sturme auf, kann er auch diese Oase bedecken! Es ist auch nicht naturgemäß, — sehen Sie diesen Fliederbusch: Die Natur hat Monate lang daran gearbeitet, bevor die Kelche sich erschlossen; hätte sie diese schneller. und früher hervorgetrieben, wären sie in einer Nacht erfroren und nicht wieder , herzustellen gewesen. Sehen wir uns. vor, wir könnten die ganze Iudenheit in zwei Lager spalten, und das wäre ein großes Unheil." Daniel, hatte diesmal mit Spannung zugehört, die Arme über die Brust zusammengeschlagen. Jetzt aber löste er. die Rechte von der Linken wieder, und mit ausgestreckten Armen antwortete er: „Ich brauche Ihnen die Replik nicht schuldig, zu bleiben. Die rechte Politik ist: man muß das Eisen schmieden, so lange es heiß ist; und man muß auch den Gegner bisweilen^ überrumpeln. Jetzt ist die Zeit günstig, benutzen wir die Gelegenheit. Stillstehen darf man erst eine Zeit lang, wenn man .einen großen Schritt gethan und gesichert hat, damit , der Gegner sich erst hieran gewöhne. Mit der Natur kommen Sie mir nicht, die geht ihren ewigen, unwandelbaren Gang nach ihren Gesetzen; mit uns Menschen ist es anders, wir müssen, durch eigene . Kraft erobern, was uns zu Theil werden soll. Um andere Orte und spätere Zeiten kümmere ich.mich nicht; sonst. vernachlässige ich, was hier und jetzt nothwendig ist. Doch lassen, wir diesen Wortstreit. Ich bitte Sie, überlegen Sie es und treten Sie der Aufnahme der bemittelten Kinder in unsere Schule nicht entgegen. Wer die Hände ausstreckt nach Speise, dem muß. man sie reichen. Danken wir Gott, daß auch diese Leute, die sich so oft blos auf. ihr Geld stützen, nach Schulbildung für ihre Kinder verlangen. Auch diese Kinder sind arm, nämlich am- Geiste, und so ist es unsere Psiicht, für sie zu sorgen." Daniel streckte dem Freunde die Hand entgegen^ und dieser schlug ein, wenn auch aus seinem Antlitzdie Sorge noch nicht ganz: gewichen schien. Sie trennten sich jetzt, da der Weg nach ihren Wohnungen auseinanderging.. (Fortsetzung folgt.)-

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