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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1874-02-03 · Heft 6 (3.2.1874) · p. Seite 95

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
38 (1874)
Issue
Heft 6 (3.2.1874)
Date
1874-02-03
Page
Seite 95 (sequence 13)
Language
German
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dem edlen, blassen Gesichte so gut stand.' „Ich halte mich zunächst-an die Sproffen und sehe mit.wahrhafter Freude, wie grünste sind und saftig, voll gesunden Lebens. Vor einem Jahre sammelten wir im Verein mit einigen wackeren Männern die armen vernachlässigten Knaben von der Straße, auf, nahmen ihnen ihre Lumpen ab, gaben ihren Eltern Geldunterstützung, daß sie ihre Kinder uns nur überließen, stellten die drei trefflichen ^Lehrer, an, und eröffneten unsere Freischule — und diese öffentliche Prüfung, die wir soeben erlebt, zeigte Erfolge, wie sie unsere kühnsten Hoffnungen nicht erwarteten. Diese schönen Handschriften der Knaben, die äußerst correcte. Aussprache beim Lesens die nichts mehr vom Jargon verrieth, das exacte Rechnen, die Anfänge des Französischen und, worauf ich den meisten Werth lege, diese unbefangenen klaren und bestimmten Antworten der Schüler auf jede Frage, und hierzu noch die unverkennbaren Fortschritte in der' rein deutschen Uebersetzung der h. Schrift, ja selbst einiges Verständniß von Raschi — welchen Freund der Jugend und der Bildung hätte dies nicht entzückt!". „Ja," siel ihm Daniel in die Rede, „haben Sie gesehen, wie der Commissarius der Regierung, Professor T., dem Lehrer Bernhard vor der ganzen Versammlung um den Hals siel und ihn küßte, und ausrief: Sie haben mich verstanden. Sie haben mich verstanden, Sie haben meine Methode richtig erfaßt und angewendet, ich danke Ihnen! Möchte ich Ihnen und Ihrer Schule Etwas nützen können. Doch gewiß, ich werde an die herzogliche Regierung berichten. So sprach der gelehrte, angesehene Mann und sein Antlitz glühte. Ich stand dicht daneben, und Sie können denken, wie mir das Herz schlug!" „Nun, nun, lieber Freund, es waltet da freilich etwas Eigennutz dabei. Der Herr Profeffor hat eine neue Methode für den Unterricht in der Mathematik erfunden, und während die öffentlichen Schulen wenig davon wiffen wollen, denn sie weichen nicht gern von ihrem gewohnten Geleise ab, sieht er sie unverhofft und ohne sein Zuthun in einer jüdischen Armenschule angewendet und unter den Händen eines geistreichen -Lehrers niit bestem Erfolge versucht. Das muß wohl glücklich machen." „Mag sein, Simson! Das ficht mich wenig an. Um so gewisser wird er seinen Einfluß bei der Regierung anwenden, um uns einige Unterstützung von dieser zu verschaffen. Unser aufgeklärter Fürst, der so viele Tausende für das Unterrichtswesen ausgegeben und unsere Stadt dadurch berühmt gemacht hat, wird sicherlich nicht anstehen, uns reichlich zu dotiren, wo er so glänzende Früchte gewahrt, die ihm an seinen eigenen Anstalten nicht immer geworden sind." „Hoffen Sie nicht zu viel, Daniel. Sie vergessen, daß es sich hier um eine Judenschule handelt, und daß es das erste Mal, ich glaube, in der ganzen Welt wäre, daß eine solche von einem Füsten unterstützt würde. Nun, wie viel es auch sein mag, es soll uns sehr willkommen sein. Denn, wenn auch bis jetzt die freiwilligen.Beiträge fast genügend geflossen sind, und nach diesem Examen noch.reichlicher.fließen werden: so kann. man doch für die Dauer nicht darauf bauen, und man muß einige bestimmte Einnahmen haben." „Sie bleiben sich immer gleich, immer Zweifler, immer vorsorglich. Haben Sie nicht gesehen, wie der reiche Hirsch uns sofort- 20 Malter Holz und vier Louisd'or als Geschenk gespey-- det hat, und selbst der geizige Markus ein Goldstück in die Urne warf, mit der ich den Gang , durch den Saal machte? Fünfundachtzig Thaler, drei Groschen und vier Pfennige trug die Sammlung ein, und . das bringt uns schon einige Zeit durch. Unser Rendant schmunzelte gar sehr, und sein schon so. breiter Mund wurde noch breiter, als ich ihm. die Summe einhändigte. Doch," was sagen Sie denn zu dem Anträge, den die Herren Bär und Lange im Namen mehrerer Eltern gemacht? Den müssen wir doch besprechen." Die beiden Männer waren längst in die breite schöne Straße eingebogen, die mit ihren schmucken, nicht großen, aber netten Häusern fast die ganze Stadt von Süden nach Norden durchschnitt, und näherten sich einem Rondel, das mit einem prächtigen Baumgange und wohlgepflegtem Rasen die Straße in ihrer Mitte unterbrach. Das Wetter war köstlich. An dem blauen Himmel strahlte die Frühlingssonne, die Bäume und Sträucher prangten bereits. in. ihrem frischen Laube, und das üppige Gras schimmerte in goldgrünem Glanze. Sie lenkten in das Rondel ein, um sich hier bei ihrem Gespräche zu ergehen. Oft freilich blieben sie stehen, und der lebhaft gestikulirende Daniel sprach dann um so eifriger auf den stets ruhigen und be-^- sonnenen Simson ein und hätte wohl die Aufmerksamkeit der Vorübergehenden auf sie gezogen, wenn es deren viele gegeben hätte. Aber in diesem Theile der Stadt war wenig Verkehr. In den wohlgeschmückten Häusern wohnten die wohlhabenderen Familien der Stadl, jede für sich in einem Hause, während Handwerker und Kaufleute in anderen, bewegteren Straßen ihre Werkstätten und Läden halten. „Also die Herren haben beantragt, daß auch die Kinder der wohlhabenderen Eltern in!die Freischule ausgenommen werden, und diese zu einer allgemeinen Gemeindeschule zu erweitern sei. Was meinen Sie hierzu?" „Sehr viel Ehre für die Freischule," erwiederte Simson. „Doch offen gestanden, ich bin nicht sehr eingenommen für diesen Plan. Zuerst würden die Claffen dadurch mit einer großen Anzahl von Schülern angefüllt, und es Ist doch nicht zweifelhaft, daß der Lehrer bei einer großen Anzahl Schüler nicht , so viel Erfolg erwirken kann, als bei einer kleineren: Ich sehe also darin eine Schädigung unserer Armenkinder. Ich befürchte aber noch mehr, daß durch den Eintritt der Kinder der Reichen die Schuldisciplin sehr leiden werde. Die Zöglinge der Armuth sind an Gehorsam, an die Unterordnung unter die Verhältnisse gewöhnt, ich weiß dies aus Erfahrung, denn meine Wiege stand auch in der Hütte der Dürftigkeit. Die Kinder der Reichen da-...

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