Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 38 (1874)
- Issue
- Heft 6 (3.2.1874)
- Date
- 1874-02-03
- Page
- Seite 94 (sequence 12)
- Language
- German
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94 Brief , welcher, die Suprematie der Kirche beansprucht. ..Sein Leben fang habe er die Emancipation gefordert, erst der Katholiken, dann der Dissenter, dann der Juden; deßwegen müsse er auch heute einer Verschwörung widerstehen, welche das deutsche Reich auf immer in despotische Fesseln schlagen wolle. Seine Liebe zu bürgerlicher und religiöser Freiheit zwinge ihn, mit der Majorität des englischen Volkes seine Sympathie für. Deutschland auszusprechen. Deutschlands Sache sei die Sache der Freiheit, des Papstes Sache sei die Sache der Sklaverei. (Earl Ruffel hat das vollkommene Recht', so zu sprechen. In feinem hohen Alter sieht er auf ein nicht blos thaten-, sondern auch erfolgreiches Leben zurück, in welchem er stets für die Sache der. Freiheit und des Menschenrechts eingetreten. Die Emancipation der Bekenner aller Confessionen, so auch der Juden, in England hatte ihren wesentlichen Förderer und Vorkämpfer in Lord John Ruffel. Aber auch außerhalb Englands beförderte er dieselbe Sache, wo und wie er nur konnte. Als gegen Ende des Jahres 1855, mitten im Krimmkriege, eine Art Friedenscongreß in Wien abgehalten wurde, der jedoch erfolglos blieb, wandten wir uns zu gleicher Zeit an Lord John Ruffel, der als Vertreter Englands nach Wien ging, und an Napoleon III. mit dem Gesuche, wenn Lei den Friedensstipulationen die Gleichstellung der Christen in den türkischen Staaten aufgestellt würde, diese auch auf die Juden, also auf alle Rajah's auszudehnen. Napoleon III. antwortete uns nur. mit einer Empfangsbescheinigung, Lord John Ruffel dagegen mit einem herzlich gehaltenen eigenhändigen Schreiben, worin er den entschiedenen Witten kundgab, diesem Gesuche nachzukommen, wie es gar nicht anders sein dürfte. Wir bewahren dieses Schreiben noch., auf. Daß ein solcher Mann das Recht hat * in dem jetzt entbrannten Streite seine Stimme vollgiltig vernehmen zu lassen steht, wohl über jedem Zweifel. Redaction.) Manchester, im Januar. (Privatmitth.) An Stelle des nach New Bork berufenen Predigers llr. Gottheil hat die Reformgemeinde nach abgehaltener Probepredigt, den Dr. I. Wiener berufen, der in der letzten Zeit in Leipzig das Schriftführeramt bei dem deutsch-israelitischen Gemeindebunde führte und hierbei eine nicht gewöhnliche Begabung bekundete. Jeuil Ziltriguen vor siebzig Zähren. Erzählt von L. Schr. II. Aus einem mäßig großen Hause, das jedoch ,'m. seiner äußern Erscheinung kaum einige Wohlhabenheit des Besitzers verrieth, kamen gegen die Mittagszeit viele Personen heraus, und wandten sich rechts und links zum Heimgang aus der etwas engen und nicht langen Straße. Sie waren Alle anständig gekleidet, wenn auch an Diesem und Jenem man voraussetzen konnte, daß er nur mit Mühe diese besseren, wenn auch nicht immer zusammenstimmenden Gewänder sich habe verschaffen können. Besonders mußte man sich dies von den Frauen gestehen, welche meist von einem oder mehreren Knaben begleitet waren, die sie an der Hand hielten, wenn sie auch längst nicht mehr in dem Alter waren, daß sie der Hand der Mutter zu ihrem Gange benöthigt gewesen. Aber aus allen Gesichtern, besonders aus denen dieser Mütter, strahlte eine freudige Aufregung. Eine Befriedigung des Glückes, wie sie selten bei einer so zahlreichen Menge ohne Unterschied auf einmal bemerkt werden kann. Die Augen glänzten; um die, oft blaffen Lippen spielte ein heiteres Lächeln, das die harten Züge verdeckte und verschönte, welche ein schwerer Kampf des Lebens, eine gramerfüllte Vergangenheit auf dem Antlitz zurückgelassen. Wie diese Augen der Frauen sich voll Stolzesauf ihre jugendlichen Begleiter, richteten und. noch höher erglänzten, wenn irgend wer einige beglückwünschende I e ton. Worte an sie wandte! Aber auch Männer von höherem Alter und Stande waren unter den Herauskommenden, welche mit Mienen und Worten die Zufriedenheit zu erkennen gaben, die ihnen durch das bereitet worden, was im Innern dieses Hauses vorgegangen war. Der Menfchenhaufe verlief sich endlich, und unter den Letzten, die heraustraten, waren zwei Männer, etwa im Anfänge der Dreißiger Jahre, welche ihren Weg nach einer nahen, breiten und schönen Straße nahmen, die zu den geachteteren Stadttheilen gehören mußte. Sie waren in eifrigem Gespräche. „Das waren schöne Stunden, lieber Daniel," hatte der Eine begonnen, „für welche man jahrelange Mühen und Sorgen gern ertragen haben will!" „Schöne Stunden? sagen Sie mehr, Stunden des Triumphes, des Sieges, Stunden der Morgenröthe, welche verbürgen, daß die dunkle Nacht zu Ende geht, für immer zu Ende geht; denn das aufgegangene Licht kann niemals wieder zur Finsterniß werden! Ich weiß, Lester Simson, Sie lächeln über mich, Sie nennen das Extase. Aber in meiner Extase liegt Wahrheit.. Ich sagte Ihnen diesen Erfolg vor einem Jahre voraus, und Sie. lächelten auch damals und nannten es Extase. Nun hat es sich. als Thatsache bewahrheitet , und ich sehe aus den Keimen, die wir mühsam gepflanzt, und die jetzt bereits als starke Sprossen über die Erde gestiegen, mächtige Stämme erwachsen, welche einst süße Früchte tragen und kühlenden Schatten verbreiten werden!";; Der Andere lächelte wirklich mit dem feinen Munde, der.