Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 38 (1874)
- Issue
- Heft 6 (3.2.1874)
- Date
- 1874-02-03
- Page
- Seite 92 (sequence 10)
- Language
- German
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Magistrat der Stadt Pest das Gesuch. gerichtet, dem zu errichtenden Rabbinerseminar einen Baugrund (in der Zweihasen- und Löwengasse) gegen einen angemessenen Kaufpreis zu überlassen und eine desfallsige Commission zur Verhandlung zu entsenden. Ueber den Erfolg dieser Eingabe berichtet der „P. L." .wie folgt: „Diese Eingabe der israelitischen Landescanzlei kam in der am 5. d. M. stattgehabten Sitzung der hauptstädtischen Finanz- und Wirthschaftscommission zur Vorlage. Ein Mitglied der Commission wollte vor Allem die principielle Frage erörtert wissen, ob nämlich die Errichtung des in Rede stehenden Rabbinatsseminars, das doch nur separatistische Tendenzen verfolgen will, im Allgemeinen zulässig sei und berief sich auf andere Confessionen im Lande, welche keine speciellen theologischen Lehranstalten besitzen. Ein anderes Mitglied manifestirte sich, als entschiedener Gegner 'aller Seminarien und will diese in den Universitäten aufgehen lassen. Da jedoch die Bittschrift ganz einfach den Kauf eines bestimmten, der Stadt gehörigen Baugrundes bezweckt, könne es sich hier nur um die Frage handeln, ob dieser Baugrund entbehrlich sei und keine andere Bestimmung bereits erhalten habe. In dieser Hinsicht wurde die Mittheilung gemacht, daß sich auf dem genannten Grunde die städtischen Malerialdepots befinden und bis zum Neubau der städtischen Materialmagazine gegenüber dem neuen Arbeitshause, der Grund . für die Stadt unentbehrlich sei. Die Finanz- und Wirthschaftscommission erklärte hierauf einstimmig, daß dem Gesuche der israelitischen Landescanzlei um käufliche Ueberlastung des Grundes für den projectirten Bau eines Rabbi natsseminars k e i ne Fol g e gegeben werden könne." Ueber den Einwand, daß der betreffende Baugrund der Stadt unentbehrlich sei, haben wir selbstverständlich nicht abzuurtheilen, obgleich man denken sollte, daß die israelitische Landescanzlei sich die Sache vorher auch etwas angesehen habe. Aber die vorangegangenen Expectorationen gingen doch auf eine feindliche Gesinnung, die sich selbst in einer Finanzcommission ein Stillschweigen nicht auferlegen konnte, wohin sie doch gar nicht gehörte, und zwar segelte diese Gesinnung mit doppeltem Winde, da sie sich theils im jüdisch-orthodoxesten, theils im liberalsten Sinne aussprach. Jedenfalls jedoch that sich d i e Absicht kund, den Juden auch nicht die geringste Concession aus städtischen und Staatsmitteln zu gewähren. Aus diesen erhalten dje Juden für ihre Cultus- und Unterrichtsanstalten nicht einen Heller Subvention, während aus den Steuern der Juden ein reichlicher Theil in die Taschen der Kirchen fließt! Prag, 19. Januar. (Privatmitth.) Am 10. und 16. Januar fanden in Prag und in jenen Städten und Landbezirken, in denen bei der letzten Wahl Mitglieder der Declarantenpartei gewählt wurden, die Neuwahlen für den Reichsrath statt, da die in diesen Bezirken gewählten czechischen Abgeordneten in Folge ihrer Abstinenzpolitik ihrer Mandate, — nach der neuen Vor« ladung für verlustig erklärt wurden. Bemerkenswerth ist diese jüngste Wahl noch besonders dadurch, daß bei derselben zum ersten Male die beiden hier bestehenden czechischen Parteien, die Jungen, die sich unlängst für die Wiederaufnahme der politischen Action entschieden haben und die Altczechen, die noch immer ander Abstinenz- Politik festhalten, einander im offenen Parteikampfe entgegentraten, der mit der völligen Niederlage der Partei der Jungen endete. Was speciell die Judenschaft Böhmens anbelangt, so hat dieselbe wenig Ursache, in Folge dieser jüngsten Wahlresultale ihre bisher eingenommene Stellung der Opposition gegenüber zu ändern; v Weder die nunmehr völlig geschwächte Partei der Jungczechen, noch die jetzt siegreiche altczechische Partei, haben ihr je eine aufrichtige Sympathie entgegengetragen. Man weiß .sich eben bei uns noch dessen gut zu erinnern, daß gerade die Jungczechen die tonangebenden Factoren bei allen Judenhetzen, die leider seit dem Jahre 1866 öfters hier vorkamen, waren, während die Altczechen, die von den Feudalen und Klerikalen so ziemlich in's Schlepptau genommen sind, nichts -weniger als zuverlässige Bundesgenossen der böhmischen Juden sein können, die nunmehr an ihre natürlichen und treuesten Verbündeten, die Verfassungstreuen .gewiesen sind, die beim letzten Wahlkampfe in Böhmen als stille Zuschauer am meisten gewonnen haben. V. Aus Ungarn, 19. Juni. (Privatmitth.) Die Creirung des Rabbinerseminars in Pest hat unserer „Schomre Hadaß" wieder Stoff zur Thätigkeit gegeben. Es kümmert die Herren wenig, daß deren Herr und Meister in Berlin; Herr vr. Hildesheimer, ein Seminar errichtet; denn am Ende ist ja selbst ein Hildesheimer nicht orthodox genug. Sie haben sich daher nach einem neuen Führer umgesehen, und sich eigens den bekannten R. Hillel aus Kolomea in Galizien verschrieben, um die Agitation gegen das . Seminar in's Werk zu setzen. Ich mag die Lächerlichkeiten von dem solennen Empfang,, der R. Hillel in den orthodoxen Gemeinden bereitet wurde , nicht wiederholen, wovon die Zeitungen weitläufige, zumeist lügenhaft ausgeschmückte Berichte brachten. Genug ist die. einfache Thatfache, daß R. Hillel, von dem seit besten Uebersiedelung nach Galizien nichts gehört wurde, im Winter eine Rundreise in Ungarn macht, um seine Partei zum Kampf gegen die Einrichtung des Seminars anzueifern.. Wahrscheinlich wird besten Reife nicht ohne Erfolg sein, da R. Hillel wie ein Heiliger vom Pöbel verehrt wird. Jedenfalls ist bald die Achterklärung gegen Dr. Hildesheimer und seine Rabbinerschule zu erwarten. Denn viele gemäßigte Orthodoxe berufen sich auf. den Meister m Berlin,— eine Berufung, die natürlich R. Hillel. nicht gelten lasten kann. Die nächste Zukunft wird darüber Aufklärung bringen! Die Schomre Hadaß arbeiten jetzt mehr im. Stillen, weil sie gesehen, daß die Zeitungen sie durch lächerliche Darstellungen über den Empfang des R. Hillel, dem Gespötte preisgegeben — und das ist gerade schlimm!