Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 38 (1874)
- Issue
- Heft 6 (3.2.1874)
- Date
- 1874-02-03
- Page
- Seite 87 (sequence 5)
- Language
- German
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87 deN Jüdettthüme 'stets 'feÄMÜE"sÄ.'»Muse"WchMieW'set M vönl!mrttn!'!hLraüsentsprungen^ 'D es' von außen hereingetragettj löst genug an dasselbe^ herangetretenj' hat versucht, sich in ftiM innersten Canäle-einzüschleichen) es' mit ihrem dünkelü-Blüte zwdürchtränken/-und-sich^so' ein Jüdenthum zu schaffen,-''das schließlich anit< dem ürWünglichen ^wenig Verwandtschaft''mehr gehabt'ch'Ltte.'' Aber 'wäs rätionelle Judenthüm bat stets'die^Energie besessen, diese mystischen Processe von sich abzuweisen , und wenn es sie für Zeiten nicht gänzlich entfernt zu halten vermochte, sie doch nicht zur eigentlichen Herrschaft gelangen zu lassen und sie bald wieder zum Schweigen zu bringen. Solche mystische Elemente zeigen sich schon früh; wir erinnern z. B. an' die Psalmen 2. 110, deren Deutung zwar auf rationellem Wege noch gelingt,' deren' mystische Färbung aber nicht zu ver-' kennen ist. Wir erinnern ferner' an den zweiten Theil des Büches Daniel, wo die Allegorie schon deutlich in die Mystik übergeht. Der eigentliche Versuch, Lehre und Gesetz des Judentums mystisch ümzugestalten, wurde in der AlexandriNischen Schule gemacht und liegt ' uns ' in den Schriften Philo's vor. Jedermann weiß aber, daß dieses Experiment auf das eigentliche Judenthum gar keinen Einfluß gewann, was um so leichter war, als glücklicher Weise Philo so wenig Kenntniß des Hebräischen undder bereits aufgeblühten traditionellen Entwickelung hatte, daß zwischen: 'dieser und ihm gar keine Verbindung stattfand. Allerdings nun finden sich in der Hagada Anklänge, ja Elemente' mystischer Natur genug; aber diese konnten sich zu keinem Systeme entfalten , weil dies in der Art der Hagada gar nicht lag, die sich als Deutung nur einzeln an die einzelnen Schriftstellen anknüpfte, und von der systematisch arbeitenden Hälacha stets zurückgedrängt wurde. Mit größerem Erfolge erhob sich aus diesen Keimen in späteren Jahrhunderten die Kabbala, und in ihr haben wir eine vollständige mystische Theorie in bunter, vielgestaltiger Phantasmagorie. Sie sproßte üppig und mächtig herauf, und wußte zu einer ganz unkritischen Zeit die fromme Lüge so mit sich zu verweben, daß sie dem naiven Geiste als ein ursprüngliches heiliges Product des innersten Judenthums sich glaubhaft machen konnte. Ihr Bestreben, sich die jüdischen Geister unterthänig' zu machen, und die Noch und Drangsale der Masse hierzu zu benutzen, schien eine Zeitlang von fortschreitendem Erfolge gekrönt. Aber eine Verschmelzung des wirklichen Judentums mit diesem mystischen Aftergebilde war der Natur nach doch unmöglich; die Einfachheit der Lehre , wie sie' sich dem Herzen des Volkes ein gesenkt hatte, der logische und juridische Scharfsinn, der sich am Studium des Talmuds und an dessen weiterer Entfaltung in der Casuistik immerfort übte und erschuf, retteten das Judenthum vor dieser Mystik, und lösten es mit ' statkenr/ kampfbereitem Arme auch aus der Umarmung der Kabbala^ 'die mit dem Eintritt der kritischen Geschichtsforschüng auch in ihrer historischen Lügenhaftigkeit erkannt wurde, und seitdem in ihrer Geltung zu Nichte ward. Aber leider! nicht ganz. Die Uncultür und die Barbarei, unter welcher die jüdische Masse des östlichen Europa Jahrhunderte lang bis zur Gegenwart schmachtete, ließen einen Theil dieser jüdischen Bevölkerung in Polen und Rußland einer Afterschöpfung der Kabbala, dem Chassidismus, einer aus den rohesten Elementen zusammengezimmerten Mystik, in die Arme fallen, so ein Beispiel gebend, was unter solchen Einflüssen auch aus dem Judenthume gemacht werden könnte. Hierdurch aber wird erst recht bewiesen, wieweit das eigentliche Judenthum von sich selbst abirren müsse, um in. eine solche Schlinge zu fallen. Es kann auch nicht bezweifelt werden, daß, so fest auch dieses Chassidismus zu sitzen scheint, er doch vor den ersten Strahlen einer gründlichen Volksschulbildung verschwinden wird, weil er eben dem Volke selbst doch nicht als System einwohnt, sondern nur als dunkler Aberglaube, der sich auf die Unbildung und Rohheit stützt. Ganz anders verhält es sich mit dem Christenthume. Niemand wird leugnen können, daß schon die ersten Evangelien neben vielen einfachen und klaren Aussprüchen mystische Züge enthalten , welche nur mit der größten Mühe-rationell gedeutet werden können. Sämmtliche Evangelien aber, die meisten Briefe, die Apostelgeschichte und die Apokalypse geben ein Gesammtbild, welches durch und durch mystischer Natur ist , sich zwar als ein consequentes Dogmensystem darstellt, aber nicht für den Verstand begreiflich' ist. Es sind Mysterien, die den unbedingten Glauben und die Entsagung des vernunftgemäßen Verständnisses fordern. Die Lehre von Gott als Dreieinigkeit, die Menschwerdung Gottes, die Erbsünde, die Erlösung durch den Tod Jesu, die Rechtfertigung durch den Glauben, sie sind sämmtlich Dogmen mystischer Natur. Nicht minder gehört dahin der Charakter, der dem ganzen Neligionssysteme eingesenkt wurde. Daß der Schwerpunkt des menschlichen Daseins in das Jenseits verlegt ward, die Verachtung des Irdischen, die Abschwächnng und Tödtung des Fleisches um des Seelenheiles willen, die völlige Trennung der Religion und der Gesellschaft tragen das Gepräge der Mystik vor sich her. Aber selbst die Sittenlehre ist nicht frei davon; die allgemeine Menschenliebe wird zur passiven Duldung selbst des Unrechts, und zwar doch um eines höheren Egoismus willen, um für sich das ewige Heil zu erlangen. Hierzu treten die phantastischen Gebilde der persönlichen Existenz des Satans und seiner Thätigkeit Gott und dem von diesem gewollten Guten gegenüber, der Hölle, des Kampfes mit ihr und des endlichen Sieges über sie, des jüngsten Tages und des Weltgerichtes. Diese inhaltreiche und vielgestaltige Mystik, die in der späteren katholischen Kirche noch so vielfach erweitert und ausgebildet wurde, tritt uns bereits aus der grundlegenden Urkundensammlung des Christenthums, den Schriften des neuen Testamentes vollständig entgegen, und wurde daher auch von dem, die Schrift und die Tradition trennenden Protestantismus bewahrt. : Hieraus entsteht nun die Schwierigkeit, die Frage nach dem