Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 38 (1874)
- Issue
- Heft 5 (27.1.1874)
- Date
- 1874-01-27
- Page
- Seite 77 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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77: — Ich kann gar nichts, ich kann gar nichts, erwiderte der Chasan mit ängstlichem Tone; ich bin Vorsänger. . — Thut nichts, antworteten die Anwesenden in ermuthigendem Tone, singen Sie uns eine Ihrer jüdischen Melodien. Leiser ließ sich Dies nicht zwei Mal sagen, er stimmte mit seinen schönsten Tönen das Kadischgebet des Versöhnungstages an; er brachte einen derartigen Eindruck auf seine Zuhörer hervor, daß Alle bis zu Thränen gerührt und hingeriffen von der Macht seiner Stimme waren. „Das ist ein zukünftiger Beck", riefen sie ganz enthusiasmirt; man schlug dem Leiser Stierer sogleich vor, sich dem Theater zu widmen. Er erklärte sich ganz bereit dazu, den Vorschlag anzunehmen, unter einer Bedingung jedoch, nämlich daß er nicht genöthigt sein würde, sich von seinen beiden Stirnlocken und seinem Kaftan zu trennen. Aber ach! diese beiden Bedingungen waren unannehmbar; in der That unmöglich, in einem solchen maurischen Costüm den Troubadur oder den Nelusko in der Afrikanerin darzustellen. Der junge Pole blieb fest; man war daher genöthigt, den orthodoxen aber aufrichtigen Chasan in sein Dorf zurückkehren zu lassen, der lieber ruf das Theater verzichtete, als auch nur die äußerlichen Attribute seines Stammes zu opfern: Leiser blieb, was er gewesen. Ein sonderbarer Heiliger weilt seit einigen Tagen in den Mauern von Buda-Pest. Es ist dies der von den Orthodoxen als Heiliger verehrte Reb Hillel aus Kolomea in Galizien. Wie der Pester Llyod mittheilt, ist Reb Hillel vor acht Tagen aus Galizien in Mako angekommen, aus welchem Anlaß die orthodoxen Juden von beji entferntesten Ortschaften nach Mako strömten. Dort wurde eine Triumphpforte errichtet, und als Hillel vor der Stadt erschien, wurden die Pferde seines Wagens ausgespannt, und letzterer im Triumph in die Stadt gezogen. Während seines Aufenthaltes in Mako wurden ihm zu Ehren täglich Gastereien veranstaltet, an welchen 300 bis 400 Orthodoxe Theil nahmen. Der Teller, aus welchem der Heilige aß, wurde jedesmal an der Tafel herumgereicht und von jedem Anwesenden ehrfurchtsvoll — abgeleckt. Frauen ließen ihre Kinder segnen, und der von Hillel gesegnete Wein wurde per Eimer mit 120 Fl. und darüber veräußert. Polnische verbrämte Mützen sammt Segen verkaufte der Heilige in großer Anzahl um 20 bis 30 Fl. per Stück. Für das Glück, von dem Heiligen eine Audienz zu erlangen, mußte eine Gebühr von 20 Kr. bis 1 Fl. bezahlt werden. Das Incassogeschäft besorgte der Diener des Heiligen, da er selbst in seiner Eigenschaft als Heiliger kein Geld annimmt. Den Zweck seiner Reise, nämlich die Bekehrung der nichtorthodoxen Israeliten, hat er jedoch in Mako nicht erreicht, da sich nicht ein Einziger bekehren ließ.' Im Gegentheil hat die liberale Partei die Anwesenheit des Heiligen zu einer Demonstration benutzt, indem sie am 27. December ihrem Rabbiner Fischer einen glänzenden Fackelzug brachte. Am 12. d. M. wurde eine der vortrefflichsten, durch Geisteswie durch Herzenseigenschaften hervorragendsten Frauen Wiens begraben: Frau Julie v. Ladenburg, geborene v. Lämel. Vor 15 Jahren übersiedelte sie mit ihrem Gatten, dem Bankier Ladenburg, nach Wien, wo sie bald einen Kreis von ausgezeichneten Männern und Frauen um sich versammelte und dauernd fesselte. Sie war die Seele einer auserlesenen Gesellschaft, die sich vielleicht gerade deshalb so wohl und heimisch dort fühlte, weil die Hausfrau niemals mit ihrem Geist und ihrer ungewöhnlichen Bildung prunkte. Fremde Künstler und Gelehrte fanden bei Frau v. Ladenburg jederzeit freundliche und verständnißvolle Aufnahme; aber nicht diese allein, jeder wahrhafte, edelgesinnte Mensch, besonders wenn er ein bedürftiger war, hatte ein Anrecht auf ihre stetige hilfreiche Theilnähme. Unzählige Arme weinen ihr im Stillen dankbare Thränen nach. Ihre näheren Freunde vollends und der schöne, gesellige Kreis, dessen belebender Mittelpunkt sie war, erleiden durch den Tod der Frau v. Ladenburg einen ganz unersetzlichen Verlust. Gestern Nachmittags um 3 Uhr wurde die Verblichene auf dem israelitischen Friedhofe in Währing zur Erde bestattet. Ein auserlesener Kreis von Männern war erschienen, um der Todten die letzte Ehre zu erweisen. Es halten sich die Minister Stremayr, Glaser, Unger, Sectionschef Mitis, viele höhere Beamte der Ministerien, die hervorragendsten Vertreter dee Kunst, der Wissenschaft und der Finanzen, unter den Letzteren der Bankgouverneur v. Pipitz und Herr v. Lucam auf dem Gottesacker eingefunden. Ein „Professor" in Maine hat ein großes Gemälde: „Durchgang der Israeliten durch das Rothe Meer", ausgestellt , zu dessen Empfehlung er die Notiz beigefügt hat, daß die Bildnisse der einzelnen Juden direct nach der Natur photographirt worden seien. 5*