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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1874-01-27 · Heft 5 (27.1.1874) · p. Seite 76

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
38 (1874)
Issue
Heft 5 (27.1.1874)
Date
1874-01-27
Page
Seite 76 (sequence 10)
Language
German
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76 andersgläubigen College« gehörig sauer gemacht, er war sp recht -ein Miefkind, unter den Stadtträgern. Kaum war der vierschrötige Mann auf.seinem Standplatz erschienen, wurde er sofort umringt und von seinen christlichen Berufsgenossen gezwungen, sein ehrliches,Handwerkzeug, den Strick, in seinen hintern Rocktheil zu verbergen, und wehe ihm, wenn er es wagte, dieses Zeichen feine Broderwerbs als Banner quer über die Brust zu legen. Es war an einem Hellen, freundlich lächelnden Decembermorgen, ein unsauberes Gemisch von Schneewasser und Eis machte das Gehen in der inneren Stadt zu einem gefahrvollen Unternehmen, und bei jedem Schritt waren die Passanten in Gefahr, auszurutschen. Melancholisch stand Schmule Worscht auf Posten, den Strick sorgsam in der Hinteren Rocktasche versteckt. Der arme geplagte Jude, er träumte wohl, wenn auch nicht von einer Palme, so doch von einem, guten Verdienst — Bums! da strauchelt hart vor ihm ein elegant gekleideter, älterer Herr. Dies sehen, hinspringen und den strauchelnden Herrn mit nervigen Fäusten fefthalten, war das blitzschnelle Werk Schmule Worschts. „Ich danke Ihnen, lieber Mann, Sie haben mir einen unendlichen Dienst geleistet, ich hätte vielleicht einen Beinbruch erleiden können; wie heißen Sie, mein Bester?" „Wie anders soll ich heißen, als Schmule Worscht," lautete die Antwort. „Notiren Sie diesen Namen," gebot der Fremde seinem Begleiter — und Beide gingen ihres Weges. „Wer heißt hier Schmule Worscht?" fragte anderen Tages zeitlich früh ein Herr, der einen hellgelben, blankgeputzten Adler an den Rock geheftet trug. Großer Jubel unter den nichtisraelitischen Collegen Worschts, denn wenn sich um jene Zeit ein Vertrauter für einen Worscht interessirte, so konnte man mit Sicherheit annehmen, daß selbiger Worscht schon in 48 Stunden mit Familie bei der Taborlinie draußen sein werde. „Der dicke Jud durten haßt a so." „Sie sollen gleich zum Polizeidirector kommen," sprach der Vertraute den armen Schmule an, — dieser erblaßt, — der Vertraute geht seines Weges. Aufgeregt sondergleichen lief Worscht in seine Wohnung, zieht seinen guten Schabesrock an, und seinen , alle Goldfroschfarben spielenden Samstags - Cylinder, eine Figur, die einem schlechtgeschriebenen Upsilon ähnlich sieht, auf und betritt so unter demuthsvollen Bücklingen das Zimmer des Polizeidirectors. „Sie heißen?" „Schmule Worscht, heiße ich, kaiserliche Majestät!" „Ich bin keine Majestät, aber die wirkliche Majestät Kaiser Ferdinand sandte für Sie diese.Karte, Sie mögen sich sofort zur Audienz.melden." Worscht ist nahe daran, umzufallen; der Kaiser läßt ihn rufen! — Schnell in die Burg. Einem Hellebardier, den er per Excellenz anspricht, zeigt er die Karte, dieser geleitet ihn sofort bis an das Gemach des Kaisers. Worscht traut seinen Augen nicht; derselbe Herr, den er gestern vor dem Fall bewahrt, er steht vor ihm, lächelt ihm leutseligst entgegen. „Lieber Worscht" — begann der Monarch, „ich habe Sie rufen lassen, um Ihnen meinen Dank abzustatten, sprechen Sie irgend einen Wunsch aus, und er soll gewährt werden." Worscht stand sprachlos da — dann Hub er an: „K.aiserleben! Die christlichen Stadtträger sekiren mich gewaltig, ich darf meinen Strick nicht frei tragen; befehlen Sie, lieber Kaiser, daß ich den Strick so tragen darf, wie die Anderen." Kaiser Ferdinand lachte, und seit jenem Tage stand monatelang ein Wachmann am Hohenmarkt, der den alleinigen Zweck hatte, Worscht zu beschützen. Der leutselige Monarch ließ sich auch Schmule Worscht sammt seinem Strick porträtiren; das Bild hängt im Belvedere. - M . ... s. Vermischtes. Das „Wiener Fremdenblatt" erzählt: In einer kleinen polnischen Ortschaft lebte ein junger israelitischer Vorsänger, Leiser Stierer, der eine bewundernswürdige Baritonstimme besitzt. Die hundertflügeliche Fama trägt den Ruf dieser phänomenalen Stimme bis nach Wien, und zwei Sänger von der Oper dieser Stadt, die Herren Rokitanski und Neumann, ließen den Chasan auf ihre Kosten nach Wien kommen. Eines schönen Morgens hielt Leiser Stierer seinen Einzug in die Haupt-, stadt Oesterreichs. Er war ein polnischer Jude in der vollsten Bedeutung des Wortes mit zwei prächtigen Korkzieherlöckchen an den Schläfen und bekleidet mit einem langen Kaftan. Der junge Mann besitzt, wie wir schon bemerkt, eine bewunderungswürdige Baritonstimme, und die beiden Theatersänger beschlossen, ihm eine künstlerische Ausbildung geben zu lassen. Einige Finanzmänner erklärten sich bereit, den Künstler während der Zeit seiner Studien zu unterstützen. Es handelte sich nunmehr nur noch um eine letzte Prüfung mit dem jungen Polen, und Dies in Gegenwart des Directors der Oper. Der Director Herbeck erklärte sich bereit, den jungen Wundermann zu prüfen, und der Reisende wurde vorgeführt. Was können Sie denn singen? fragte einer der Regisseure,

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