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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1874-01-27 · Heft 5 (27.1.1874) · p. Seite 75

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
38 (1874)
Issue
Heft 5 (27.1.1874)
Date
1874-01-27
Page
Seite 75 (sequence 9)
Language
German
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75 Ich glaube es nicht. Es war damals eine andere Bildung verbreitet, es gab andere Sitten und Bräuche, die Mittelpunkte, um die sich das Leben drehte, waren andere, — aber die Menschen waren doch dieselben, ihre Vorzüge und Schwachen glichen den unserigen, und wenn ihre Erscheinung eine andere war, so unterschied sich doch ihr Wesen von dem unserigen nicht sehr. Mißverstehe mich nicht. Ich gehöre nicht zu Denen, welche den Fortschritt der Menschheit leugnen, welche glauben, daß diese sich nur auf einer Balancirstange befinde, deren eines Ende sich senke, während das andere sich hebt. Der vorurtheilslose Blick in die vergangenen Jahrtausende kehrt in die Gegenwart mit der festen Ueberzeugung einer fortschreitenden Entwickelung zurück, wenn diese freilich auch nicht immer den geraden und ebenen Weg verfolgt, sondern zumeist im Zickzack und in weiten Bogen die Höhe hinanklimmt. Zumal wir Alten, — denn der Leser hat doch wohl schon gemerkt, daß ich zu diesen gehöre, und ich könnte es ihm auch beweisen, wenn er es verlangte, denn ich hatte Gelegenheit, schon vor vierzig Jahren zu ihm zu sprechen, oder hätte sie gehabt, wenn er damals schon lesen konnte, — zumal wir Alten, sage ich, die ein halbes Jahrhundert hindurch die Augen offen gehalten, können von den offenbarsten Fortschritten viel erzählen. Aber demungeachtet ist es eben so klar, daß die Art der Menschen an sich nicht anders geworden, wenn, auch mit dem Fortschritt der Gesichtskreis sich erweitert, das öffentliche Recht sich gestärkt und die allgemeine Moral sich geläutert hat. Und darum will ich heute eine Erzählung geben, welche vorzugsweise eine Sittenschilderung aus den Kreisen unserer deutschen Glaubensgenossen vor siebenzig Jahren enthalten wird. Ich versichere im Voraus, daß die Thatsachen durchaus der Wirklichkeit entnommen sind. Kannte ich doch als Kind noch mehrere der Personen, die hier eine kleine Rolle spielen. Ich halte es so in allen meinen Erzählungen. Es mag Dies in einer beschränkten Erfindungsgabe liegen. Glücklicher begabte Dichter mögen geneigter sein, Phantasiegebilde zu schaffen. Jedenfalls aber bin ich durch meine Vorliebe, wirkliche Vorgänge dem Leben zu entnehmen, und sie nur in ihrem dichterischen Werthe und in poetischer Erweiterung darzustellen, vor dem Fehler geschützt, in welchen so viele Erzähler verfallen, unwahre Situationen und gemachte Persönlichkeiten auf die Scene zu bringen. Meine Personen haben gelebt, meine Vorgänge sind wirklich geschehen. Ob mein Griffel sie scharf genug zeichnet, und mein Gefühl warm genug ist, um den Dahingeschiedenen neues Leben einzupflanzen, — Das ist eine andere Frage, die selbstverständlich ich nicht zu beantworten vermag. Doch Eines habe ich noch zu bemerken. Mein Streben geht dahin, die Personen ganz nach den Anschauungen vorzuführen, die sie zu ihrer Zeit erfüllten, und aus denen sich ihre Handlungsweise erklärt. Aber ich liebe es nicht, sie durchaus in dem verdorbenen Jargon reden zu lassen, den so viele von ihnen noch sprachen. Die deutschen Dichter, .welche.Personen, aus dem Mittelalter schildern, lassen diese nicht das dantalige, sondern daß beste Hochdeutsch reden. Warum sollen die Juden in ihrem ehemaligen Gemauschel erscheinen, das sich jetzt fast aus allen ihren Kreisen verloren hat? Ebensowenig ist es mir darum zu thun, ihre früheren Sitten und Gebräuche ganz im Detail zu malen. Wie sie lebensvoll und energisch existirten, wird durch ihr Thun und Lassen am besten charakterisirt, durchaus nicht durch sorgfältige Schilderungen, wie sie sich kleideten, wie sie aßen und tranken, welche Geberden und Manieren unter ihnen heimisch waren und dergleichen mehr. Ich überlasse Dies Anderen, und fänden die Leser mehr Geschmack daran, so könnte ich mir auch nicht helfen. Ich mache auf nicht mehr Anspruch, als ich zu leisten vermag, und leisten will. Die Zeit, in die ich meine Leser sich zurückzuversetzen bitte, war für die Juden Deutschlands eine sehr bedeutende. Die Gäbrung hatte begonnen, und ergriff den aufgehäuften Stoff mit einer Schnelligkeit, die uns jetzt Bewunderung abgewinnen muß. Welche große Schritte wurden damals leicht und schnell gethan, während man in den letzten Jahrzehnten um die kleinste Bewegung gewaltig hadert, und sie schließlich nicht einmal ausführt. Es ist merkwürdig: für diese Gährung war die gefammte jüdische Bolksmasse ein gesunder und bereiter Stoff; Nichts an ihm war todt und verwest; selbst die dagegen kämpfenden Elemente widerstrebten innerlich kaum, sondern fühlten sich von dem edlen Lebensproceß angezogen, der beginnen sollte. Doch höre ich endlich mit diesen Andeutungen auf und komme zu meiner Geschichte. (Fortsetzung folgt.) Egoismus — überall. (Das „Jll. Wiener Extrablatt" bringt folgende kurze, aber sehr charakteristische Erzählung: „S ch m u l e W o r s ch t u n d s e i n St11 cf." Klingt sehr poetisch, dieser Name. Nicht wahr? — Man riecht es fast auf fünfzig Schritte Distanz, daß der Träger desselben nie die „Kirchenzeitung" redigirte. Also Schmule Worscht war sein Name; ich habe alle Gotha'schen Kalender durchstudirt, aber die Ahnen Schmule Worschts waren nirgends verzeichnet, und so bin ich gezwungen, gleich mit beiden Füßen in die Heldenthaten hineinzuspringen. Die Geschichte, sie spielte in den Vierziger Jahren in Wien, ist kein Product meiner Phantasie, sie ist historisch. Der Leser wird es schon errathen haben: Schmule Worscht war seiner Beschäftigung nach — Jude, und bekannte sich zur Religion — eines nichtconcessionirten Stadtträgers. Er hatte seinen Standplatz am äußersten Ende des Ghetto Nr. 2, am Hohenmarkt lbeim Palais Sina) aufgeschlagen, da er dort von seinen Glaubensgenossen Verdienst erhoffen konnte. Doch da hatte er die Rechnung ohne die christliche Nächstenliebe gemacht, und Schmule Worscht wurde das Leben von seinen 5

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