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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1874-01-27 · Heft 5 (27.1.1874) · p. Seite 74

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
38 (1874)
Issue
Heft 5 (27.1.1874)
Date
1874-01-27
Page
Seite 74 (sequence 8)
Language
German
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74 einem Organ des Freihandels zu machen. Er hatte sich fortwährend mit internationalen Fragen beschäftigt, welche die Südstaaten unv die Handelsbeziehungen der Bereinigten Staaten mit dem englischen Indien interessirten. Cardozo nahm thätigen Antheit an der Begründung einer Handelskammer zu Charleston 1823. 1845 gründete er ein neues Journal, den Eveu'mg News, dessen Redacteur er so lange blieb, als dies Blatt erschienen ist. —. Eine Commission wurde von dem peru'fchen Gouvernement ernannt, um den Plan zur Errichtung einer neuen Post zu Lima, der Hauptstadt Peru's, zu prüfen. Einer der Mitglieder dieser Commission war unser Glaubensgenosse Herr- Isaak Lawton. Dies ist das erste Mal in Peru, baß eine solche ehrenvolle Auszeichnung einem Israeliten bewilligt worden. Herr Isaak Lawton ist Eigenthumer und Chefrevacteur des SouiIj Pacilic Times, des einzigen englischen Journals, welches in Peru seit ungefähr ein und ein halb Jahren erscheint. J e u i l Jrrtriguen vor fiehig Jahren. Erzählt von L. Schr. Nicht selten hört man die Behauptung, daß von all' den tausend Blättern, die an einem Baume sitzen, nicht eins dem andern völlig gleiche. Nicht minder sagt man Dies von den Menschengesichtern aus, die in ihren verschiedenen Eigenthümlichkeiten einander durchaus nicht gleichkommen. Dennoch wird Niemand ein Eichenblatt mit einem Buchenblatte, ein Lindenblatt mit dem zitternden Laube der Esche verwechseln; und ebenso kann die Uebereinstimmung der Physiognomie in den verschiedenen Raren, Völkern, Geschlechtern und Familien nicht geleugnet werden. Man könnte sagen, daß man gewisse physiognomische Züge und Formen zu classificiren vermöchte, und da würden nicht so viele Arten herauskommen, wie man sich gewöhnlich denkt. Ich erinnere mich, als ich vor etwa zwanzig Jahren Prag besuchte, und aus der Altneuschule trat und durch das Spalier von Bettlern schritt, welche sich am Eingang ausgestellt halten, da fielen mir-Gesichter auf, die hier im Bettlergewande erschienen, und die ich doch in der Heimath als wohlhabende und angesehene Männer kannte. Es drängte sich mir fast die Frage auf die Lippen: wie kommst Du hierher, so gebeugt, so flehend, und auch so schmutzig und vernachlässigt, da Du doch zu Hanse das gerade Gegentheil vorstellst? ... So kommt es denn auch, daß, sobald uns Personen vorgestellt werden, uns fast zuerst diese oder jene frappante Aehnlichkeit auffällt, welche wir an ihnen mit anderen uns wohlbekannten zu gewahren glauben. Es ist ein eigenthümlicher Zug des Menschengeistes, daß er Unbekanntes nicht dulden mag, und daher sofort an Bekanntes anzuknüpfen sucht, um durch dieses jenes erfassen zu können. Wir denken daher bei dem Anblick uns neuer Menschen schnell an alte Bekannte, und suchen uns Fäden der Aehnlichkeit zwischen den einen und den anderen zu knüpfen. Was wir suchen, finden wir auch. Aber es beweist Dies immerhin, wie der Kreis der Verschiedenheiten doch nicht so groß ist, wie man ihn anzunehmen geneigt ist. Und wie? Senken wir unseren Blick in das Innere der l e t o n. Menschen, beobachten wir die Triebfedern ihrer Handlungen, ihrer Neigungen und Leidenschaften; — vergleichen wir dann sogar die vergangene Zeiträume mit Dem, was vor unseren Augen geschieht, was von Tag zu Tag um uns vorgeht, — bei aller Mannigfaltigkeit und allem Wechsel, bei allem Reichthum der Individualitäten und der Besonderheiten, drängt sich uns doch die Aehnlichkeit, ja die Gleichheit in Allem auf, was das menschliche Gemüth bewegt, was ihm entfließt und auf dasselbe einwirkt, was in ihm wühlt, es entzückt, es entsetzt und wieder beruhigt, was es kalt oder stürmisch verlangt, befriedigt, anzieht, oder abftößt. Ja, die Quellen, aus denen es seinen Lebenstrunk schöpft, die Weltgegenden, aus welchen die Winde wehen, die dieses bald leichte, bald centnerschwere Gemüth dahin tragen oder mit sich fortreißen, ihrer sind doch nur wenige und in allen Zeiten und Kreisen dieselben. Es ist sicher, betrittst Du die Hallen des Palastes, die glänzenden Säle der Großen und Neichen, oder die Schwelle der niederen Hütte, die Stätten bescheidenen Besitzes, oder gar der Armuth: dort und hier begegnen Dir dieselben Leidenschaften, dieselben Motive, dieselben Neigungen, dasselbe Spiel der Herzenstriebe, des Gedankenganges, der Entwürfe, der Mittel, die gewählt, der Thaten, die ausgeführt werden. Der Schauplatz ist ein anderer, die Zwecke stellen sich gar verschieden dar, die Personen und Ver^ hältnisse, wie buntfarbig, wie vielgestaltig erscheinen sie, — und doch, in der Tiefe, im eigentlichen Inhalte, in der Art, wie sie sich bewegen, wie sie nach dem Ziele streben, es erreichen oder verfehlen, bleiben sie sich alle gleich. Haß und Liebe, Herrschsucht und Habgier, Hingebung und Aufopferung, Neiv und Wohlwollen, Mißgunst und Menschenfreundlichkeit, Ränkesucht und Offenheit, Verleumdung und Gerechtigkeit, Nachsucht und Versöhnlichkeit, — sie sind alle da, überall da, an und auf dem Throne, an und auf dem Bettlerschemel, in der Großstadt wie im Dorfe, in den Cabinetten der Minister und Diplomaten, wie in der Stube des Schulzen, auf der Weltbtthne wie im entlegenen Winkel eines -halb vergessenen Landes . . . Meinst Du nun, freundlicher Leser, daß es in jener Zeit, welche man oft die gute alte Zeit nennen hört, anders gewesen?

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