Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 38 (1874)
- Issue
- Heft 5 (27.1.1874)
- Date
- 1874-01-27
- Page
- Seite 71 (sequence 5)
- Language
- German
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71 Berlin, 18. Januar. Nach eben eingelaufenen Nachrichten hat bei der engeren Wahl in Frankfurt am Main Herr Sonne mann mit 7185 Stimmen gegen Herrn Lasker mit 5685 gesiegt. Ein großer Theil der Socialdemokraten halten ihre Stimmen Sonnemann zugewandt. Es sind nunmehr fünf Mitglieder des Reichstages israelitischer Religion. Provinz Posen, im Januar. (Privatmitth.) Sämmtlichen Lehrern, welche an den drei städtischen Confessionsschulen in Grätz fungiren, mit Ausnahme der Rectoren, sind aus der Regierungshauptcaffe für das Jahr 1873 einmalige Gehaltszulagen bewilligt worden, und zwar zweien ä 10 Thaler, den übrigen L 20 Thaler. Nachdem in Neustadt b. P. vor kurzer Zeit der Lehrer an der katholischen Schule Mroczkiewicz 36 Thlr. und der an der jüdischen Schule angestellte Lehrer Russak eine jährliche Gratification von 40 Thlrn. erhalten haben, ist wiederum Seitens der königlichen Negierung zu Posen dem erstern 50 Thlr. und dem letztern 30 Thlr., und außerdem noch dem Lehrer- Thilo, der auch an der jüdischen Schule zu Neustadt angestellt ist, eine. Gehaltszulage von 10 Thlrn. gewährt worden. Außer den Allerszulagen, die den Lehrern in Czarnikau zu Theil geworden, sind auch die pensionirten resp. emeritirten Lehrer in diesem Jahre mit einem Ruhegehaltszuschuß aus der Staatscasse bedacht worden. Es erhielten der jüd. Lehrer Rieß 40 Thlr., Rector Herford, evangel.. 32 Thlr., der Lehrer Zabel, kathol., 28 Thlr. Es ist damit dem Lehrer Rieß, ganz besonders dem Rector H., der bei seiner kleinen Pension noch kleine Kinder hat, und mit Noch kämpft, ein sehr erfreuliches Geschenk gemacht worden. — Bemerkenswerth ist, daß dem jüd. Lehrer Lippmann, der bereits 24 Jahr im Amte ist, nur 14 Thaler Gehaltszuschuß von der königlichen Regierung zu Theil wurde, während dem Lehrer v. Swientochowsky, kath., 28 Thlr. jährlich bewilligt wurden. (Wir theilen diese Einzelheiten mit Vergnügen mit, um zu zeigen, wie unparteiisch die königl. Negierung in der Provinz Posen gegen die öffentlichen jüdischen Schulen verfährt. Nedaction.) Vom Nekar, 9. Januar. Die „Schwäb. Krön." enthält folgenden Artikel: Auf Weisung des Ministeriums, welches von der „Belästigung der israelitischen Bevölkerung des Landes durch polnische und ostpreußische jüdische Bettler" Notiz genommen hat, sind die israelitischen Kirchenvorsteherämter aufgefordert worden, darüber zu berichten: 1) ob auch ihre Gemeinden von diesen polnischen und ostpreußischen Bettlern gewöhnlich heimgesucht werden; 2) wie groß etwa die Summe sei, welche die israelitische Armencasse, oder wo eine solche nicht besteht, die Gesammtheit der Gemeindegen offen auf Abfertigung dieser Bettler verwendet; und 3) ob die gründliche Beseitigung dieses Uebelstandes, durch geeignete Vorkehr, nöthigenfalls strenge polizeiliche Maßregeln im Wunsche der Kirchenvorsteherämter und der Gemeindegenossen liege." Aus den größeren Gemeinden tragen diese Bettler jährlich Tausende von Gulden hinaus, und mit dieser übel angewandten Mildthätigkeit wird nicht der Humanität gedient, sondern es werden nach Art der Zigeuner Vagabundenbanden gezogen, die sogar mit Roß und Wagen Jahr aus und ein durch's Land ziehen. Es werden gewiß alle Kirchenvorsteherämter gewissenhaft in dieser Angelegenheit Bericht erstatten, denn durch Vertuschen würde dieser Landescalamität nicht abgeholfen. Dessau, im Januar. (Privatmitth.) Bei der am 8. d. M. stattgehabten Wahl eines Abgeordneten zum anhaltischen Landtage ward für den Wahlbezirk der Stadt Dessau an Stelle des Abgeordneten von Basedow, welcher sein Mandat wegen Uebernahme des Shndicats im Landtage niedergelegt hat, der Vorsteher der hiesigen israelitischen Cultusgemeinde, Herr B. Hagelberg, mit der überwiegenden Majorität von 67 gegen 20 Stimmen, welche auf einen Juristen fielen, gewählt. Dieses Resultat ist um so erfreulicher, da Hagelberg neben dem Fabrikanten I. Herz, der vor einem Jahre in Jeßnitz gewählt wurde, der zweite Israelit ist, dem die Ehre geworden, mit der Vertretung unseres Ländchens im diesmaligen Landtage betraut zu werden. Obige Wahl, vom intelligentesten Theile der städtischen Bevölkerung vollzogen, legt Zeugniß ab, daß das religiöse Vorurtheil hier bereits geschwunden, und man offen und ehrlich das anerkannt Tüchtige nicht allein zu schätzen, sondern auch würdig zu verwerthen weiß. Die Energie und Arbeitskraft des neuen städtischen Vertreters, verbunden mit fester unverbrüchlicher Gesinnungstüchtigkeit und gesundem fortschrittlichem Streben ist und bleibt den Wählern die sicherste Gewähr für die so nothwendige liberale Vertretung gegenüber den „christlich germanischen" conservativen Bemühungen der Regierung und ihrer im Landtage nur leider zu stark vertretenen Partei. .d. Linz am Rhein, 9. Januar. (Privatmitth.) Am hiesigen Progymnasium, welches theils aus Regierungs-, theils aus städtischen Mitteln unterhalten wird, wurde bisher kein jüdischer Religionsunterricht ertheilt. Auf Betreiben des Vorstandes der hiesigen Synagogengemeinde bei dem Provinzialschulcollegium in Coblenz wurde gestattet, daß der erwähnte Unterricht vorläufig privatim in der Anstalt den jüdischen Schülern ertheilt werde, und wurde der Gymnasialverwaltungsrath von genannter Behörde angewiesen, zu diesem Zwecke ein Claffenzimmer zur Verfügung zu stellen. Zwischen dem Verwaltungsrathe und dem hiesigen Vorstande wurden nun bereits die Stunden des jüdischen Religionsunterrichts verabredet resp. festgestellt, und was besonders zu bemerken ist, wird das Honorar aus der Stadtcasse bezahlt.