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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1874-01-20 · Heft 4 (20.1.1874) · p. Seite 62

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
38 (1874)
Issue
Heft 4 (20.1.1874)
Date
1874-01-20
Page
Seite 62 (sequence 14)
Language
German
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62 Nachdem die Gläubigen den dreimaligen Schofarruf gehört hatten, verließen sie das Betzimmer; man vereinigte sich von neuem bei Tische, glücklich ob der Weise, in welcher der Kippur gefeiert worden war, das heißt ganz ebenso, als ob man sich in einer der ältesten und frömmsten Gemeinden Europa's befunden hätte. Dieser Kern von Gläubigen bestand aus Engländern, Deutschen, Polen, Türken und einem einzigen Italiener. Unter den Engländern bemerkte man den Capitän des englischen Dampfers „Newa", welcher, um dieser Feierlichkeit beiwohnen zu können, die Erlaubniß erlangt hatte, anstatt des ihm reglementsmäßig vorgeschriebenen Datums des 30. September erst am 2. October abzureisen. Von der Summe der Beiträge blieben nach Abzug der Kosten noch mehr als 80 Pfund Sterling übrig: man übergab sie dem Capitän, damit er sofort nach seiner Ankunft in Liverpool zwei Ataroth (Platten) und zwei Paar Orkminonim (Hände) in Silber machen lasse, bestimmt, die beiden oben erwähnten Bibeln zu zieren, und zugleich die Namen der siebenundfünfzig Beitragenden eingravirt zu zeigen. Vermischtes. Neutra, 2. Januar. (Die feindlichen Parteien in der Synagoge zu Privitz). Nicht der schroffe Gegensatz zwischen Orthodoxen und Neologen in der kleinen Judengemeinde im Norwesten des neutraer Comitates, sondern die minder wichtige Ehrenfunction eines Vorstandes im Tempel erhitzte die Gemüther der Gemeindemitglieder und führte zu einem jener Tempelexcesse, wie solche leider seit den Autonomiebestrebnngen des unvergeßlichen Eötvös hierzulande nicht mehr zu den Seltenheiten gehören. Jakob Braune r, seines Zeichens ein ehrsamer Schneider, fühlte sich bewogen, am 5. October 187 t das ehren-, aber auch dornenvolle Amt eines Cultusvorstandes niederzulegen, und seine Resignation zur Kcnntniß des Stuhlrichters zu bringen. Zur Fortführung der Cultusagenden wurde nun von einem Theile der Gemeinde ein Fünfercomitö mit Adolph Rosenthal an der Spitze bestellt, welches Comite durch den Stulrichter ebenfalls bestätigt wurde. Die Bestellung dieses Executivorganes aber wollte den Anhängern Brauners nicht recht behagen, und sie ließen nun keine passende Gelegenheit vorübergehen, ohne zu versuchen, ihren Erkorenen wieder an die Spitze der Gemeindeverwaltung zu stellen. Da, wie bereits erwähnt, die Ehrenfunctionen eines Vorstandes sich zumeist in der Synagoge abspielen, so ist es auch natürlich, daß die entstandene Parteibewegnng diese zum Schauplatz ihrer Thaten wählte. Schon zu Beginn des Sabbathgottesdienstes am 11. November 1871 machte sich die herrschende Aufregung in den Gemüthern der feindlichen Parteien durch Tätlichkeiten Lust, indem jede derselben die Ehrenfunctionen beim Gottesdienst für sich, respective ihr Haupt, in Anspruch nahm. Der Vorbeter würde seines primitiven Ornates, des „Tales", gewaltsam entkleidet, Ohrfeigen und Faustschläge kräftigst ausgetauscht. Das Lärmen und Toben in der Männer-, das Kreischen und Nennen der Frauen in der „Weiberschule" hatte schon einen äußerst bedenklichen Charakter angenommen; da erschien der von der Partei Rosenthal requirirte Commissär Adamik, um Ruhe und Ordnung im Gotteshaus wiederherznftellen. Der Gottesdienst nahm unter Leitung Rosenthals seinen Fortgang, nachdem die Anhänger Brauners sich absentirt hatten. Ruhe und Friede herrschte wieder in Israel. In den Unterlegenen aber wurde das Gefühl der Rache und Wiedervergeltung um desto heftiger. Der Kampf war durch die geschilderte Scene in Hellen Flammen entbrannt, man suchte sich für die nächste Woche zu verstärken, von allen Seiten wurden alle Anstrengungen gemacht, um das Feld zu behaupten. Die Partei Brauners erhielt Succurs durch auswärtige Mitglieder, welche am nächsten Samstag von den umliegenden Dörfern nach Privitz dem Gottesdienst beizuwohnen kamen. Es kam der Tag der Entscheidung. Von verschiedenen Seiten rückten am Sabbathmorgen die Fähnlein gegen die Synagoge, welche aber von den Herbeigekommenen noch gesperrt gefunden wurde. Während vor dem Gotteshause unter freiem Himmel Freund und Feind, jeder unter sich, die Gefechtstactik berieth, erschien der Commissär Adamik in Begleitung zweier handfester Panduren, zur Aufrechterhaltung der Ordnung während des Gottesdienstes vom Stuhlrichter delegirt, ließ den Tempel öffnen, und verkündete daselbst, daß der Gottesdienst in derselben Weise wie am verflossenen Sabbathe abzuhalten sei, und daß er jeden Ruhestörer sofort einziehen lassen werde. Der Gottesdienst beginnt; als es zur Verlesung der Thoraabschniite kam, erschienen auf dem zur Verlesung bestimmten Emporium Rosenthal und Brauner zugleich, und Beide wollten die üblichen Functionen daselbst verrichten. In dem hierauf zwischen ihnen entstandenen Wortstreit erhob sich Joseph Spitzer von seinem Sitze und schalt den Brauner „einen lumpigen Schneider". Hiermit war das Signal zur Aufnahme des Kampfes gegeben. Unter Schimpfen und Drohen fielen die Parteien aufeinander; Brauner wurde von einem Anhänger Rosenthals zu Boden geworfen und beschädigt, von seinen Anhängern aber gleich gerächt, indem der Angreifer Kindl weidlich durchgeprügelt wurde. Die Wuth der Aufgeregten kannte keine Grenzen; Tempelsitze flogen' hin und her; das Handgemenge nahm so überhand, daß in dem Knäuel der Ringenden kein Unterschied zwischen Freund und Feind gemacht werden konnte; aus der „Frauenschul" tönte wieder Gekreisch und Geheul der um ihre kämpfenden Männer besorgten Weiber herunter, und nur durch gewaltsame Räumung des Tempels konnte der Commissär die Ruhe wiederherstellen. Eine heillose Verwirrung bezeichnete die Stelle des Kampfes. Die bösen Folgen dieses empörenden Vorfalles fürchtend,

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