Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 38 (1874)
- Issue
- Heft 4 (20.1.1874)
- Date
- 1874-01-20
- Page
- Seite 58 (sequence 10)
- Language
- German
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58 agirt, während die liberale Partei hierfür kein Geschick besitzt, und selbst wieder in sogenannte Doctrinäre und Progressisten zerfällt, die sich unaufhörlich gegenseitig befehden, so daß dadurch Lei den Wahlen die Ultramontanen häufig den Sieg davontragen. Innerhalb dieser beiden großen Parteien nimmt nun die israelitische Gemeinschaft, die in Belgien verhältnißmäßig nur klein ist, da sie kaum 1400 Seelen zählt, eine eigenthümliche Stellung ein. Ihre ganze Existenz erfordert die Hinneigung zur liberalen Partei, da auch hier die Ultramontanen sich ihr schroff gegenüberstellen. Dennoch aber ist sie ihrer Natur nach auch für die Freidenker ein Gegensatz, und mit sehr geringen Ausnahmen hegen die hiesigen Israeliten, ohne orthodox zu sein, eine warme Anhänglichkeit für ihre Religion, für den Geistesschatz, der in ihr enthalten ist, und der sie gleicher Weise vor den Gefahren des Ultramontanismus und vor denen der Freidenkerei schützt. Sie bewahren daher ihren positiven religiösen Standpunkt, und fördern doch die liberale Partei in allen solchen Unternehmungen, welche auf einen praktischen Nutzen hinauslaufen. So namentlich was das Volksschulwesen und dessen Emancipation von der katholischen Geistlichkeit betrifft. So hat, wie Sie schon berichtet haben, der Senator Bischofsheim 75,000 Francs'*) für die Errichtung einer Mustervolksschule gespendet, und auch andere israelitische Familien fördern eifrig diesen bedeutsamen Zweck. — Nebenbei sei es bemerkt, daß aus obiger Schilderung einleuchten wird, warum der Altkatholicismus hier zu Lande auch nicht den geringsten Eingang findet, aber auch der Protestantismus ist äußerst schwach vertreten, und findet, außer durch Eingewanderte, keinen Zuwachs. Selbstverständlich ist es, daß man aus diesem Grunde sehr einseitige Urtheile über alle, die religiösen Meinungen betreffenden Erscheinungen hier vernimmt. Man erklärt für todt, was in sehr bedeutenden Ländern noch ein sehr reges Leben hat, und will von einer vernunftgemäßen Entwickelung des religiösen Glaubens nichts wissen. Beide Parteien sehen in ihr gerade den Feind ihres, oft genug frivolen Spieles und Treibens. Italien. Aus Italien, im December. (Educ. 181'.) Herr Giacomo Segre, ein jüdischer Militärarzt aus Saluzzo in Pieniont, befand sich auf Urlaub bei seiner Familie, als unter den im Uebungslager bei Castiglione vereinigten Soldaten der Reserve von 1852 die Cholera ausbrach. Sofort eilte Herr Segre auf feinen Posten, traf die angemessensten Vorkehrungen und trieb seine Uneigennützigkeit soweit, daß er sich inmitten der kranken Soldaten in das Lazareth einschloß, das er improvisirt hatte. Durch seine Worte, seine Handlungen und seine Energie wußte er das Zutrauen der Soldaten zn heben, das Uebel im Beginne aufzuhallen und es bald völlig zu ersticken.' Der Minister des Jn- *) Außerdem hat derselbe für die Communalschnle in der Vorstadt Batssort, wo er seinen Landsitz hat, 25,000 Francs gespendet. _ nein, Cantelli, hat vermittelst eines Briefes vom 16. September dem Herrn Segre die wärmsten Glückwünsche zu seiner edlen Thätigkeit abgestattet. Palästina. Berlin, im Januar. Der V. Z. entnehmen wir Folgendes: Die große Reliefdarstellung der Stadt Jerusalem und ihrer Umgebung von Jllös, welche in dem türkischen Theil der großen Langhalle des Wiener Weltausstellungspalastes ihren Platz hatte, und ein immer viel umdrängtes Merkziel der Betrachtung bildete, ist von feinem Verfertiger und Besitzer gegenwärtig hierher nach Berlin und in einem Zimmer im Erdgeschoß des Hauses Wilhelmstraße 125 zur Ausstellung gebracht. Täglich von Morgens bis 9 Uhr Abends kann es daselbst besichtigt werden. Gewährt eine solche Reliefdarstellung jeder Stadt und Landschaft, wenn sie, wie es hier geschieht, Treue und Genauigkeit in den Bodenverhältnissen und Architecturen mit einer geschickten, künstlerischen Behandlungsweise verbindet, schon als solche ein lebhaftes Interesse, so muß sich letzteres ganz außerordentlich steigern, wenn das Object solcher Darstellung eine so unvergleichliche Bedeutung und Wichtigkeit für die Geschichte der Welt und für die Geistes-, und Gemüthsentwickelung jedes Einzelnen unter uns hat, wie die Stadt Davids. Der Maaßstab des Reliefs im Verhältniß zur dargestellten Wirklichkeit ist 1 : 500. Er genügt, um nicht nur die größeren allgemeineren Züge der berg- und thalreichen Landschaft und die architectonifchen Massen, die Quartiere der Stadt, sondern auch die Wege, die spärlichen Wasserläufe, Gärten, Haine, Felsen, Teiche, die Mauern, Befestigungen, Moscheen, Kirchen, Capellen, Grotten, heiligen Orte aller Art,' die Häuser, die Gassen und Gäßchen, die Plätze, die ehrwürdigen Niederschläge der Jahrhunderte, Zeugen gewaltiger wechselvoller Vergangenheit, die Ruinen, die erhaltenen Gebäude und die Neubauten genau erkennen und unterscheiden zu lassen. Im Mittelpunkt des Ganzen erhebt sich als Centrum des von mittelalterlicher Mauer umhegten weiten salamonischen Tempelbezirks, dessen gewaltige Substructionen uns heut noch einen Begriff von der riesigen Art dieses Werkes und der baulichen Arbeit an demselben geben, über der geweihten Platte des Felsen Moriah das große saracenische Heiligthum der Omarmoschee, ein ausgedehnter prächtiger Kuppelbau. Nahe daran grenzen die Stadtquartiere, in welchen sich der Teich Bethesda zwischen hohem Gemäuer zeigt, wo sich die via dolorosa der christlichen Passionslegende zwischen den flachgedeckten Häusern hinzieht, aus denen der (neue) Palast des Pilatus mit dem Bogen des „eeee liomc," quer über der Straße aufragt. Ans dem Häusergewirre weiter rückwärts steigt die vergoldete Kuppel der h. Grabeskirche auf. Der Tempel und Berg Zion fällt für'