Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 38 (1874)
- Issue
- Heft 4 (20.1.1874)
- Date
- 1874-01-20
- Page
- Seite 57 (sequence 9)
- Language
- German
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57 .Gemeindemitglieder bekannt, daß die neue große Synagoge der Rue de la Victoire demnächst dem Cultus eröffnet werden wird, und fordert zur Pränumeration auf die Plätze derselben, sowie zur Ausschmücknng des Gotteshauses durch Geschenke an entsprechenden Gegenständen oder an Geldbeiträgen auf. — Herr Goldfchmidt, einer der Bicepräsidenten der Alliance, hat sich erboten, durch ein Geschenk von 50,000 Francs die Wirksamkeit des Comits zu Gunsten der russischen Waisen, das in Königsberg seinen Sitz hat, für eine ziemlich lange Zukunft zu sichern. Bonn, 8. Januar. (Privatmitth.) Aus dem uns soeben zugekommenen Monatsberichte der Alliance israöliie universelle entnehmen wir folgende allgemeiner interessirenden Angaben. Herr Hart, der Präsident des jüdischen Board von New-Dort, bemerkte bei seiner neuerlichen Anwesenheit in Paris dem Comitö, daß die Emigration aus Rußland nach Amerika sehr gute Resultate geliefert habe; die Israeliten, die auf Veranstaltung der Alliance dort eingewandert sind, haben es schnell dahingebracht, sich selbst erhalten zu können, nur sehr Wenige von ihnen seien genöthigt gewesen, außer der Unterstützung, die sie bei ihrer Ankunft erhalten hatten, noch um eine zweite zu bitten, und Viele haben schon ihren Familien in der Heimath Geld schicken, oder sie nach Amerika Nachkommen lassen können. Wenn in letzter Zeit rumänische Emigranten nach Europa zurückgeschickt wurden, so habe dies lediglich an der in Amerika jetzt herrschenden Handelskrisis gelegen^ Freilich fügte Herr Hart hinzu, daß die Krisis, an welcher Amerika jetzt leidet, von der Art sei, daß die Auswanderung dahin für den Augenblick unterbrochen werden müsse. Diese Angabe wird durch die übereinstimmenden Meldungen der öffentlichen Blatter bestätigt. Es ist bekannt, daß in Folge der allgemeinen Arbeitsstockung,/ die jetzt in Amerika herrscht, Hunderte von deutschen Auswanderern sich bemühen, von den nach Europa segelnden Schiffen als Deckarbeiter oder für ermäßigten Fahrpreis wieder in die Heimath zurückgebracht zu werden. — Wir. haben schon von den Bemühungen des spanischen Consuls in Tetuan, Herrn Ramon Lon, zu Gunsten der marokkanischen Juden gesprochen. Dieser Herr schreibt nun dem Centralcomite der Alliance, daß er den Dank, den dasselbe ihm für sein Verhalten während der letzten politischen Unruhen von Marokko ausgedrückt hat> ablehnen müsse, er habe nur seine Schuldigkeit gethan. Ein spanischer Consul, sagt er in seinem Briefe, muß ein lebendiger Protest gegen jede Willkühr und Grausamkeit sein; seine Laufbahn als Consul, die er zugleich als eine Mission im Interesse der Moral betrachte, habe schon am Tage nach seiner Ankunft begonnen, wo er Gelegenheit hatte, zwei unglückliche Israeliten der Bastonnade zu entreißen, und er werde dieselbe, so lange als Spanien ihn mit seinem Vertrauen beehren wird, unerschrocken und unablässig als wachsamer Wächter der Civilisation. verfolgen. Welch' glücklicher Umschwung der Verhältnisse, welch' segensreiches Ergebniß der zunehmenden Civilisation, daß ein spanischer Beamter so edelmüthig für die Juden spricht und handelt! Belgien. Brüssel, 1. Januar. (Privatmitth.) Die durch den Tod des Herrn Laaffen erledigte Stelle des Präsidenten des israelitischen Consistoriums von Belgien ist noch nicht wieder besetzt, weil die für dieses Amt gegenwärtig wohl am meisten geeignete Persönlichkeit sich noch nicht entschließen konnte, dasselbe zu übernehmen. Dagegen ist für unseren neuen Synagogenbau Alles geordnet, was das Grundstück und die Beschaffung der Gelder betrifft. Erforderlich sind 600,000 Francs, von denen ein Drittel der Staat, ein Drittel die Commune und ein Drittel die Israeliten zu übernehmen haben. Das letztere Drittel ist durch freiwillige Zeichnungen fast ganz gedeckt. Man verhandelt jetzt nun über den Bauplan. Man hatte früher, als man ein anderes Grundstück im Auge hatte, eine mit Erfolg gekrönte Concurrenz für den Plan ausgeschrieben. Das jetzt erworbene Grundstück erfordert aber bedeutende Modificationen des Planes. Doch hofft man im bevorstehenden Frühjahr zur Grundsteinlegung zu gelangen; der Bau wird einige Jahre in Anspruch nehmen. Ob in der neuen Synagoge der Gottesdienst Reformen unterzogen werden wird, steht noch für spätere Verhandlungen in Aussicht. Gegenwärtig hat man denselben bis auf Weniges unverändert gelassen, nur daß man ihn mit Predigt, Chorgesang und Orgel verbunden hat. Der Großrabbiner, Herr Astruc besitzt ein sympathisches Organ, eine Aussprache, die an Deutlichkeit nichts zu wünschen läßt, und ein sehr correctes schönes Französisch. Am 30. December wurde ein sehr feierlicher Trauergottesdienst abgehalten, wo sich um die Predigt hebräische und französische Gesänge mit ergreifender Wirkung gruppirten. — Gestatten Sie mir noch einige Blicke auf die allgemeinen Verhältnisse im hiesigen Lande zu werfen. Nicht sowohl die Stellung der Israeliten im hiesigen Lande ist es, die ich meine, denn diese läßt in der That nichts mehr zu wünschen übrig. Auch in socialer Beziehung kommt unseren Glaubensgenossen Alles zu, worauf.sie nach ihrer persönlichen Würdigkeit Anspruch machen können. In Belgien überhaupt stehen sich bekanntlich die zwei extremen Parteien gegenüber, ohne daß eine dritte vermittelnd zwischen ihnen stände. Das Land theilt sich in Ultramontane und Freidenker (iibre-penseurs), und zwar mit kleiner und schwankender Majorität bald auf der einen, bald auf der anderen Seite. Die eine Hälfte ist den Pfaffen gänzlich ergeben, von denen man daher einer großen Anzahl begegnet; die andere Hälfte ist gegen alle positive Religion feindlich gesinnt. Es mögen immerhin Viele auch in Belgien bestehen, welche diesen Extremen nicht huldigen; aber sie sind unvereinigt, und bilden keine Partei. Eingestehen muß man, daß die ultramontane Partei trefflich zu organisiren versteht, und stets wie Ein Mann ... - 4