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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1874-01-20 · Heft 4 (20.1.1874) · p. Seite 55

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
38 (1874)
Issue
Heft 4 (20.1.1874)
Date
1874-01-20
Page
Seite 55 (sequence 7)
Language
German
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55 Oesterreichisch - ungarische Monarchie. Wien, im Januar. < Privatmitth.) Auf Ansuchen der Direktion des wiener Findelhauses hat die wiener israelitische Cultusgemeinde auf Grundlage der gebesserten Moralitätsstatistik bei israelitischen Findlingen, wie seit dem Jahre 1870 alljährlich, so auch am Schluffe des Jahres 1873 tausend Gulden als Subvention bewilligt, damit für die bessere Pflege israelitischer Findelkinder während des ersten Lebensjahres eine Zulage per 10 fl. an die betreffenden Pflegeeltern gegeben werden kann. Welchen wohlthätigen Erfolg diese 1000 fl. erzielen, beweisen nachstehende Ziffern: Im Jahre 1869 starben 83 pCt., im Jahre 1870 63 pCt., im Jahre 1871 56 pCt., im Jahre 1872 44 pCt. und im Jahre 1873 blos 29 pCt., im ersten Lebensjahre stehender israelitischer Findlinge. Wien, im Januar. Vor Kurzem verlautete, daß in der Leopoldstadt eine Volksküche für arme Leute israelitischer Confession errichtet werden soll. Diese Idee fand in einflußreichen Kreisen Unterstützung; doch kam man daselbst zur Ueberzeugung, es sei vortheilhafter, diese Einrichtung allen Confessionen zugänglich zu machen. Die Speisen werden nach jüdischem Ritus bereitet und für 15 kr. per Portion Jedem verabreicht. Das Protectoriat oder vielmehr die Oberaufsicht übernimmt der Volksküchenverein. (15 kr. d. i. 3 Sgr. für die Portion ist sehr viel!) —. Ueber den Herrn Ritter Karl von Weil schreiben die hiesigen Blätter: Der Hof- und Ministerialrath im Ministerium des Aeußern, Herr Karl Ritter v. Weil, hat die mit Rücksicht auf sein vorgerücktes Alter nachgesuchte Versetzung in den Ruhestand erhallen, und der Kaiser hat ihm bei diesem Abschlüsse einer vieljährigen, verdienstvollen und ausgezeichneten Thätigkeit im Staatsdienste das Comthurkreuz des Franz-Josephs-Ordens mit dem Stern verliehen.' Pest, 1. Januar. (Privatmitth.) Der Unterrichtsminister Trüfort hat, wie „Reform" erfährt, eine Verordnung erlassen, wonach für die Folge auch jüdische Doctoranden Rigorosum aus dem canonischen Rechte ablegen und den Doctonitel „juris utriusqiio“ erwerben dürfen. Diesen Titel nachträglich zu erlangen, soll auch bereits graduirten jüdischen Doctoren gestattet sein. Prag, 30. December. (Privatmitth.) Am 21., 25. und 29. December fand hier die Wahl von 9 Repräsentanzmitgliedern der hiesigen israelitischen Cultusgemeinde statt, da nach den neuen Statuten unserer israelitischen Gemeinde 8 Mitglieder zur Niederlegung ihrer Mandate verpflichtet waren, während der neunte Platz durch den im vorigen Jahre in München plötzlich erfolgten Tod des prager israel. Cultusrepräsentanzmitgliedes Herrn Dr. Gitschin erledigt wurde. Die Wahlbetheiligung war an allen drei Wahltagen eine ziemlich rege und es gingen neben den früheren Repräsentanten, die fast sämmtlich wiedergewählt wurden, als neugewählt aus der Urne hervor der als Arzt und Journalist gleichbekannte und beliebte Ihr. med. Teller und der prager Advocat Dr. Arnold Rosenbacher. Die nun vollzählige prager israel. Cultusrepräsentanz zählt 18 Mitglieder, darunter 1 Reichsrathsabgeordneten, Herrn Adolph Schwab, ferner 2 Landtagsabgeordnete, den bekannten und gesuchten Advocaten Herrn Dr. Moritz Raudnitz und den Beisitzenven des böhmischen Landesausschusses und Präses der israel. Cultusrepräsentanz Herrn Di*. Tedesco, ferner den Präsidenten der prager Advocatenkammer, Herrn Dr. Friedrich Ritter von Wiener, und ebenso 2. Stadträthe der königlichen Hauptstadt Prag, die Herren Dr. Ludwig Bendiener und David Zappert. Gleichzeitig mit der Reconstituirung der hiesigen israel. Cultusrepräsentanz fand auch die des Verwaltungsrathes der böhmischen landesjudenschaftlichen Waisenstiftung statt. Dieses Institut hat den Zweck, jenes Vermögen zum Besten der unbemittelten jüdischen Landbevölkerung Böhmens zu verwalten uno nutzbringend anzuwenden, welches nach der bereits erfolgten Sistirung der den Juden seinerzeit auferlegten Vermögenssteuer noch immer an die betreffenden Steuerpächter abgeführt wurde, und von diesen wieder zum Besten der israel. Landbevölkerung, die von dieser Steuer lediglich in Anspruch genommen wurde, herausgegeben werden mußte. Das Institut unterstützt jetzt 72 Stiftlinge mit einem jährlichen Beitrage von je 100 fl., (der Genuß währt vom vollendeten 7. bis zum vollendeten 13. Lebensjahre), und zum Anfang des nächsten Schuljahres kommen wiederum 40 Stiftungsplätze zur Besetzung. Der Stiftungsfonv beträgt 181,170 fl. 36 kr. ö. W., mit Einschluß einer Vergrößerung in den letzten 2 Jahren um 28,442 fl., wovon 27,700 fl. als Theile des dieser Stiftung zugesprochenen Pensionsfondes als freigeworden von der k. k. böhmischen Statthalterei zugewiesen wurden. Prag, im Januar. (Privatm.) Bei dem allgemeinen, überall hervortretenden Drang nach Centralisation und Vereinigung der einzelnen Individuen zu einer in der Gesammtheit desto erfolgreicher wirkenden Körperschaft konnte es nicht ausbleiben, daß auch innerhalb der jüdischen Bevölkerung Prags der Wahlspruch unseres Monarchen „viribus unilis“ bald Fleisch und Blut erhielt, und sich hier ein Vereinsleben ziemlich rasch und umfangreich entwickelte, um so mehr als sowohl die Rücksicht auf die geistigen, wie auf die materiellen Interessen der hiesigen jüd. Bevölkerung die Bildung von Vereinen, die beiderlei Interessen Rechnung tragen sollten, als eine unabweisbare Nothwendigkeit erscheinen ließ. Denn einerseits nahm, in Folge der veränderten Zeitrichtung das Studium der hebräischen Sprache und Literatur, immer mehr ab, ein Umstand, der, wenn auch nicht zur Untergrabung, so doch zur Schwächung unseres Glaubens wesentlich beitragen müßte, andererseits wurden durch den immer zunehmenden Zuzug der jüdischen Landbevölkerung, namentlich durch den massenhaften Andrang, jüdischer, meist armer Gtudirenden

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