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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1874-01-20 · Heft 4 (20.1.1874) · p. Seite 53

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
38 (1874)
Issue
Heft 4 (20.1.1874)
Date
1874-01-20
Page
Seite 53 (sequence 5)
Language
German
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53 Die jüdische Gemeindeverfassung und vr. Lasker. Wir erhalten folgende Zuschrift: Berlin, den 8. Januar 1874. Sehr geehrter Herr! Halten Sie es nicht für einen Mangel in der Beachtung Ihrer Meinungen und Vorschläge, wenn ich Ihnen erst heute antworte. Während der Wahlbewegung und der Landtagssession hat mir die Zeit zur Beantwortung der zahlreichen Zuschriften gefehlt. Den von Ihnen und vielen Anderen vorgetragenen Ansichten habe ich volle Aufmerksamkeit geschenkt. Auch zweifeln Sie gewiß nicht daran, daß ich das lebhafteste Interesse für die Sicherung des jüdischen Gemeindewesens habe, und daß ich, so viel an mir liegt, diese Interessen zu fördern bestrebt bin, so weit sie mit den gemeingültigen höchsten Grundsätzen der Religion und Gewissensfreiheit vereinbar sind. Meine Ansichten hierüber, sowie die Vorkehrungen, welche nicht unvereinbar mit den Grundsätzen der Gewissensfreiheit zur möglichsten Sicherheit des Gemeindenwesens beitragen könnten, habe ich in der Ihnen gewiß bekannten Verhandlung des Abgeordnetenhauses entwickelt. Durch alle bisherigen Zuschriften sind meine leitenden Ansichten nicht erschüttert worden. Rathschläge sind mir natürlich willkommen. Auch freut es mich, daß eine sehr lebhafte Bewegung für die meinen entgegengesetzten Ansichten eingetreten ist. In dieser Bewegung werden die Meinungen sich klären, und Sie haben Grunv anzunehmen, daß auch Ihre Ansichten tüchtig vertreten sein werden. Bewahren wir die freundlichen Gesinnungen gegeneinander, wenn wir auch den großen Interessen der Religion und Religionsgenosscn auf zum Theil abweichenden Wegen zu dienen suchen. Mit vorzüglicher Hochachtung Ihr ergebenster Lasker. Wir danken dem hochgeehrten Manne für diese Zuschrift. Es ist stets nützlich, die Stellung zu kennen, welche einflußreiche Persönlichkeiten zu einer bestimmten Frage einnehmen. Wir hoffen übrigens, daß sowohl die Staatsregierung, als auch die Mehrheit im Abgeordnetenhause auf die laute Stimme der Beiheiligten selbst hören und ein Gewicht legen werden. Gerade die Partei, in welcher Herr vr. Lasker eine so hervorragende Stellung einnimmt, hat zu ihrer Devise die Principien hochzuhalten,' aber den wirklichen Verhältnissen staatsmännifch Rechnung zu tragen. Die jüdische Gemeinde befindet sich aber auf eminent realem Boden, und man fragt sich, warum an ihr gerade das Princip in aller seiner Starrheit zur Anwendung kommen soll, während man den christlichen Kirchen ihre ganzen hierarchischen Ordnungen, — auch in der neuen evangelischen Synodalverfassung bewahrt? Mögen daher aus dem obigen Schreiben die Betheiligten von neuem den Beweggrund schöpfen, ihre Aeußerungen in allen Instanzen, also dem Ministerium sowie dem Abgeordnetenhaus gegenüber nicht zurückzuhalten, sondern immer umfassender und reichhaltiger eintreten zu kaffen. Die Redaction. ^ej/lxi/U/^Aitaclau-cßfc&U/. Deutschland. Berlin, 8. Januar. Wir haben in früheren Jahrgängen aus den ofsiciellen Miltheilungen über den Besuch der höheren Lehranstalten in Preußen wiederholt hervorgehoben, in welchem überaus günstigen Verhältniß dieser Besuch seitens der jüdischen Jugend stattfindet. Ueber die Ursachen wurde verschieden geurtheilt, die Thatsache mußte anerkannt werden. Wir haben deshalb die einzelnen Zahlangaben in der jüngsten Zeit übergangen, und wollen hier nur das Hauptresultat nach den letzten Tabellen Herstellen. Von den sämmtlichen 105,014 Schülern der erwähnten höheren Lehranstalten, von den Vorschulen zunächst abgesehen, gehörten hiernach 70 pCt. dem evangelischen, 21 dem katholischen und y dem jüdischen Bekenntnisse an. Die Vorschulen wurden von 17,584 Schülern, 76 pCt. evangelischen, 13 katholischen und 11 israelitischen besucht. Da nun in Preußen nur 1,3 pCt. Juden wohnen, so werden die höheren Lehranstalten von circa sieben Mal mehr jüdischen Schülern besucht, als nach dem Maaße der Bevölkerung auf sie käme. Berlin, im Januar. Dem vierzigsten Jahresbericht des Frauenvereins zum Besten israelitischer Waisenmädchen '(gegründet 1833) entnehmen wir Folgendes: Die Einnahmen des Vereins betrugen im verflossenen Jahre 7240 Thlr., von denen 3577 Thlr. durch einmalige Geldgeschenke, 13! 2 Thlr. durch Jahresbeiträge, der Rest durch eine Ausstellung und durch Zinsen aufgebracht wurden. Die Ausgaben beliefen sich auf 3233 Thlr. zur Erhaltung von 18 Waifenmädchen, 2800 Thlr. zum Ankauf von Effecten und Kosten für Drucksachen, den Arzt und Boten; das Vermögen des Vereins beträgt jetzt circa 22,000 Thlr. Der Verein hat sich der Theilnahme von Seilen hoher Herrschaften zu erfreuen: die Kaiserin und die Kronprinzessin wandten ihm zur Ausstellung werthvolle Geschenke zu und erhöhten die Einnahmen durch namhafte Einkäufe. Auö Mecklenburg, 8. Jan. In Bezug auf die Reichstagswahl ist die conservative Partei sehr rührig und thätig. Eine Flugschrift ist in die Häuser colportirt worden, die übrigens wohlweislich nicht unterschrieben, da es eine wahre Flugschrift

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