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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1874-01-20 · Heft 4 (20.1.1874) · p. Seite 52

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
38 (1874)
Issue
Heft 4 (20.1.1874)
Date
1874-01-20
Page
Seite 52 (sequence 4)
Language
German
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52 buchstäblich eine Stelle aus der Mischna*), und ferner giebt er besondere Vorschriften, der Gemara entnommen,**) wie z. B. die Reinigung mit Sand in Ermangelung des Waffers, das Abkürzen des Gebets im Augenblick der Gefahr u. s. w. Es giebt eine Akademie oder Beth-hamidrasch zu Medina; und Akiba war auf seiner revolutionären Mission von den arabischen Juden nach einem der kleinlichsten und verwickeltsten Punkte des mündlichen Gesetzes befragt worden." „In Wahrheit, diese Juden standen nicht blos auf der Höhe zeitgenössischer Cultur, sondern weit über ihren arabischen Brüdern. Sie repräsentirten thatsächlich die Cultur Arabiens. Sie konnten Alle lesen und schreiben, während die Araber gelegentlich einige fremde Gelehrte erbeuten und ihnen die Freiheit versprechen mußten unter der Bedingung, daß sie ihre Knaben die Elemente des Lesens und Schreibens lehren würden. Die Iuden, — ja die Jüdinnen, wie Muhammed zu seinem Kummer lernen mußte, — waren speciell begabt mit der poetischen Ader, wie wir weiterhin sehen werden; und Poesie war in Arabien zur Zeit des Muhammed die einzige große Kenntniß und Wissenschaft." „Diese jüdischen Geschlechter, von denen einige ihre Genealogie von priesterlichen Familien (Al-Kochinani) ableiteten, lebten zerstreut über ganz Arabien, hauptsächlich aber im Süden, in Jemen (Himgar) „dessen Staub dem Gold gleich war und wo die Menschen immer starben." Sie lebten, wie die anderen Araber es thaten, entweder das Leben räuberischer Beduinen oder cultivirten das Land oder bewohnten Städte, — wie z. B. Iathrib, das spätere Medina oder Stadt par excellence, — des Propheten nämlich. Aeußerlich waren sie vollkommen in der großen arabischen Familie aufgegangen. Bekehrungen ganzer Stämme zum Judenthume, wechselseitige Heirathen und die außerordentliche Familienähnlichkeit, so zu sagen, der beiden Abkömmlinge des Abraham, — denn die Ableitung der Araber von Jsmael scheint, was auch für das Gegentheil angeführt worden sein mag, ohne Frage vormuhammedanische Vorstellung, — erleichterte das ausgleichende Werk des jüdischen Kosmopolitismus. Bekannt, wie wir sagten, sowohl mit Halachah als Haggadah, schienen sie unter dem besonderen, das Erzählen liebenden Einfluß ihrer Landsleute, eingehender die letztere mit all' ihren prächtigen Farben und Schattirungen gepflegt zu haben. Mächtig mit dem Schwert, das sie nicht selten gegen ihre eigenen Verwandten richteten, unterließen sie niemals die Erfüllung ihrer größten religiösen Pflicht, — das Freilassen ihrer Gefangenen; *) Merkwürdigerweise die Ermahnung des Richters an die Zeugen, daß Derjenige, der muthwillig ein einziges menschliches Leben zerstört, schuldig geachtet werden soll, als ob er eine ganze Welt zerstört hätte. — Siehe Emanuel Deutsch „der Talmud." **) „Sie werden vollendet werden im Himmel; gieb Frieden Denen, die sich fürchten auf Erden; und was immer dir gefällt, thue. Gesegnet bist du o Herr, der du Gebete erhörest", — ist die vom Talmud vorgeschriebene Formel für die Stunden seelischer Bedrängniß oder Gefahr. mochten Dies auch ihre persönlichen Widersacher sein; und ferner hielten sie gleich ihren Vätern, von Alters her, den Sabbath heilig, auch im Kriege, obgleich das Verbot zurückgenommen worden war. Sie warteten auf den Messias und wandten ihr Antlitz gen Jerusalem. Sie fasteten, sie beteten und sie streuten rund um sich her den Saamen so hoher Cultur aus, als er in ihrer Literatur enthalten war. Und Arabien nannte sie das Volk des „Buches"; wie Hegel sie genannt hat das Volk „des Geistes". Dieser Saame, obgleich einiger auf Steine fiel und einiger auf Wüstensand, hat Frucht getragen tausendfältig. Von allgemeinen praktischen, ja lebensfähigen Institutionen, die sie lange vor Muhammed in ihre zweite Heimath eingeführt hatten, mag der Kalender erwähnt werden; und der interkalarische Monat ward von den Arabern, in dankbarer Anerkennung Nassi (Fürst) genannt, der Titel des babylonischen Hauptes der jüdischen Diaspora. Die Kaaba und die Pilgerfahrt, Joctan und Ismael, Zemzem und Hagar empfingen ihr Colorit von jüdischen Arabern. Sie wurden zugleich mit großer Ehrfurcht betrachtet und ihre Superiorität würde sie auch politisch in sehr gute Stellung gebracht haben, als Muhammed sich in der Folge gegen sie wandte, hätten sie erkannt, was vereintes Handeln bedeutet." „Wenn wir sagten, es gäbe ausgezeichnete Dichter unter - ihnen, meinten wir nicht jüdische Dichter, sondern rein arabische. Ihre Gedichte sind alle von intensiv national arabischem Typus. Unter Anderm haben wir Fragmente von Assamael (Samuel) „dem Redlichen", einem großem Häuptling, der in einem festen Schloß wohnte, und der lieber als seines Freundes Vertrauen zu täuschen, seinen Knaben in Stücke gehauen sah vor seinen Augen. Was ihn von seinen Gesängen überlebt hat, athmet edlen Stolz und Erhabenheit der Seele) bisweilen gemischt mit seltsamer Düsterkeit! Freude am Leben und Liebe zur Gastlichkeit; wie in der That eins seiner Gedichte mit der traurigen Frage anfängt, ob die Weiber ihn nach fehieai Tode beklagen würden, und wie? Sowohl sein Sohn Garid, als sein Enkel Suba waren Dichter; desgleichen Arrabi, dessen Söhne gegen Muhammed kämpften; und Aus, von dem wir eine Art von charakteristischem, doch mildem Protest gegen seines Weibes Religionswechsel haben. „Wir leben," singt er, „nach dem Gesetz (Thora) und Glauben des Moses, doch Muhammeds Glauben ist ebenfalls gut. Jeder von uns glaubt sich auf dem rechten Wege." Dann ist da Suraih, der „trinken mochte aus dem Becher Derer, die edlen Herzens sind, auch wenn zwiefaches Gift darin wäre", und vier oder fünf außerdem, die von Liebe und Wein singen; dem Schwert und der Redlichkeit, Gastfreundschaft und dem Rosse. Es gab ebenfalls jüdische Dichterinnen, deren Gedichte, wie wir schon erwähnten, bitterer für Muhammed waren als Pfeile", und die seiner Rache nicht entgingen." (Schluß folgt.)

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