Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 38 (1874)
- Issue
- Heft 4 (20.1.1874)
- Date
- 1874-01-20
- Page
- Seite 51 (sequence 3)
- Language
- German
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51 wohin er sich Genesung suchend begeben hatte, verstorbene Emanuel Deutsch, der sich durch seine apologetische Abhandlung Liber den Talmud so große Anerkennung erworben, hat auch einen wiederum in englischer Sprache verfaßten Vortrag Liber den Islam hinterlassen, der jetzt in deutscher Uebersetzung (Berlin, Dümmler, 1873) erschienen ist. Wir können diesen als höchst lobenswerth allen empfehlen, die sich für diesen wichtigen Gegenstand interessiren und eine tüchtige Forschung gern ohne den zu Grunde liegenden gelehrten Apparat hinnehmen. Bemerken wir gleich hier, daß Deutsch das Mißgeschick gehabt hat, in die Hände eines sehr ungeschickten Uebersetzers zu fallen, der oft ganz unverständlich, noch öfter undeutsch übertragen hat; verhehlen wir auch nicht, daß Deutsch durchaus nicht klar und systematisch, sondern oft riicht ohne Verworrenheit gearbeitet hat, so daß man nicht selten Mühe hat, den Faden seiner Gedanken in Händen zu behalten; und fügen wir noch hinzu, daß der Verfaffer einige einschlagende deutsche Werke nicht erwähnt oder nicht gekannt hat, — denn, ganz abgesehen davon, daß er unsere Abhandlungen übersieht, obgleich die zweite namentlich ihm nahe liegen mußte, kennt er z. B. die treffliche und gründliche „Geschichte der herrschenden Ideen des Islams" von Alfred v. Kremer (Leipzig 1868) nicht. In diesen Schriften aber hätte er Manches gefunden, was er jetzt als neu ansieht. Jndeß besitzt die Schrift des verewigten Deutsch des Willkommenen so viel, daß -wir. von diesen Mängeln gern absehen und es tief bedauern, daß der Tod ihn an der Fortsetzung dieser Arbeit, die er am Schluffe verheißt, verhindert hat. Der eigentliche Zweck des Verfassers war, nachzuweisen, daß Muhammed viel mehr aus .dem Judenthume schöpfte, als aus dem Christenthume, daß er jenem, namentlich in seiner ersten Periode fast alles, vieles wörtlich entlehnte, und sich sogar bemiihete, sich mit dem Judenthume zu identisiciren. Der Gang, den Deutsch hierbei verfolgt, ist, daß er zunächst den Zustand und die Verhältnisse. der Juden vor Muhammed und zu dessen Zeit schildert; dann die Lebensgeschichte Muhammeds bis zur Eroberung Mekka's aufzuhellen versucht, seine fernere Geschichte, die bereits vielfach bearbeitet ist, überblickt, und schließlich den Koran charakterisirt. Eine ausgedehnte Kenntniß des Midrasch unterstützt ihn hierin vorzugsweise, und setzt ihn in den Stand, viele Dunkle aufzuhellen. Bevor wir in Einzelnes eingehen, gestatten wir uns noch eine Bemerkung. Deutsch zeigt sich auch hier, wie in seiner Abhandlung über den Talmud, von entschieden apologetischer Tendenz. Wie man auch vom wissenschaftlichen Standpunkte hierüber denken mag: der Verkennung und .Mißachtung gegenüber, die man so lange Zeiten hindurch dem Talmud, wie dem Islam gewidmet hat, und die von gewissen Seiten her noch immer geflissentlich genährt werden, ist dieser apologetische Standpunkt noch lange berechtigt. Zugleich zeugt er, besonders auch bei Deutsch, für eine so tiefe Empfindung, begleitet von einem schönen Schwung der Phantasie, zeugt für eine edle Begeisterung und seelenvolle Auffassung, daß wir die Resultate für die "spätere Kritik gern entgegennehmen und die Liebenswürdigkeit des Charakters an dem Verfasser rühmend anerkennen. Ueber die Juden in Arabien vor und zur Zeit Muhammeds spricht sich der Verfasser, — Nebensächliches übersehen wir, — folgendermaßen aus: „Zu welcher Zeit die Juden zuerst nach Arabien kamen, ist ein Problem, das wir nicht zum Abschluß zu bringen versuchen werden. Doch können wir unsere Augen nicht vor der Thatsache verschließen, daß Juden „Anbeter des unsichtbaren Gottes Abrahams", obgleich in kleiner Anzahl, in Arabien vorhanden gewesen sind, zu einer in der That sehr frühen Periode. Bokht-Nasar, wie Nebuchadnezar in den früheren arabischen Urkunden genannt wird, veranlaßte manche Andere in Arabien Zuflucht zu suchen. Die Hasmonäer zwangen einen ganzen Stamm von Nordarabern, das Judenthum anznnehmen; ein jüdischer König von Arabien kämpft gegen Pompejus. Der Talmud zeigt eine ziemlich unerwartete Vertrautheit mit-arabischen Sitten und Gebräuchen, und, — um auf einen merkwLirdigen Punkt hinzuweisen, — der Prophet Elijah, der dort als eine Art von unsterblichem Schutzgenius erscheint, — geht einher in der Weise eines Arabers (des Khidhr der muhammedanischen Legende). Die Engel, die dem Abraham erscheinen, „sehen aus wie Araber" — nicht zu sprechen von Hiob und seinen drei Freunden, der Königin von Scheba und anderen gleichfalls arabischen Reminiscenzen. Jahrhunderte vor Muhammed waren Kheibar, fünf Tagereisen von Medina und Armen, im Süden Arabiens, in den Händen der Juden. Dhu Nowas, der letzte jüdische König von Aemen, fällt durch die Hand des Negus von Abysstnien. Es bleibt für uns die Frage, welche Phase des Glaubens diese Juden repräsentirten." „Man hat vernmthet, daß sie, obgleich unter sich verbunden für den Zweck des Krieges, geringen Verkehr mit ihren Brüdern in Palästina oder selbst in Arabien unterhielten, und deshalb unbekannt waren mit der Enthüllung „des Gesetzes", das umwälzend in Judäa und Babylonien anlangte. Der Hauptbeweis hierfür ward in der Abwesenheit jüdisch-arabischer Literatur vor Muhammed gefunden. Für uns bildet dieser Umstand schlechterdings keinen Beweis. Keinen wenigstens, der nicht vielleicht unsere Ansicht vielmehr zum genauen Gegentheil bestätigen möchte. Wir wissen, wie Literaturen sein können und ausgeprägt worden sind; oder hatten die Phönicier, die Chaldäer, die Etrusker niemals irgend welche Literatur? Wir wissen zufällig das Gegentheil, obgleich Nichts, um nicht zu sagen. Schlimmeres als Nichts, nämlich mehr oder weniger verdorbene Reminiscenzen, von alldem übrig geblieben ist. Und weiter, wir haben deutlichen Beweis im Koran selbst, daß sie nicht nur au courank. blieben in Hinblick auf die Haggadah, — Beweis alle Legenden des Islam, — sondern sogar die Halachah. Muhammed citirt 4*