Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 38 (1874)
- Issue
- Heft 3 (13.1.1874)
- Date
- 1874-01-13
- Page
- Seite 42 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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42 Reiches, wie es jetzt beschaffen, und des Bismarck'fchen Regimes insbesondre, zu sein scheint. Als Führer dieser Partei sieht er Lasker an. Dieser Name hat bei den Franzosen'keinen guten Klang. Man weiß hier sehr wohl, daß im entscheidendsten Momente 1870 sich die Herren Lasker und von Bennigsen nach München begaben, um für eine Mehrheit in der baierischen Kammer zu Gunsten der Kriegserklärung gegen Frankreich, gegen das Votum des Ausschusses dieser selbigen Kammer zu wirken, was denn auch glückte. Da ist es denn, nachdem Lavisse die Persönlichkeit Laskers in sehr ignobeler Weise behandelt hat, besonders — der Jude, den er ihm aufmutzt. Sie sehen, Dies war der nächste Weg, um auf die Juden zu schmähen, und damit wieder Lasker herunterzusetzen. Der Haß ist in solchen Mittelchen nicht wählerisch, verfehlt aber fein Ziel dadurch am ehesten. Er sagt: „Um nicht zu sagen, daß man ihnen ihre Reichthümer, ihren Luxus, das Quartier Unter den Linden, von dem sie bis auf Weniges die alleinigen Eigentümer sind, beneidet — (Dies ist vollständig unwahr, denn verhältnißmäßig nur eine kleine Zahl Häuser Unter den Linden gehört jüdischen Besitzern an, Redact.) man wirft ihnen vor, nicht die deutsche Tiefe zu besitzen, oberflächliche Bücher zu schreiben, — (hiergegen die deutschen Schriftsteller jüdischer Religion und Abkunft noch zu vertheidigen, hieße diese beleidigen, Redact.) und materialistische Musik zu componiren." Woher hat nun Herr Lavisse diese und seine weiteren Behauptungen? Er verräth es uns selbst, indem er fortfährt: „Der Jude, sagte mir ein Conservativer, hat Nichts vom germanischen Charakter; sein Schädel gleicht nicht dem unsrigen, und hat er auch, wegen unserer Unduldsamkeit, niemals unser Privat- oder öffentliches Leben gelebt. Unsere alten Traditionen sind ihm unbekannt, er begreift Nichts von der Beschaffenheit unseres Gemüthes, von unseren Wünschen nach Neuerungen, die durch den Nespect vor dem Ueberkommenen beeinträchtigt werden. Bemerken Sie wohl, daß Lasalle, als Haupt Derer, welche das historische Deutschland zerstören wollen, Jude war, daß viele Juden Republikaner sind, andere wieder sehr einflußreiche Nationalliberale. Um ihrem „Modernen Staate" Raum zu schaffen, zerstören sie bis aufs Aeußerste, ohne nur Etwas von jener Trauer zu empfinden, die man fühlt, wenn man ein Haus, in dem man lange gewohnt hat, Stück auf Stück zerfallen sieht. Wissen Sie, wo sich ihre eifrigsten Mitarbeiter befinden? Das ist unter den Abkömmlingen Ihrer hugenottischen Flüchtlinge. Man giebt nicht genug Acht.bei uns auf dieses Einverständniß, und ich fürchte sehr, daß diese Fremden mit ihrer absoluten Richtung in unserem alten Deutschland Ruinen schaffen, die nicht wieder aufzurichten sind." — Es ist uns fraglich, ob der Herr Lavisse diese Worte wirklich aus dem Munde eines deutschen Conservativen vernommen hat. Denn die Anklage, die er gegen die Abkömmlinge der hugenottischen Emigranten schleudert, ist in der That gauz neu, und deutet doch vielmehr auf französischen Ursprung, d. h. ans französische Einbildung hin. Jedenfalls will er aber die Worte von einem Conservativen, und Dies heißt doch bei dem gegenwärtigen Stande der deutschen Parteien nichts anderes, als von einem stockaltpreußischen Reactionär, ausgesprochen wissen, — und Dies ist uns genug. Großbritannien. Oxford, im December. (Privatmitth.) Es ist erfreulich, daß auch die englische Hochkirche sich dem Einflüsse der Zeit, namentlich wenn er als. ein dringendes Bedürfniß auftritt, nicht zu entziehen vermag, und — tolerant wird. So wurde vor Kurzem an der hochkirchlichen Universität Hierselbst unser bekannter gelehrter Glaubensgenosse, Herr Adolph Neubauer, zum Unterbibliothekar an der Bodleiana ernannt. Italien. Aus Oberitalien, 29. December. (Privatmitth.) Die von der israelitischen Gemeindeadministration von Turin den Gemeindegliedern zur Abstimmung vorgelegte Frage über die Aufhebung des Jom tob scheni schel Galujot hat in. der Gemeinde und auch außerhalb in einigen Städten der Provinz eine unerwartete Aufregung verursacht. Sonderbar! Vor ungefähr zwanzig Jahren war es eine Gemeinde (die von Mantua), welche auf Abschaffung drang; die dortigen Rabbiner hatten damals Gutachten von nah und fern eingezogen, welche beinahe einstimmig „nein" lauteten. Diesmal ist es der Rabbiner, welcher die Initiative ergreift und die Gemeinde ist dagegen! Und wie! Hören Sie einmal den Bericht, den gedachte Gemeindeverwaltung am 18. l. M. über das Ergebniß der Abstimmung vom 10. l. M. veröffentlicht. Von 157 Stimmenden sind 146 gegen die Aufhebung des Jom tob scheni. Die sehr ehrenwerthe Gemeindeverwaltung begleitet diesen Bericht mit einigen Bemerkungen. Ungeachtet der großen Stimmenmehrheit der Abstimmenden für die Beibehaltung, meint der Gemeinderath, wäre die Aufhebung legal gewesen, da die Beistimmenden mit denen, die keine Stimmzettel abgaben, und die man stillschweigend als mit der Aufhebung zufrieden annehmen will, wie solches ausdrücklich in der Aufforderung erklärt wurde, doch eine bedeutende Mehrheit constituiren würden. Allein es wird des lieben Friedens willen davon abgestanden. Die Stimmzettel enthielten nicht bloß sachgemäße Antworten, sondern sogar ungeziemende Aeußerungen, welche etwas Anderes als religiösen Eifer voraussetzen lassen. Mit der Abstimmung selbst noch nicht zufrieden, hat sich auf Anregung einflußreicher Gemeindeglieder, welche, wie es heißt, weder den ersten, noch den zweiten Tag halten, ein Comitö gebildet, welches Unterschriften sammelte, um den Gemeinderath zur