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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1874-01-13 · Heft 3 (13.1.1874) · p. Seite 41

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
38 (1874)
Issue
Heft 3 (13.1.1874)
Date
1874-01-13
Page
Seite 41 (sequence 9)
Language
German
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41 wie sie es zu jeder Zeit, besonders aber im Jahre 1868 mit der sogenannten galizischen Resolution versuchten. Bekanntlich haben sie, in kluger Benutzung des im Schooße des damaligen Bürgerministeriums entstandenen Zwiespaltes und der in Folge dessen über Oesterreich hereingebrochenen Wirren, am 24. September d. I. ungeachtet eines förmlichen Protestes von Seiten der Ruthenen und des damaligen Abgeordneten von Kolomea, Dr. Hönnigsmann, in aller Eile, eine Resolution gefaßt, in welcher sie nichts mehr und nichts weniger forderten, als eine völlige, nahezu unbeschränkte Autonomie auf dem Gebiete der sinanciellen, communalen und politischen Gesetzgebung, und eine nahezu vollständige Unabhängigkeit vom Reichsrathe und von der Reichsregierung. Wessen sich unsere Glaubensbrüder von Seiten des siegenden Polenthums, falls diese Resolution Gesetzeskraft erhielte, zu versehen hätten, Das zeigt einerseits der weitere Verlauf der Resolutionsfrage im Reichsrathe, und andererseits das Verhalten der Polen uns gegenüber. Denn, als am 6. December 1871 bei Gelegenheit der im Resolutionsausschusse geführten Debatte das Ausschußmitglied Dr. Kuranda die schüchterne Frage an die polnischen Mitglieder wagte: ob auch die Juden Galiziens mit der Resolution einverstanden wären , da gaben der galizische Exminister Dr. Grocholski und der Präsident des polnischen Clubs Dr. Zybliewicz die Erklärung ab, daß die Israeliten in Galizien vom Reichsrathe Nichts wissen wollen. Ob Dem wirklich so ist, Das haben die jüngsten Wahlen der Polen ad oeulos demonstrirt. Nun ist das Schicksal dieser Ne- .solution, die der Verfassungspartei und der Regierung so viel zu schaffen gab, endgiltig: entschieden, und auch die Juden sind von diesem Alp, der so schwer bisher sie drückte, hoffentlich für immer befreit, indem nicht mehr der meistens aus clerical-feudalen Elementen zusammengesetzte lemberger Landtag, sondern das ganze Land, die gesammte Bevölkerung Abgeordnete in den Reichsrath wählt. Als ein. bezeichnendes Symptom für die Wirkung, den der Umschwung der Verhältnisse, wie der Ausgang der Wahlen auf die Polen hervyrbrachte, gilt einerseits das kleinlaute Auftreten derselben im gegenwärtigen Reichsrathe und im eben tagenden Landtage, andererseits aber die leidenschaftliche Heftigkeit, mit welcher die scandalsüchtige Gazeta Narodowa in Lemberg und der ultramontane Czas in Krakau gegen Juden und Judenthum auftreten. Die erste Frucht dieser Giftsaat ist der am 22. c. im lemberger Landtage eingebrachte und angenommene Antrag, der dahin abzielt, den Rabbinern die Führung der Civilstandsregister zu entziehen. Hoffen wir, daß die Regierung diesem mit den bestehenden Gesetzen im Widerspruche stehenden Anträge die Sanction nicht ertheilen wird. Nachträglich theile ich Ihnen mit, daß, wie in allen Orten Oesterreichs, so auch hier das 25jährige Jubiläum des Kaisers Franz Joseph in allen Synagogen würdig gefeiert wurde. Wenn irgend wer, so .hatten unsere hiesigen Glaubensgenossen vollen Grund, ja die . dringendste Pflicht, diese patriotische Feier freudig zu. begehen, und sowohl dem Allmächtigen für die erlangte Freiheit und für die wiedergewonnene Anerkennung ihrer Menschenwürde und Menschenrechte, als auch dem Kaiser dafür aus tiefster Seele zu danken, daß er die Schmach, die auf ihnen während der ganzen Periode des ehemaligen sogenannten krakauer Freistaates so centnerschwer lastete, äbnahm, und sie zu freien Bürgern, zu Menschen machte. Ich enthalte mich hier, die Lage der Juden während jener Periode zu schildern und einen Vergleich zwischen Einst und Jetzt anzustellen. Viele unserer gegenwärtigen Zeitgenossen haben diese traurigen, schmachvollen Zustände mitgefühlt und miterduldet; Vielen sind die Verfolgungen, die Nergeleien, die systematisch getriebene Verdummung und Depravirung des Volkes, deren Folgen sich an den hiesigen Juden noch heute fühlbar machen, noch in ungetrübter Erinnerung; der jüngeren Generation aber würde ich die bekannten Reiseschilderungen von Mundt, und die des englischen Menschenfreundes Howkins, über die auch die Allgemeine Zeitung des Judenthumes seiner Zeit ausführlich berichtet hat, zur Lectüre und — zur Belehrung anempfehlen. *) Dr. S. D—z. Frankreich. Paris, 28. Dec. (Privatmitth.) Ein hiesigen Korrespondent Ihres Blattes hat sich über den Aufsatz des Erneste Lavisse „Ein Besuch im deutschen Reichstage" ausgesprochen. AbH erhielt sich lediglich an dessen Behauptung, daß, wenn Julwnd ben Muth. hätte, in Deutschland den Wiedereinschluß der Juden in die Ghetti zu beantragen, er allgemeine Zustimmung finden würde, eine Behauptung, die um so unwahrer ist, als ein solcher Antrag schon oft genug von den Feudalen und Ultramontanen öffentlich gestellt worden, ohne anders als durch die Bewilligung immer größerer Zugeständnisse für die bürgerliche Gleichstellung beantwortet zu werden. Aber Herr Lavisse hat mehr gesagt, wie aus dem Aufsätze im ersten Novemberhefte der kevne de deux mondes selbst zu ersehen ist, und aus seiner Anklage gegen die Juden eine ganze Episode in seiner Schilderung des Reichstages gemacht. Es drängt sich da die Frage auf: wie ist er hierzu gekommen? und aus welcher Quelle hat er.sie geschöpft? Hierüber, nicht etwa zu einer Widerlegung, gestatten Sie mir wohl einige Zeilen. Denn es ist einmal nicht gleichgiltig, solche Aeußerungen in einer durch die ganze gebildete Welt verbreiteten Zeitschrift, welche freilich jetzt mehr von ihrem früher erworbenen Ansehen lebt, und gerade in einem solchen Berichte anzutreffen. Lavisse will die verschiedenen Parteien des deutschen Reichstages schildern. Sein besonderer Grimm , fällt dabei auf die nationalliberale Partei, weil sie als die eigentliche Stütze des deutschen *) Ganz besonders müssen wir in dieser Hinsicht der Reisebriefe des sel. Dr. Barasch in dieser Zeitung Erwähnung thun, welche die Zustände und Sitten in Galizien bis m's Detail schilderten. ■. Redaction. 3

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