Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 38 (1874)
- Issue
- Heft 3 (13.1.1874)
- Date
- 1874-01-13
- Page
- Seite 40 (sequence 8)
- Language
- German
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40 zwischen Oesterreich und Preußen bei (allerdings nur im Sinne seiner Auftraggeber), der einige Jahre später eine gewaltsame Auseinandersetzung unvermeidlich machen sollte. Unter Beust glaubte man, für's Erste dieser Art des Kampsspiels entrathen zu müssen, und so ward Di-. Weil in ein ruhigeres Bureau versetzt und mit dem Referat über die französische Presse betraut, während ein anderer College von der Feder, vr. H. Orges, früher Chefredacteur der Allg. Zig., neben ihm den Bericht über die englische Presse bearbeitete. Dem Glauben seiner Väter war Weil allezeit treugeblieben, und trotz des ultramontrnen Regiments, welches zur Zeit seiner Uebersiedelung in Oesterreich herrschte, war ihm seines mosaischen Bekenntnisses halber nie ein Stein in den Weg gelegt worden. Noch im Laufe dieses Sommers stand er an der Spitze einer Deputation, welche dem Schah von Persien das Schicksal der persischen Juden nahelegen zu müssen glaubte. Nach der Abreise des Schahs machte man die Entdeckung, daß die betreffende Petition Weils und Genossen in den Papierkorb gewandert war, woselbst sie ungelesen wieder aufgefunden wurde. Hofrath Dr. Weil ist der Schwiegervater des bekannten Dramatikers Mosenthal." (Man sieht leicht, daß die obige Correspondenz nicht aus einer, Herrn Dr. Carl v. Weil, — derselbe ist durch einen Verdienstorden geadelt, — günstigen Feder geflossen ist. Die bedeutende schriftstellerische Begabung und die echte Glaubensrreue Weils gehen jedoch aus der obigen Mittheilung hervor. Weil war übrigens vor seiner Uebersiedelung nach Berlin durch die Herausgabe der in Stuttgart erscheinenden „Constitutionellen Jahrbücher" rühmlich bekannt, und hatte die constitutionelle Sache in Deutschland mit Eifer und Geschick gefördert. Ludwig Philipp hatte ihm, wenn wir nicht irren, aus diesem Gesichtspunkte den Orden der Ehrenlegion verliehen. Redact.) Krakau, im December. (Privatmitth.) Gestatten Sie mir, nochmals auf die letzten galizifchen Reichsrathswahlen zurückzukommen. Die Angelegenheit ist für die . Entwickelung des Berfassnngslebens, für die freiheitliche Bewegung in Oesterreich im Allgemeinen, wie für die Zukunft unserer Glaubensgenossen in Galizien besonders, von solcher Tragweite, es knüpfen sich an dieselbe so viele vitale Interessen, daß, von welchem Gesichtspunkte aus auch betrachtet, sie uns immer neue Seiten und Aussichten bieten wird. In richtiger Würdigung dieser Angelegenheit haben Sie derselben auch viele Aufmerksamkeit in Ihrem Blatte zugewendet, und Ihre Leser auf dem Laufenden erhalten, — so daß wir hier nicht wenig darüber überrascht waren, wie Sie da „draußen im Reiche das große Interesse, das sich auch für uns an die diesmaligen galizifchen Reichrathswahlen knüpft", so bald erkannt und herausgefühlt haben. Dieses große Interesse liegt nun nicht etwa darin, daß unsere galizifchen Glaubensgenossen einige Sitze im österreichischen Reichsrathe einnehmen (was, beiläufig gesagt, auch nicht gering anzuschlagen ist); nein, die Ursache liegt tieferdie Motive sind umfassender, mehr allgemeiner Natur. Erlauben Sie nun mir, Dies näher auszuführen. Die jüngst stattgehabten Wahlen haben, durch die lebhaft geführten Agitationen und die mannigfachen, dabei in Anwendung gebrachten Schliche und Ränke, durch die verzweifelten Anstrengungen, welche beide im Lande sich feindlich gegenüberstehenden Parteien, die polnische und die ruthenische, machten, um jede für sich die Juden zu gewinnen, diese sowohl aus dem politischen Marasmus, als aus der geistigen Stumpfheit, in welcher sie bis nun verharrten, mächtig aufgerüttelt und ihrem Geiste eine nie geahnte Schwungkraft, ihnen selbst ein Selbstbewußtsein und die Erkenntniß von ihrer Bedeutung verliehen. Die hierländische jüdische Bevölkerung begann Einsicht in ihre Lage und in die zwischen den feindlichen Lagern ihr gebührende vermittelnde Stellung zu gewinnen, daß sie ein nicht mehr zu ignorirender Factor in dem Parteigefüge ist, ein Factor, mit dem von nun an bei allen künftigen politischen Vorkommnissen gerechnet werden muß. Vielleicht wird dieser Umstand und diese gewonnene Erkenntniß auch dazu beitragen, neues Leben in den erstarrten Gliedern anzufachen und mehr Bewegung in die stagnirenden, den altpolnischen Schlendrian nachtretenden Gemeinden zu bringen; vielleicht wird das Gros der jüdischen Bevölkerung dadurch auch in intellectueller und religiös-sittlicher Beziehung zur besseren Einsicht und Erkenntniß gelangen, und sich von der Nothwendigkeit einer besseren Jugenderziehung, der Bildung, der Gesittung und einer mehr geregelten, productiven Arbeit durchdringen lassen. Denn es kann Das nicht genug eindringlich unseren galizifchen Brüdern an's Herz gelegt werden, daß nur durch eine verbesserte und geregelte Jugenderziehung, nur durch Bildung und Gesittung, und eine durch diese bedingte und daraus resultirende religiös-moralische Regenerirung ihnen geholfen werden kann; nur diese allein vermögen sie aus dem materiellen und moralischen Elend, welchem sie verfallen, zu entreißen, und ihnen und dem Indenthume Anerkennung zu verschaffen, um sich in der erlangten Freiheit und Gleichberechtigung gegenüber ihren gemeinschaftlichen Widersachern, die auf Schritt und Tritt auf der Lauer sind, sie ihnen zu entreißen, dauernd zu behaupten. Aber noch in anderer Hinsicht ist der Ausfall der letzten Wahlen von eminenter Wichtigkeit für uns. Ich meine in politischer Beziehung. Das Ergebniß der Wahlen hat den Nim-, bus, den das Polenthum bisher um sich zu verbreiten gewußt, gründlich zerstört, und die Scheu, welche die Verfassungspartei in Oesterreich vor der jedesmaligen, bloß aus Polen bestehenden galizifchen Landtagsdelegation bisher hegte, und die gleich einem Alp auf ihnen lastete, wie im Handumdrehen aufgelöst; jenes Ergebniß zeigte vor aller Welt, daß die Polen keineswegs die Alleinherrscher hier zu Lande sind, wie sie es bis vor nicht lange Jedermann glauben machen wollten, und daß sie folglich nicht allein berechtigt sind, im Namen des ganzen Landes zu reden,