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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1874-01-13 · Heft 3 (13.1.1874) · p. Seite 39

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
38 (1874)
Issue
Heft 3 (13.1.1874)
Date
1874-01-13
Page
Seite 39 (sequence 7)
Language
German
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39 Weise" sich hatte „beikommen" lassen, schlug sich das Auditorium ganz. unzweideutig auf Lasters Seite, und seine Wahl zum Reichstagsabgeordneten ist trotz der zahlreichen und gut organisirten demokratischen Partei, trotz Ultramontanen und Socialen gesichert. Aus dem Münsterlande, 28. Dec. Die W. Pr.-Ztg. schreibt: „In was für Zeiten wir hier noch leben, daran erinnern uns wieder einmal folgende verbürgte Facta: In vorigem Jahre wurde in der Nähe des Dorfes Enniger (bei Beckum) ein Mädchen ermordet in der Angel seinem kleinen Flüßchen) gefunden. Der Thäter war nicht zu ermitteln. Mehrere Verdächtige wurden eingezogen, mußten aber aus Mangel an Beweis wieder entlassen werden. Da wurde plötzlich der Verdacht auf einen Juden gelenkt. Der hatte, nämlich im Anfänge geäußert, er habe an dem betreffenden Abende, da er mit einem anderen Viehhändler vom Bahnhof Beckum nach E. gegangen, nach jener Richtung hin ein Jammern zu hören geglaubt, was ihm jedoch von seinem Begleiter in Abrede gestellt worden sei. Da sollte nun der Jude unbedingt den Mord begangen haben, „denn", belehrten gewisse Leute von E. die Bauern, „die Juden müssen Christenblut haben, insbesondere zu ihrer neuen Synagoge". Diese aus dem Rumpelkasten des Mittelalters hervorgeholte blödsinnige Anklage ward von jenen Herren überall zum Besten gegeben. Anfangs lachte man darüber, doch die Bauern wurden fanatisirt, glaubten und handelten danach. Durch verschiedene Aussagen kam der betreffende Jude auch vor den Untersuchungsrichter, und als er in Folge seines Mbibeweises sofort wieder entlassen wurde, da hieß es gar, der Jude habe den Richter bestochen, was von jenem sofort zur Anzeige gebracht ward. Man chikanirte alle Juden des Dorfes, wo und wie man nur konnte, denn' nach jener Anklage waren sie ja alle an der That betheiligt; vor Allem, hieß es, müsse die neue Synagoge (die sich die kleine Gemeinde mit schweren Opfern erbaut) zur Sühne und zu Ehren der Verstorbenen in eine Capelle umgewandelt werden. Endlich nahte der Namenstag der Verstorbenen (Elisabeth), — der sollte gehörig gefeiert werden. Die Erlaubniß dazu war vom Amtmann und Pastor eingeholt und ertheilt. In aller Stille wurden Vorbereitungen getroffen. Am Nachmittag vorher wurden Böllerschüsse gelöst, ohne daß die Uneingeweihten den Grund kannten; zum Glockengeläute war die Erlaubniß versagt worden. Gegen Abend wurde es lebendiger im Dorfe, die Einwohner wurden zusammengetrommelt und bald wimmelte es von Menschen; denn auch aus der Umgegend hatten sich Viele eingefunden. Nun ging's . im großen Zuge durch's Dorf, singend, lärmend und schießend. Zuerst zog man vor die Synagoge: Aufstellung, Schuß auf Schuß und dann ein Hagel von Steinen, daß die Fenster klirrten; allgemeiner Jubel folgte. Ein Kreuz wurde auf die Thür gemalt und auf die Wände „St. Elisabethcapelle" geschrieben. Nach dieser Heldenthat ging's vor die Judenhäuser: Gesang, Lärm, Schuß und Wurf wechselten ab. besonders laut ging es vor dem Hause des betreffenden Juden her. Er war die Dinge, die da kommen sollten, nicht ahnend, in ein Wirthshaus gegangen;• man faßte ihn dort und hätte ihm den Garaus gemacht, hätte der Wirth ihn nicht den Milchenden entrissen und auf feiner Stube versteckt. Die Polizei war wohl zu schwach, um den Brutalitäten Einhalt zu thun, doch war ein Amtmann und ein Pastor im Dorfe, deren Einfluß groß, und die gewiß mit einem Worte den Pöbel zur Ruhe hätten bringen können. Die Sache wurde zur Anzeige gebracht; da aber der Herr Amtmann sich ziemlich lässig zu zeigen schien, ging man zum Landrath. Der griff energisch ein, und an den folgenden Abenden ward mit Hülfe einiger Gensdarmen weiteren Excessen vorgebeugt, doch wiederholten sich Chikanen aller Art, wie Fenstereinwerfen u. s. w. ^fast täglich, insbesondere Sonntags. Es geht das Gerücht, zu Sylvester habe man wieder einen Hauptcoup vor. Hoffentlich gelangt Dies bei Zeiten zur Kenntniß der Behörde, daß sie die nöthigen Maßregeln zu treffen vermag. Eine jüdische Familie ist bereits in Folge dieser Vorkommnisse aus dem Dorfe gezogen, und da Das die Fanatischen sehen, wollen sie es noch ärger machen, um sie alle herauszutreiben: denn „die Juden sind doch an Allem schuld." (Es muß doch auffallen, daß die Behörden, da sie von der Stimmung im Dorfe, sowie von der Gesinnung der bei der ländlichen Bevölkerung maßgebenden Personen Kenntniß hatte, nicht nachdrücklichere Maßregeln ergriffen. Redact.) Oesterreichisch - ungarische Monarchie. Wien, 29. Dec. Der Köln. Ztg. schreibt man von hier: „Der bisherige Hofrath im auswärtigen Amte, Dr. Weil (etwa Vortragender Rath nach deutscher Rangordnung), hat mit einer kaiserlichen Auszeichnung die nachgesuchte Versetzung in den Ruhestand erhalten. Hofrath Weil, ein geborener Württemberger, gehörte zu jener Phalanx streitbarer Geister, welche wie Biegeleben, Gagern u. A. „aus dem Reich" in den österreichischen Staatsdienst berufen wurden, um hier ihre Begabung im Dienste der großdeutschen Ideen,, wie sie seiner Zeit am Ballhausplatze gepflegt wurden, zu verwerthen. Der nun pensionirte Hofrath war in den 50er Jahren Leiter der „Constitutionellen Zeitung" in Berlin gewesen, und von dieser Epoche wohl auch in Norddeutschland nicht ganz vergessen. Graf Nechberg zog ihn als deutsche Capacität nach Wien, und da ihm stets ein reger Sinn für gouvernementales Wirken innegewohnt haben mochte, so bereitete ihm der Uebergang aus dem amtlichen Lager des einen Staates in dasjenige des anderen keine besonderen innerlichen Schwierigkeiten. Hofrath Weil wurde mit der Fabricirung der öffentlichen Meinung, wie sie das damals noch nicht verfassungsmäßige Regiment brauchen konnte, betraut, und seine Leistungen als Preßleiter trugen nicht wenig zur Verschärfung jenes Conflicts

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