Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 38 (1874)
- Issue
- Heft 3 (13.1.1874)
- Date
- 1874-01-13
- Page
- Seite 38 (sequence 6)
- Language
- German
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38 Meitu,vi<fl6wcccf2Zic&t&vi' Deutschland. Berlin, 2. Januar. (Privatmitth.) Wenn in der Denkschrift des berliner Gemeindevorstandes die Zahl der Mitglieder der orthodoxen Separatistengemeinde auf 100 angegeben worden, so muß man nicht glauben, daß Dies die Anzahl der wirklichen orthodoxen Glaubensgenossen hierselvst sei. Denn wie einerseits unter diesen 100 Separatisten nicht Wenige sind, die für ihre Person durchaus nicht orthodox leben, sondern nur ihrem Oppositionsgelüste folgen: so ist auch die Zahl der orthodox Gesinnten ungleich größer, nur daß sie der Tendenz des Herrn Hildesheimer sich durchaus uicht anschließen wollen. Bekanntlich ist die große alte Synagoge diesem Theil der Gemeinde eingeräumt, und außerdem bestehen noch viele einzelne Betlocale. Die Anzahl der orthodoxen Juden beläuft sich Hierselbst auf Tausende, wenn auch die Mehrzahl der hiesigen Juden dem modernen Standpunkte angehört. Ueberhaupt muß man gegenwärtig diese beiden Meinungsverschiedenheiten als factisch bestehend ansehen, und' beide thäten sehr gut daran, von allen Streitigkeiten, besonders aber von allen Schmähungen abzulassen, und es nur der Energie ihrer Lehre und der Ueberzeugung der Individuen anheimzugeben, welcher Seite sie sich zuwenden wollen. Im Allgemeinen kann man sagen, daß Rußland und Polen, die Türkei, die asiatischen und afrikanischen Länder noch unbedingt dem orthodoxen Judenthume angehören, wenn auch in den beiden ersten Ländern in Talmudisten und Chassidim getheilt. Dahingegen ist die Mehrzahl der Juden in Deutschland, Frankreich, Italien, Belgien, den skandinavischen, amerikanischen und australischen Ländern dem modernen Judenthume zugethan. In England und Holland ist Dies nicht der Fall, und in Ungarn variirt es in den verschiedenen Ortschaften. Die Mehrzahl unserer Religionsgenossen ist also noch der Orthodoxie ergeben. Wie man aber auch von diesen beiden Glaubensmeinungen denke, gewiß ist, daß sie in der Masse doch keine wirkliche Spaltung, keinen tiefgehenden Riß hervorgebracht haben. Man sucht sich in der Wirklichkeit so gut es geht auszugleichen, und an eine eigentliche Propaganda ist nicht zu denken. In allen dringenden Bedürfnißfragen wird die Meinungsverschiedenheit gar nicht in Betracht gezogen. Ein orthodoxer Vater wird schließlich einem andersdenkenden Glaubensgenossen die Hand seiner Tochter nicht versagen, wenn er auch die Bedingung machen wird, daß das Haus seiner Tochter jüdisch geführt werde. Deshalb ist auch jene Tendenz einer so geringen Zahl unserer deutschen Glaubensgenossen, eine wirkliche Spaltung hervorzurufen und diese im Bestände so vieler Gemeinden, als es ihnen gelingen möchte, durchzuführen, eine durchaus verwerfliche, die bei dem vorherrschenden Sinne unserer. Glaubensbrüder doch nicht vielen und dauernden Erfolg haben wird. — Daß die Zahl orthodoxgesinnter Juden in Berlin bedeutend ist, und sich auch so erhält, kommt besonders aus dem Zuzuge aus der Provinz Posen und zum Theil auch Schlesien. Weniger sind bekanntlich die Auswanderer aus Polen und Rußland in der Regel entschieden, die Treue gegen die herkömmliche Lebensweise zu bewahren. —Unsere Hyperorthodoxen haben sich übrigens soeben wieder einmal blamirt. Die „N. Z." berichtet: „In Betreff der am Sonnabend, den 10. Januar statthabenden Reichstags wähl hat sich Herr Districtsrabbiner S. B. Bamberger zu Würzburg, wegen Betheiligung der israelitischen Reichsangehörigen, telegraphisch an das kaiserliche Reichscanzleramt gewendet, und wurde demselben hierauf telegraphisch folgender Bescheid zu Theil: „Berlin, 19. December 1873. Herrn Districtsrabbiner Bamberger, Würzburg. Die Ausübung des Wahlrechtes ist möglich, ohne daß der Wähler am Wahltage selbst schreibt. Wahlzettel kann entweder schon am Tage vorher oder auch am Wahltage selbst durch einen Vertreter geschrieben werden. Ueberdies wird die Abstimmung erst 6 Uhr Nachmittags, also fast zwei Stunden nach Sonnenuntergang, geschlossen. Eine Beeinträchtigung jüdischer Reichsangehöriger liegt daher in der Bestimmung des Wahltages nicht. Reichscanzleramt. (gez.) Eck." Alles, was hier das Reichscanzleramt sagt, konnte sich ein gewiegter rabbinischer Casuist doch wohl selbst sagen, und jeder vernünftige Laie wird darüber keinen Augenblick in Zweifel sein. Man will aber partout Lärm machen. Frankfurt am Main, 30. December. Die bevorstehenden Reichstagswahlen bieten hier das interessante Schauspiel, daß zwei Juden sich als Candidaten gegenüberftehen: Sonnemann als Candidat der sich hier zu vereinigenden demokratischen, socialistischen und ultramontanen Partei, und Lasker als Erkorener der National-Liberalen. Es wird darüber von hier berichtet : Vorgestern noch, wo es bekannt wurde, daß Herr Sonnemann auf „wiederholtes dringendes" Ersuchen seiner demokratischen Parteigenossen sich zur Uebernahme eines Mandats für ven Reichstag bereit erklärt, vorgestern noch konnte man es für zweifelhaft halten, ob er mit Hülfe der social-demokratischen Partei eisenacher Richtung und der Ultramontanen, oder ob der von der national-liberalen Partei aufgestellte Dr. Lasker den Sieg bei dem Wahlact davon tragen würde. Seit gestern Abend, wo Lasker vor beiläusig 2000 Zuhörern im „Saalbau" sein politisches Glaubensbekenntniß abgelegt, hat ein solcher Zweifel keine Berechtigung mehr. Der Beifall, den sein zweistündiger Vortrag fand, war ein in diesen Räumen vielleicht kaum je dagewesener. Und als am Schluffe seiner Rede zwei unglückliche Socialdemokraten den Versuch wagten, den gewandten Redner über zwei Ausdrücke zu interpelliren, die er, Lasker, in der ersten Reichstagssitzung über die Socialdemokraten, richtiger, über die pariser Commune, und in seinem heutigen Vortrage „ungeschickter