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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1874-01-13 · Heft 3 (13.1.1874) · p. Seite 37

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
38 (1874)
Issue
Heft 3 (13.1.1874)
Date
1874-01-13
Page
Seite 37 (sequence 5)
Language
German
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37 Iesaicrs (Cap. 6), des Ezechiel (Cap. 1 bis 3), und selbst des Jeremias (1, 11 ff.) bei ihrer Berufung nicht poetische Kunstwerke? Ist, um nur ein Beispiel von vielen anzuführen, Jesaias 5, 1 bis 7 kein poetisches Kunstwerk? Nein, eine Betrachtung der hebräischen Poesie ohne Berücksichtigung der prophetischen Schriften kann nur ein lückenhaftes Bild geben. — Wir freuen uns, hiermit unsere wesentlichen Ausstellungen abgethan zu haben. Sobald Prof. Steiner zur Sache selbst kommt, können wir seinen Ansichten, sowie seiner Ausdrucksweise nur unsere Anerkennung zollen. Sein Resultat ist: „Es bleibt der hebräischen Poesie für alle Zeiten der Vorzug, echte, unverfälschte Naturpoesie zu sein, ein durchaus originales Product eines gesunden Volksgeistes, und solcher Originalliteraturen giebt es wenige, ich nenne die indische, griechische und germanische. Wohl läßt sich mit diesen die hebräische nicht vergleichen an Fülle und Vielseitigkeit des Inhalts, sie beschränkt sich in der Hauptsache auf eine Gattung, die Lyrik, und auch in der Lyrik haben z. B. die Griechen ein viel weiteres Gebiet menschlichen Lebens und Strebend umspannt und weit kunstvollere Formen geschaffen, als die Hebräer, aber in Einem sind die Hebräer unübertroffen: in U n m i t t e l b a r k e i t und F r i f ch e, Tiefe und Lebendigkeit der Empfindung. Je weniger ihre Dichter durch ein kunstreiches Metrum sich gebunden fühlen, um so leichter können sie ihr Inneres ganz und voll ausströmen lassen, und was das Menschenherz zu allen Zeiten am meisten bewegr hat, der Zug nach dem Ewigen, im Wechsel des Irdischen Bleibenden, das Suchen nach Einheit und geistigem Zusammenhang in den Ursachen alles Geschehens, die Sehnsucht nach Ruhe und Frieden in Gott, die Seligkeit der Gemeinschaft mit ihm, mit einem Wort: das religiöse Gefühl, — nirgends im Alterthnm ist es so schlicht, innig, lebendig zum Ausdruck gekommen, wie bei den hebräischen Dichtern, und wir können auch von ihnen sagen: sie haben nicht nur zu ihrem Volke, sondern zur Menschheit gesprochen." — Wir können uns hiermit einverstanden erklären, nur daß der Verfasser neben der Lyrik auch die von ihm selbst wacker besprochene hebräische Didactik hätte hervorheben sollen, die, wir erinnern nur an das Buck- Hiob, die Didactik in allen Literaturen übertrifft, man denke z. B. an die Georgica. Auch Dies wäre zu bemerken, daß die classische Lyrik sich allzusehr in der mythologischen, nationalen und zeitlichen Sphäre bewegt, so daß sie nur dem Gelehrten verständlich ist, so Pindar, so Horaz, während die hebräische Lyrik vielmehr bei aller Jndividualisirung die allgemein menschlichen Empfindungen und Verhältnisse behandelt. Darunr hat sie ihren Platz bei allen Menschen jeder Zeit und jeder Stufe der Bildung gefunden, dem Ungebildeten wie dem Gebildeten 'Erhebung, Tröstung und Veredelung gebracht, und so eine unermeßliche Wirkung geübt, während die griechische und lateinische nur zur Bildung des Geschmackes, zum Muster der Kunstform diente. Was Einzelheiten betrifft, die kritischen Ansichten über Abfassungszeit, die Beleuchtung der einzelnen Bücher u. dgl., so wollen wir hier nicht näher darauf eingehen, sondern nur einiges Wenige hervorheben. So scheint uns der Verfasser den sg. Parallelismus nicht genügend zu würdigen, wenn er ihn nur von seiner gedanklichen Seite betrachtet. Er ist nicht blos rhetorisch, und wenn auch nicht metrisch, doch von großen! rhythmischem Belang. Er giebt dem Verse seine Gliederung in zwei Hälften und bewirkt so die Hebung und Senkung (Arsis und Thesis), welche dem hebräischen Verse seine Eigenthümlichkeit verleiht. Diese Hebung und Senkung findet sich bekanntlich auch in jedem längeren griechischen Metrum, wie dem Hexameter und Pentameter, ohne jedoch hier eine gedankliche Rolle zu spielen, also ohne ein entsprechendes Verhältniß zwischen Form und Gedanke zu fordern. — Die Auffassung der Sprüche als Ganzes bei Steiner genügt uns nicht. Wir sehen in demselben die Anweisung: wie auf dem Boden des Gottglanbens und der Gottesfurcht das wirkliche Leben aufzufassen und zu führen sei, die Verwerthung jener in allen Einzelfällen des Lebens. Ebensowenig gelangt er zum vollen Verständniß des Buches Hiob, wenn er als dessen Resultat angiebt, „daß man nicht speculiren, sondern glauben soll, Gott fürchten und das Böse meiden." Dies ist nur das Ergebniß der ersten Hälfte des Buches, 28, 28. Die zweite Hälfte stellt eben die neue Erkenntniß auf: Alles in der Welt Gottes hat außer seinem Zusammenhänge mit dem ganzen einen von Gott gegebenen Selbstzweck, wie in der Natur, ganz unabhängig von der Macht und dem Nutzen des Menschen, so auch im Geschick des Menschen, der durch dasselbe zum „Lichte des Lebens" geführt werden soll. — Auch damit können wir uns nicht einverstanden erklären, daß im Prediger Problem und Lösung, Skepsis und Glauben unvermittelt bleiben. Es liegt eben nicht auf der Oberfläche. Der Zweifel und der Glaube, die Nichtigkeit des Irdischen und die göttliche Vergeltung werden als zwei Thalsachen behandelt, über deren Wahrheit der Erfolg entscheidet, indem jener unglücklich und übersättigt, dieser fröhlich, bewußt und zuverlässig macht. Aus dieser Besprechung der vorliegenden kleinen Schrift wird der Leser erkennen, daß wir dieselbe in vielfacher Beziehung würdigen, und für den Gesichtspunkt, den sie einhält, als ein tüchtiges Rch'umo der jetzt vorherrschenden Ansichten und Urtheile empfehlen.

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