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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1874-01-13 · Heft 3 (13.1.1874) · p. Seite 36

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
38 (1874)
Issue
Heft 3 (13.1.1874)
Date
1874-01-13
Page
Seite 36 (sequence 4)
Language
German
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36 hohe Alterthum der israelitischen Poesie muß daher stets beachtet werden. Noch weniger können wir den Mangel an Plastik und Malerei bei den Hebräern mit dem Verfasser nicht „in religiösen Bedenken" begründet finden. Dies war allerdings das hauptsächlichste Culturmoment, welches dem Hebräer hierin wie auch im Drama entgegenstand. Wer beachtet, daß sich die hellenische Plastik und das hellenische Drama durchaus an ihre Mythologie und die in dieser wurzelnde Heroenwelt lehnte, Der kann nicht verkennen, daß die Hebräer bei ihrer Anschauung des göttlichen und alles geistigen Wesens als unkörperlich und gestaltlos, bei ihrer Vorstellung der Natur und aller Naturerscheinungen als geschöpflicher Dinge, die ihr lebendiges Wesen und ihre ganze Persönlichkeit nur aus dem Willen und der Macht der unfaßbaren Gottheit erlangt haben und immerfort erlangen, weder zur Plastik, noch zum entwickelten Drama kommen konnten. Trat hierzu nun das entschiedene Verbot, lag für die Nation eine Existenzfrage in der Verhinderung der Ausübung dieser Künste, so fehlte den letzteren jeder materielle Boden, ohne den sie ja nicht gedeihen können. Als die Israeliten aus dem babylonischen Exil zurückkehrten, und eine neue Geistesblüthe entstanden war, hatten sie ja das Vorbild einer großartigen Architectonik und Plastik mitgebracht. Sie konnten davon aber keinen Gebrauch machen, weil — der gestärkte religiöse Geist ihnen darin schnurstracks entgegenstand. Nicht minder trat die eigentliche Entwickelung des reichen arabischen Geistes erst mit und nach Muhammed ein, und hier galt dasselbe Verbot. Die assyrische Kunst und die üppige Entfaltung der arabischen Plastik auf dem ihr gestatteten Gebiete, z. B. der Arabesken, die von ihr den Namen tragen, beweisen zur Genüge, wie falsch es ist, den Mangel der Plastik und des Dramas auf eine psychologische Formel zurückzuführen, und damit dem Menschengeiste für seine Entfaltung schablonenartige Grenzen zu ziehen. Unsere Leser wissen, daß wir dieser Tendenz entgegenkämpfen, auch weil sie factische Folgen hat, die Völker und Nacen einander gegenüberstellt und Hochmuth und Selbstüberschätzung bewirkt. Ist doch die Plastik und das Drama der modernen Völker nur eine Nachahmung der hellenischen Kunst, und die erstere nur eine mäßig glückliche. Darum ist das moderne Drama dennoch nicht blos zu großartiger Entwickelung und Originalität gelangt, sondern selbst national geworden. — Prof. Steiner führt aber Alles auf ein psychologisches Moment der Semiten zurück. Er sagt: „Dem Semiten fehlt die Gabe, sich in die Totalanschauung eines äußeren Gegenstandes ruhig zu versenken, alles Einzelne in seiner Beziehung zum Ganzen richtig aufzunehmen. Er haftet zu sehr am Einzelnen, was gerade hervorsticht, sein Gefühl besonders afficirt, und so vermag er auch selbst keine Gestalten zu schaffen." Man sieht leicht, wie wenig diese Phrase vor den großen und entscheidenden geschichtlichen Momenten, die wir oben angeführt, die so viel und so deutlich erklären, und welche schließlich zeigen, daß es zwischen den einzelnen semitischen Völkerschaften an Verschiedenheiten, ja an Gegensätzen nicht fehlte, wie wenig, sagen wir, solche ethno-psychologische Phrase zu bedeuten hat. Aber sie ist auch nicht wahr. Was den letzten Satz betrifft, daß der Semite keine Gestalten zu schaffen vermag, so erweist sich die Unrichtigkeit schon durch die Neigung der Hebräer, Babylonier und Araber zur Darstellung von Visionen, zum Ausdruck ihrer Vorstellungen und Gedanken in visionären und allegorischen Gestalten. Da ihrer Phantasie der Ausdruck in der Plastik nicht gestattet war, drang sie darauf, ihre Anschauungen in Gestalten und Vorgängen, in phantastischen Gebilden durch das Wort auszuprägen; dieselbe Neigung, welche nüchterner in Gleichnissen zu reden, in Erzählungen, Fabeln und Parabeln eine plastische Ausprägung zu gewinnen überaus liebt. Die andere Behauptung, daß den Semiten die Gabe fehle, alles Einzelne in seiner Beziehung zum Ganzen richtig aufzufassen, findet bei Prof. Steiner selbst ihren Widerspruch. Wenn er mit schönen Worten darthut, wie die Hebräer die ganze Natur als eine Einheit auffaßten, in welcher alles Einzelne zum Ganzen in enger Beziehung gedacht wird, wie sie in Gott die Weltseele des Universums, aber auch den belebenden Willen und den bestimmenden Gedanken jedes einzelnen Wesens schauen; wenn er viele Aussprüche citirt, wie jedes einzelne Geschöpf ein lebendiges Werkzeug für den Willen Gottes, also ein wirksames Glied für das Ganze ist: so hat er offenbar seiner eigenen psychologischen Formel die Spitze abgebrochen. Die Beurtheilung der hebräischen Poesie nach Maßgabe der griechischen Poetik hat in dem Vortrage des Prof. Steiner noch eine andere Mangelhaftigkeit hervorgebracht, nämlich, daß er die poetische Rede, d. i. die Poesie der Propheten, ganz ausschließt. Da er die theologische Seite, und zwar seinem Zwecke gemäß mit vollem Rechte, aus seiner Betrachtung wegließ, durfte er das poetische Moment der Propheten nicht außer Acht lassen. Diese poetische Rede ist, neben dem religiösen Liede, das eigentlichste Erzeugniß, das ausschließlichste Eigenthum der hebräischen Volkspoesie, welche einen schwachen Abglanz in den neutestamentlichen und midraschischen Schriften, einen stärkeren, aber wilderen und ungeregelteren im Koran, und eine bald mehr, bald weniger kräftige Nachahmung in der modernen Kauzelberedtsamkeit gefunden. Wie die politische und juridische Beredtsamkeit ein Product der Griechen, so ist die poetische ein Erzeugniß der Hebräer. Für die erstere hat selbstverständlich die griechische Poetik keine Stelle; aber darum durfte die letztere in einer hebräischen Poetik nicht fehlen. Wir haben prophetische Stücke, die nicht blos durch die Fülle und Kühnheit der Bilder, durch die Plastik der Gestalten und Gleichnisse zur höchsten Poesie gehören, sondern auch als abgerundete und wohlgeformte Kunstwerke. Wenn der Verfasser schon die bloße Gnome, die oft nur ein einfacher Erfahrungssatz ist, wenn er selbst das skeptische Naisonnement des Predigers zur Poesie rechnet, wie konnte er die poetische Rede der Propheten davon ausschließen? Sind die Visionen des

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