Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 38 (1874)
- Issue
- Heft 3 (13.1.1874)
- Date
- 1874-01-13
- Page
- Seite 35 (sequence 3)
- Language
- German
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35 bet dem objectiver gebliebenen Latein der allgemeinen Gelehrtensprache nicht der Fall war. Der große Umfang und die weite Verbreitung der jüdischen Gebetpoesie erweist Dies; auch war die jüdische Gelehrsamkeit weit tiefer in das Volk eingedrungen. Jedenfalls bildet daher die jüdische Poesie des Mittelalters ein sehr bedeutendes culturhistorisches, literarisches und religiöses Moment. Ganz übersieht aber der Verfasser die Poesie der midrafchischen Literatur (Agadah), welche in völlig volksthümlicher Art -neben der talmudisch-halachischen Geistesthätigkeit einherging, selbst in der alttestamentarischen Poesie nur zarte Reime hatte, und von jeder Nachahmung weit entfernt ist. Sie ist dem Volksgeiste entsprungen, und ans dessen Befriedigung gerichtet und berechnet. — Daß wir im alten Testament nur ein Fragment der hebräischen Poesie besitzen, ist richtig; ob aber mit dem Verfasser zu behaupten ist, daß „die Differenz zwischen dem vollen Bestand der Literatur und dem uns überlieferten nicht groß anzuschlagen" sei, scheint uns doch zweifelhaft. Gerade aus der ersten und ursprünglichsten Periode sind uns einige Titel eines umfänglichen Schriftthums erhalten, dessen kleine Ueberreste eine entschiedene und sehr naturwüchsige Poesie verrathen, deren Verlust unsere Erkenntniß der hebräischen Poesie sehr mangelhaft läßt. Auch weiß man, daß im Gange des Erhaltens und Verschwindens auf dem Boden der Literatur nicht immer der Werth und die Bedeutung, sondern viel öfter der tückische Zufall, eine spätere einseitige Richtung, die Compilation *) u. dgl. entscheiden. Gerade wenn uns in einer Literatur ein einziges Meisterwerk seiner Art entgegentritt, ist uns damit der Beweis geliefert, daß dasselbe das Product einer längeren Entwickelung war, und wir müssen voraussetzen, daß es noch viele und mehrere Erzeugnisse dieser Art gegeben hat. Wenn uns z. B. nur ein oder zwei Dramen des Sophokles erhalten geblieben wären, wie mangelhaft nur könnten wir die griechische Tragödie beurtheilen. Wo es aber an literatur-geschichtlichem Geiste fehlt, werden uns nicht einmal die Namen der verloren gegangenen Schriftsteller und Bücher anfbehalten sein. Hebt der Verfasser das Hohelied als erotische Poesie, und zwar von der sittlichsten Tendenz hervor, so hätte er auch den 45. Psalm als einen Hymenäus heranziehen müssen, und auch dieser steht nicht isolirt. (S. unseren Commentar zu diesem Psalm.) Schon diese beiden meisterhaften Gedichte müssen uns die Ueberzeugung geben, daß dieser Zweig der Dichtung eine umfängliche Entwickelung hatte. Vielleicht ist uns daS Hohelied nur gerettet worden, weil es - sich an den Namen Salomo's knüpfte. So können uns auch das Buch Hiob und der Prediger nur lehren, daß das philosophische Denken und die daraus erwachsene didaktische Poesie ein großes Element des geistigen Lebens in Israel ausmachten, wie denn auch die Ge¬ *) So sind uns z. B. durch die Compilation des Jalkut Schimcoui viele midraschische Werke verloren gegangen, wie wir ähnliche Verspiele in der griechischen und lateinischen Literatur haben. Die compilatorischen Schriften verbreiteten sich, und die Originalwerke verloren sich. schichtsschreibung bei dem Verluste reicher Annalen unvollständig überliefert ist. Das Buch Ruth, das Buch Esther und vor Allem das Buch Jona bedeuten uns, daß eine sehr reiche Literatur von sogenannten Volksbüchern, d. h. die unmittelbar dem Bedürfniß und der Vorstellungsweise des Volkes entsprechen sollten, vorhanden gewesen. Wir verweilten hierbei etwas länger, um anzudeuten, wie gefährlich es ist, über das ganze Geistesleben eines Volkes aus den beschränkten Ueberresten, die uns überliefert worden, abznurtheilen und, wie der Verfasser es thut, daraus ans die Psychologie und die genetischen Geistesanlagen des Volkes zu schließen, und Dies um so mehr, je weiter diese Literatur in das Alterthum hinaufgreist. — Der Verfasser schreitet auf seinem negativen Wege weiter. Er huldigt hier der jetzt gewöhnlichen Methode, die Hebräer als ein Glied der Semiten zu betrachten, und aus diesem Gesichtspunkte eine allgemeine Charakteristik, den Jndogermanen gegenüber, zu geben. Da spricht er ihnen denn jede wissenschaftliche Leistung, jede Bedeutung in der Baukunst, alle Plastik und Malerei ab, welche „bei den semitischen Völkern und zumal bei den Hebräern fast keine Stätte gefunden". Der Verfasser vergißt hierbei, daß die Assyrer ein semitisches Volk waren, in der Baukunst Großartiges geleistet und die Plastik mit bedeutender Entwickelung und in weitem Umfange geübt haben. Es ist jetzt kein Zweifel, daß die Hellenen bei ihrer Vollendung in der Architectonik und Plastik doch nicht so originell waren, wie man früher annahm, sondern daß die egyptische und die assyrische Kunst ihre Lehrerinnen waren und die eigentlichen Erfinderinnen. Die Hellenen waren die späteren, und ihrer glücklichen Begabung kam eine große Entwickelung des politischen und socialen Lebens zu Hülfe, wie sie sich eben ans der späteren Periode und ihrer geographischen Lage ergab. Dasselbe ist auch hinsichtlich der Dichtungsarten zu bemerken, wenn der Verfasser den Semiten das Epos und das Drama abspricht. Er kann nicht verkennen, daß, wenn auch diese beiden Dichtungsarten in ihrer entwickelten und vollendeten Weise bei den Hebräern nicht auftraten, doch Anfänge und Anklänge vorhanden sind, — wie denn auch für das Drama bei den nicht indogermanischen Chinesen eine reiche und großartige Entwickelung stattfand. Das griechische Drama und die griechische Lyrik traten ebenso wie die griechische Plastik erst verhältnißmäßig in einer späten Periode, im der eines durchwühlten und mannichfaltigen politischen Lebens auf, wohl vier Jahrhunderte nach dem Epos, das mit der reichsten Entwickelung der hebräischen Poesie in der Zeit zusammenfiel. Es ist daher unleugbar, daß bei solchen Beurtheilungen stets die geschichtlichen Momente vorwiegend berücksichtigt werden müssen, und man deshalb mit der jetzt beliebten psychologischen Erklärung vorsichtig sein muß. Der eigentliche sociale und politische Kampf fehlte bei den Hebräern, deren gesellschaftliche Existenz von vornherein auf sehr freiheitlichen Principien, namentlich der individuellen Freiheit ruhte. Selbst das Königthum änderte darin wenig. Dies und das 3*