Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 38 (1874)
- Issue
- Heft 3 (13.1.1874)
- Date
- 1874-01-13
- Page
- Seite 34 (sequence 2)
- Language
- German
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34 seiner Bewegung und seinem Willen wieder gewisse Schranken setzen. So kommt es, daß der Mensch auch hierin ein Mittelgeschöpf ist, daß, wie seine Natur der Freiheit, so auch nicht der Beschränkung entbehren kann. Wir nehmen diese letztere freiwillig auf uns, indem wir eine Verpflichtung eingehen, deren Tragweite wir oft im Voraus nicht zu bemessen verstehen; wir werden aber auch in dieselbe hineingeboren und dem Mitgliede eines Staates, einer Religionsgenossenschaft, und schon der Familie liegen Pflichten ob, die ihn binden, deren Verletzung ein Vergehen seinerseits ist, und die ihm ohne seinen Willen und ohne seine Zustimmung geworden sind. Dies also ist die wirkliche Stellung des Menschen zwischen Freiheit und Unfreiheit, und das Ergebniß ist, daß jeder Zustand, der sich völliger Ungebundenheit nähert, ebenso verderblich und auf die Dauer unerträglich ist, wie der der Knechtung. Was folgt hieraus? Daß jede Befreiung nur dann erst einen Werth hat, wenn mit ihr die Darbringung einer anderen, positiven, mit der Freiheit in richtigem Verhältniß stehenden Gestaltung verbunden ist. Wer den Menschengeist vom Aberglauben befreit, aus den Banden eines falschen Glaubens erlöst, falsch theils an sich, theils durch die Gewalt, die er über das Leben der Menschen sich angemaßt, hat nur ein halbes Werk gethan, das um so schlimmer ausfällt, wenn er hiermit nur zum zerstörenden Unglauben, zum trostlosen Materialismus den Weg eröffnet hat oder gar dahin leitet. Nein! nur wenn er den geläuterten Gottglauben, wie er sich aus der Entwickelung des Menschengeschlechts, in der Uebereinstimmung der Vernunft und des Herzens, Dessen, was unser ganzes Wesen als wahr und bestehend fordert und fühlt, mit Dem, was unser Geist erforscht und denkt, darstellt, wenn er den Gottglauben, wie er aus dem Boden des Mosaismus erwachsen, durch die Jahrtausende emporgesprossen, und in der Berührung mit wahrer Bildung und Wissenschaft sich läutert, wenn er diesen Gottglauben dem vom Aberglauben befreiten Menschen entgegenbringt, lehrt und dafür begeistert, hat er ein ganzes Werk vollbracht, und seine That ist eine Wohlthat und ein Segen. Nein! mit der Zerstörung der alten Kirchen, mit der Sprengung kirchlicher Fesseln, mit der Beseitigung erstarrter Orthodoxie ist es nicht gethan, wenn Ähr dieselben Geisteskräfte, mit denen Ihr Jenes vollbracht, nur dazu anwendet, den Geist durch Spitzfindigkeit und trügerische Hypothesen zu verkehren und das Herz zu veröden. In der That, dieses Werk des Unglaubens hat weit geringere Dauerhaftigkeit als das Werk des Aberglaubens, und treibt erfahrungsgemäß oft genug in den Aberglauben zurück, und befestigt diesen für Alle, welche Eurem Befreiungswerke nachzufolgen nicht vermochten. Den menschlichen Geist zu bereden, daß er nur auf dem Wege des dialektischen Beweises und der kritischen Vernunft zum Ziele der Freiheit gelange, während ihm eine solche Freiheit nicht möglich ist, oder doch nur mit der Auflösung alles Denkens und der Unterdrückung alles Empfindens enden kann, — das ist Euer großer und grober Jrrthum, dessen Euch doch die Erfahrungen der Geschichte bewußt machen sollten. Nochmals nein! die Befreiung vom Aberglauben, von den alten kirchlichen Banden und der starrgewordenen Orthodoxie muß mit dem geläuterten Gottglauben, mit all' dessen Consequenzen für Sittlichkeit des Individuums und der Gesellschaft innig verbunden, vollständig verwachsen sein. Nur dann ist der Mensch wahrhaft frei, nur dann hat die Freiheit ihren echten und wahren Inhalt erhalten, nur dann ist sie eine Freiheit, welche, nicht einer einzelnen Seite, sondern der ganzen Natur des Menschen enspricht. Dies ist aber auch zugleich das Judenthum, das wahre Judenthum, und dieses allein. Die hebräische Poesie. Essays und Vorträge sind in der neuesten Zeit sehr beliebte Darstellungsformen geworden. Die ersteren versenken sich in irgend einen speciellen Gegenstand, den sie seiner Eigenart nach genauer betrachten, ohne seine allgemeinen Beziehungen zu erörtern; die letzteren hingegen wollen die allgemeinen Resultate, die Werthe, welche sich aus langer Forschung ergaben, zum Bewußtsein bringen. Beide wenden sich an das allgemeine gebildete Publicum. Nach dem Vielen, was seit Jahrzehnten über die poetischen Theile des alten Testaments geforscht, commentirt und durchsprochen worden, ist es natürlich, daß sich auch Essays und Vorträge über diesen Gegenstand einstellen. Aus diesem Gesichtspunkte können wir einen uns vorliegenden Vortrag des Prof. Steiner in vielen Beziehungen rühmend anerkennen.*) Wie es sich von selbst versteht, wird darin von der eigentlichen theologischen Ansicht ganz abgesehen, und nur der ästhetische Gesichtspunkt festgehalten. Aus diesem die Resultate der modernen Betrachtungsweise und Forschung dem gebildeten Publicum in lebendiger und anregender Sprache mitzutheilen, ist der Zweck des Prof. Steiner. Hieraus erfließen aber auch einige Mängel, die uns bei der Bedeutsamkeit des Gegenstandes bewegen, etwas genauer auf die kleine Schrift einzugehen. — Der Verfasser will sich auf die poetischen Bücher des alten Testaments beschränken, weil die gesammte „neujüdische Poesie" nur ein Kunstproduct, auf dem Boden der Nachahmung, wie die lateinische Poesie des Mittelalters, nicht im Volksleben, sondern in der Studirstnbe entstanden sei. Wir können Dies nicht ganz zugeben; denn die hebräische Sprache hatte bei den Juden des Mittelalters doch ein ganz anderes, specisisch religiöses und nationales Leben, um nicht für sie einer zweiten Muttersprache zu gleichen, wie Dies *) Ueber hebräische Poesie, Vortrag gehalten im Rathhaussaale zu Zürich von vr. Heinrich Steiner, Professor der Theologie in Zürich. Basel, Schweighauser 1873.