Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 38 (1874)
- Issue
- Heft 3 (13.1.1874)
- Date
- 1874-01-13
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3226960-3226964--32275-3255232- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Allgemeine Zeitung des Iudenthums Cm unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich einmal in 2 vis 2V2 Bogen. Preis BierteMhrig 1 Thlr. Inserate werden mit 2 Ngr. für die Pctitzeile oder deren Raum berechnet. Alle Buchhandlungen, Postämter und Zeitungs-Expeditionen nehmen Bestellungen an. Herausgegeben von Rabbiner Dr. Ludwig Philippsoll in Bonn. Verlag von Baumgärtner's Buchhandlung in Leipzig. In redactionellen Angelegenheiten wende man sich an vr. L. PhiliWson in Bonn; hinsichtlich deS Bezugs und der Inserate an Saumgiirtiler'r Suchliandlnng inLeipzig. Inserate, welche bis vonnerrtag eingehen, finden inderraranffolgenden Nummer Berücksichtigung. 38. Jahrgang. Leipzig, den 13. Januar 1874. JW 3. Inhalt. Leitende Artikel: Was ist Freiheit? — Die hebräische Poesie. — Zeitungsnachrichten: Deutschland: Berlin, Frankfurt am Main, Aus dem Münsterlande — Oesterreichisch-ungar ische Monarchie: Wien, Krakau. — Frankreich: Paris. — Großbritanni en: Oxford. — Italien: Aus Oberitalien. — Rußland: Berlin. — Am er i ka: Newyork. — Chile: Plymouth. — Feuilleton: Warnungstafel. — Co rr espondenz: Berlin. £eilciu)o (Xtbi/Ilef. ' Bonn, den 7. Januar. Was ist Freiheii? Bei aller Bedeutung der Freiheit, bei aller Liebe zur, bei aller Begeisterung für die Freiheit dürfen wir niemals vergessen, daß die Freiheit an sich inhaltslos ist. Freiheit ist, daß wir unseren Willen nach eigener Beabsichtigung und Ueberzeugung durch die uns zu Gebote stehenden Mittel bethätigen können; also erst durch diesen Willen erhält die Freiheit einen Inhalt. Freiheit ist, nicht gebunden, gefesselt, geknechtet zu sein in der Bewegung des Geistes, des Willens, der Thatkraft; aber erst durch die Richtung und Ausführung dieser Bewegung gelangen wir zu einer Realität, zu einer Verwirklichung der Freiheit. So lange daher die Freiheit nichts weiter ist als eine Befreiung -aus bestimmten Banden, aus Fesseln, die uns drücken, hat sie ihren eigentlichen Werth noch nicht erlangt. Denn allzuoft geschieht es, daß wir bei dem Verlassen des altgewohnten aber unfreien Pfades darum in die Irre gerathen, weil wir einen anderen Weg, den wir frei betreten sollen, nicht kennen, und nun in der uns gewordenen Freiheit umherschweifen, ein Ziel entweder nicht vor Augen haben oder verfehlen, und schließlich in eine andere Gefangenschaft gerathen, die uns noch verderblicher, noch trostloser werden kann, als die alte Unfreiheit. Dies hat sich bei politischen Revolutionen oft genug bewährt; denn weil dieselben nur als Zerstörung des bestehenden Joches auftraten, ohne daß dafür schon ein neues politisches Gebäude aufgerichtet war, und weil der einmal erwachte Freiheitsdrang nach immer weiterer Befriedigung trieb, verschlangen die Phasen der Revolution sich immer von Neuem, bis die ermattete Nation einer neuen Unfreiheit in die Arme sank. Dasselbe aber findet auf dem geistigen Gebiete statt. Die Befreiung vom Aberglauben führt zahllose Geister bis zum Gegensatz, zum Unglauben und Materialismus. Das ist freilich eine Freiheit, aber etwa wie eine Freiheit in der Wüste oder in den Wildnissen Amerikas. Alles in der Natur ist Gesetz und dem Gesetze unterworfen; Alles in der Natur ist also gebunden, unfrei. Der Mensch allein ist für die Freiheit befähigt, also bestimmt, und zwar durch den Willen und durch die Entwickelung des Geistes. Die letztere ist eine Thatsache, die sich in jedem Menschen vom Erwachen seines Bewußtseins an, in jedem Volke von seinem Naturzustände an erneuert, und wahrlich auch an der ganzen Menschheit sich erweist. Selbst Diejenigen, welche eine fortschreitende Entwickelung der Menschheit nicht zugestehen wollen, müsien doch die Entwickelung selbst cinräumen. So viel aber auch an der Freiheit des menschlichen Willens gemakelt und gezerrt worden ist: sie ist doch thatsächlich vorhanden, und man wird dem gesunden Menschenverstände das Gegentheil niemals beweisen können. Aber ebenso wenig ist zu verkennen, daß der Mensch für eine vollkommene Freiheit nicht geschaffen ist. Wie er körperlich und geistig an bestimmte Gesetze angeschlossen ist, so kann sich auch weder sein Geist bewegen, noch sein Wille sich bethätigen, ohne mit Dingen und Personen in Beziehung zu treten, die