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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1874-01-06 · Heft 2 (6.1.1874) · p. Seite 26

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
38 (1874)
Issue
Heft 2 (6.1.1874)
Date
1874-01-06
Page
Seite 26 (sequence 10)
Language
German
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26 werden konnte. Hiermit will ich mich aber doch nicht als gerechtfertigt ansehen, und lieber die Motive für ein so auffälliges Benehmen aufsuchen. Feitel hat sich in unserer Erzählung selbst die Frage vorgelegt: Warum warst du eigentlich so dumm und hast die unnütze Haarschnur bei dir aufbewahrt? Er gibt selbst einige Gründe an. Er will sie als ein Zeichen des Sieges über den todten Leeser, doch noch in den Besitz der Braut dieses ihm so sehr verhaßten Menschen gekommen zu sein, sich angeeignet haben. Und Dies ist psychologisch gar nicht unwahrscheinlich. Der Mann war fanatisch angelegt. Sein Aerger über seine Abweisung und seine Eifersucht, daß das Mädchen seiner Liebe einem Andern angehören sollte, waren so fanatisch in ihm geworden, daß er die Tödtung dieses Mannes beförderte, freilich ohne selbst Hand anzulegen, womit er sich wahrscheinlich vor seinem eigenen Gewissen rechtfertigte, und weshalb er die sonst natürliche Scheu, Etwas von dem Getödteten in die Hand zu nehmen, nicht hegte. Diese seine Leidenschaft — und leidenschaftlich war er ja auch in seiner Geldgier und seinem Geize — befriedigte sich nun durch den Erwerb des Zeichens, womit Sara seinem Nebenbuhler den Vorzug, den sie ihm gebe, erwiesen hatte. ' Die Schnur aus dem Haare des Mädchens in seinem Besitz war ihm die Vorbedeutung dieses Besitzes selbst. Gut. Aber warum hatte er sie aufbewahrt? Warum nicht später vernichtet, als alle diese Leidenschaft, sammt seiner Liebe erloschen war? Hier treffen wir auf eine andere Nachtseite. Denn daß er die Schnur in dem von ihm ungebrauchten geheimen Schubfach ganz vergessen habe, wie einmal angedeutet wird, wäre doch erst für eine spätere Zeit eine Erklärung. Aber er legt seiner von ihm angeschuldigte Frau bei, was wohl in seiner eigenen Seele vorgegangen, nämlich der Aberglaube, daß sich Glück und Geschick an den Besitz von irgend Etwas knüpfe, was einem gewaltsam getödteten Menschen angehört habe, sei dieser durch die Hand eines Mörders, oder die des Henkers aus dem Leben geschafft worden. Es ist Dies Aberglaube, finsterer, schädlicher Aberglaube. Wer ist aber frei von Aberglaube? Nicht der vernünftigste, aufgeklärteste, klar denkendste Mensch. In irgend einem Winkel seiner Seele steckt ihm der Aberglaube und springt unverhofft bei irgend einer Veranlassung hervor, die ihm zur Vorbedeutung, Ahnung, zu Fatalismus, zu Gesichten, und wenn auch nur zum Schauer in der Dunkelheit wird. Wir sind dessen niemals ganz sicher, und es heftet sich an uns, und wir werden es nicht wieder los. Die Natur der menschlichen Seele scheint unvermeidlich dazu geneigt; denn man hat erlebt, daß die aufgeklärtesten Zeiten sich dem Aberglauben am widerstandslosesten wieder ergaben. Die beflügelte Einbildungskraft, beflügelt von jedem Affect, der sich unserer bemächtigt, und die allzu leichte Sinnestäuschung, daß unsere Sinne Anderes gewahren, als vorhanden ist, diese sind die Eltern des Aberglaubens, die Erziehung ist seine Pflegerin. Denn! was die sorgfältigste Obhut zu vermeiden sucht, Das bringt die Lectüre und der Umgang doch herein. Am meisten hat sich der Aberglaube.an den Tod geknüpft, an das Schwinden der lebendigen Wesen aus dem irdischen Dasein, und der. Glaube an das Dasein.im Jenseits hat jenem die mannichsaltigste Gestalt bereitet. . Wir können uns der Ahnung nicht erwehren, daß mit unseren dahingeschiedenen Freunden und Feinden die Verbindung nicht ganz abgebrochen sei, und welche Fülle des Aberglaubens ist hieraus entsprungen! Selbst dem Glauben an die göttliche Vergeltung wurde eine Menge Kinder des Aberglaubens untergeschoben, und der Verbrecher mußte nach seinem Tode auf der Stätte seines Frevels umgehen, bis dieser gesühnt war. Allerdings hat eine bessere Schulbildung viel von diesem Unwesen verscheucht; aber es haftet doch im Volke noch viel mehr, als wir gewöhnlich denken, und kommt von Zeit zu Zeit in erschreckendem Maße zum Vorschein. Der Wunderglaube ist eine Krankheit, die, wenn sie aufgetreten, mit reißender Schnelligkeit die Bevölkerung ganzer Länder ergreift, ja die Reise um die Welt macht. Wir haben es in den gebildeten Classen am Tischrücken und Geisterklopfen gesehen, und im Volke erfahren wir es jetzt an den Wundererscheinungen in Frankreich. Nun, wir Juden sind auch nicht frei davon geblieben. Allerdings lehrte der Mosaismus nur einen einzigen G.ottgeist, der allein Herr ist über alle Höhen und Tiefen, und eine einzige Geistesart, die des Menschen, und das Gesetz eiferte streng gegen Alles, was an Zauberei, Wahrsagerei, Todtenbeschwörung, Geisterberufung u. s. w. grenzte. Aber schon zwischen Gott und dem Menschengeiste fanden die Engel Platz, und in den geschichtlichen Büchern wird von mancherlei Erscheinungen berichtet. War Dies nun auch durch die Lehre in geheiligte Schranken verwiesen, so macht doch das Volk diesen Unterschied nicht und kann nicht wissen, wo die Gottesbegeisterung aufhört, und die Täuschung beginnt. Hat doch der König, welcher die Zauberer auf's Ernstlichste verfolgte, schließlich seine Zuflucht zu der Hexe von Endor genommen und sich den Geist Samuels heraufbeschwören lassen. Im babylonischen Exil wurde das Volk vorn chaldäischen Geifterspuk reichlich durchtränkt und brachte ihn in Fülle nach Palästina mit zurück. Im Talmud ist eine dichte Saat des Aberglaubens gesäet. Gute und böse Geister, große und kleine Kobolde, Erscheinungen der Todten, Magie, magische Mittel, kurz, Aberglauben aller Art knüpfen sich in ihm selbst an die Namen hochberühmter Lehrer und Weifen. Selbstverständlich ging das Meiste hiervon aus dem^Volke zu den Gelehrten über; so spielte u. A. „die Pflegemutter Abaii's" eine große Rolle in den magischen Heilmitteln. Bei den Gelehrten verblieb es, während es im Volke sich zum größten Theile verlor. Denn es hatte aus dem Aberglauben der kommenden Zeiten und der Völker, in deren Mitte es lebte, immer von Neuem zu schöpfen. Welche Fülle des Aberglaubens brachten dann die Kabbalisten zu Tage, und tröpfelten davon, so viel

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