Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 38 (1874)
- Issue
- Heft 2 (6.1.1874)
- Date
- 1874-01-06
- Page
- Seite 21 (sequence 5)
- Language
- German
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21 dritte Geschlecht in der Mitte der Volksmassen sich verloren, und jeder Erinnerung des früheren Stammes und Glaubens bar wurden.*) Es war Dies nicht minder ein verruchtes Spiel mit der Menschlichkeit. Man jagte die eine Hälfte in's Elend, in Untergang und Jammer; man zwang die andere Hälfte zum Uebertritt zur Kirche, und verfolgte diese dann aus dem Grunde, daß sie keine aufrichtigen Christen wären, — was sie doch gar nicht sein konnten; man belauerte sie auf Schritt und Tritt bis in den geheimsten Schlupfwinkel, gab sie der Denunciation und namenlosen Zeugenschaft preis, ja, forderte zu dieser mit Strafandrohungen auf, verhängte die Tortur, und sprach das vernichtende Strafurtheil um der nichtssagendsten Handlungen willen ans, bis man sie alle vernichtet hatte. Fürwahr, Dies entschuldigen, rechtfertigen, ja abmindern zu wollen, erscheint als eine Mitschuld an dem Verbrechen, wenigstens als ein Bekenntniß derselben Grundsätze. Und dieses Gefühls kann man sich nicht entschlagen, wenn man die Darstellung Hefele's liest, wie er den Ursprung der Inquisition, ihre Thätigkeit, die Vertreibung der Juden und die Behandlung der Morisko's zeichnet. Daß er die Inquisition ihres kirchlichen Wesens ganz zu entkleiven, daß er ihre Formen und Wirkungen in milderem Lichte darzustellen sich bemüht, wollen wir ihm von seinem Standpunkte aus nicht verübeln. Nichts aber entschuldigt ihn, um des müdesten Wortes uns zu bedienen, — wenn er die spanische Inquisition nicht allein nicht verurtheilt, sondern auch als gerechtfertigt hinstellt. Nach ihm entspricht nicht allein die spanische Inquisition den Sitten und Bräuchen der Zeit, — was doch dadurch zu Schanden wird, daß sie von allen anderen Ländern und von einigen Päpsten selbst perhorrescirt wird, — sondern die Juden selbst haben sie hervorgerufen und nothwendig gemacht. Schon den vorchristlichen Juden in Spanien schreibt er die Proselytenmacherei zu; durch alle Zeiten bis zu ihrer Ausrottung aus Spanien haben sie nach Nichts gestrebt, als ganz Spanien zu judaisiren; als sie im 14. und 15. Jahrhundert massenhaft hingeschlachtet wurden, waren sie nach Hefele auf Nichts bedacht, als ihre spanischen Peiniger, als die ganze spanische Nation mit ihren Fürsten, ihrem Adel, ihrer Geistlichkeit und ihrem fanatischen Volke —r zu Juden zu machen. 'Und nun gar diese Neuchristen, die eben dein Tode entronnen waren, und bei dem geringsten Versuche selbst, ein jüdisches Gesetz zu beobachten, den Tod vor Augen hatten, ihr Sinnen und Trachten war, wie wiederum Hefele versichert, lediglich die spanische Nationalität und das Christen¬ *) In anderen Ländern findet man kaum irgend Beispiele von Rückkehr zum Judenthumc. Gerade die fortgesetzte Verfolgung durch die Inquisition erhielt das Bewußtsein des Judcnthums in den Maraunen, und brachte eine Anzahl derselben zur heimlichen Flucht aus Spanien und zur Rückkehr zum Jndcuthume in Holland und der Türkei. Es erhellt daraus um so mehr, daß cs bei weitem weniger der Eifer war, die Maranuen zu guten Christen zu machen, der die Inquisitoren und ihre Freunde beseelte, als die Absicht, sie auszurotten und ihre Güter zn consisciren. thum aus der Welt zu schaffen! Da war die Inquisition allerdings ganz natürlich und unentbehrlich, und ihre Wirksamkeit war die größte Wohlthat für Spanien und die Marannen selbst! Dies ist die Geschichtsforschung und Geschichtsschreibung des Herrn Hefele. Er sagt: „Doch viel gefährlicher als die wirklichen Juden waren die scheinbar zum Chriftenthum bekehrten, deren Zahl seit der Judenverfolgung am Ende des 14. Jahrhunderts ungeheuer zngenommen hatte. Nissen schon jene einen großen Theil des Nationalvermögens und des spanischen Handels an sich, so bedrohten letztere eben so sehr die spanische Nationalität, wie den christlichen Glauben, indem diese verkappten Juden einerseits in eine Menge geistlicher Aemter, selbst auf bischöfliche Stühle sich einfchlichen, andererseits zu hohen bürgerlichen Ehren gelangten, in alle adeligen Familien hineinheiratheten und alle diese Verhältnisse sammt ihrem Reichthum dazu benutzten, um dem Iudenthum den Sieg über die spanische Nationalität und den christlichen Glauben zu verschaffen." Dies veranlaßt nach Hefele die Inquisition. Es sind Dies alles vage Behauptungen, die willkürlich an sehr vereinzelte und für das Ganze völlig unbedeutende Vorkommnisse geknüpft werden, und keinen wirklichen geschichtlichen Beweis für sich darzubringen haben. Muß doch Hefele selbst die Worte des Dr. Kunstmann citiren, „daß von der Erhebung eines Klerikers aus jüdischem Stamme auf einen bischöflichen Stuhl sich weder in früherer noch in jetziger Zeit auch nur ein einziges Beispiel findet." Wollte Hefele die Geschichte wahrheitsgetreu befragen, so hätte sie ihm aus jener Zeit eine leider lange Reihe von bekehrten Juden gezeigt, welche sich dem geistlichen Stande widmeten, und als die geschworenen Todfeinde des Judenthums und der Juden in Spanien auftraten, wirkten und den fanatischen Haß gegen sie mehr als irgend andere erregten und zu furchtbaren Ausbrüchen anfachten. Hefele verschmäht es auch nicht, die bekannten Fabeln von gewaltthätigen Handlungen der Inden beizubriugen, und zeichnet sich auch hierdurch selbst. Nein! mag immerhin die spanische Inquisition ebenso Staatswie kirchliches Institut gewesen sein; mögen die Schilderungen ihres Verfahrens durch die Phantasie und die Gegnerschaft nach mancher; Seite übertrieben sein, sie war und ist ein verdammenswerthes Tribunal nach Ursprung, Zweck, Einrichtung und Wirksamkeit; sie ist für alle Zeit eine Schmach für die spanische Nation, die sie geschaffen und erhalten, ein Flecken für die katholische Kirche, die sie bestätigt und geduldet hat. Hat sie zahlreichen Familien aus jüdischem und maurischem Stamme das Verderben, den Untergang bereitet: so hat sie doch noch mehr Unheil der spanischen 'Nation selbst gebracht, die noch heute nicht blos an den materiellen Schäden, sondern an der sittlichen Verwilderung krankt, welche vorzugsweise die Wirkung der Inquisition gewesen. Dies sind keine Uebertreibungen, keine Vorwürfe ans gegnerischen Motiven, sondern Thatsachen, die keine Verdrehung, Sophisterei und Heuchelei aus der Welt schafft!